Ein österreichischer Foschungsreisender, der 18 Jahre seines Lebens in Brasilien sammelnd und forschend verbrachte, stirbt wenige Jahre nach seiner Rückkehr. Der schriftliche Nachlass seiner ethnografischen Sammlung wird nie richtig ausgewertet, bis ein fränkisch-bayrischer Wissenschaftler, der selbst drei Jahre in Brasilien reiste, die Unterlagen durcharbeitete, Teile davon abschrieb, in einem eigenen Buch verwendete und seine Quelle weder zitierte noch anderweitig erwähnte.

Abschreiben ohne zitieren? PLAGIAT! Nein, nicht Guttenberg.

Aber es kommt noch schlimmer: Die oben genannten Vorgänge sind aus den Jahren 1817 bis 1867, d.h. 150 Jahre lang scheint es niemand aufgefallen zu sein. Rücktritt ist heute nicht mehr möglich, und ausgelegen ist der Fall schon lange.

Die Brasilien-Sammlungen von Natterer (Wien) und Martius&Spix (München)

Der Österreicher hieß Johann Baptist Natterer, der bayrische Forscher Carl Friedrich Philipp Martius. Im Jahr 1817 verließ der portugiesische Thronerbe Dom Pedro mit seiner österreichischen Gemahlin Maria Leopoldine, Tochter des Kaisers Franz I., und einer österreichisch-bayrischen Naturwissenschaftler-Eskorte Europa, um in Brasilien zu herrschen. Mit dabei: Natterer, Spix und Martius. Die beiden bayrischen Gelehrten waren von 1817 bis 1820 unterwegs und bei ihrer Rückkehr gesundheitlich schwer angeschlagen. Der Zoologe Johann Baptist Spix starb 1826 nach Veröffentlichung des ersten Bandes der Reisebeschreibung. Die ethnografische Sammlung der beiden Forscher ist heute im Staatlichen Museum für Völkerkunde München. Auffällig ist, dass die Angaben zu Vögeln und Material häufig falsch oder sehr ungenau sind. Außerdem sind etliche Stücke der falschen Ethnie zugeordnet. Das Sammlungsverzeichnis wurde erst im Jahr 1843 von Martius nachträglich angelegt, also über 20 Jahre nach der Rückkehr.

Johann Natterer reiste die unglaubliche Zeit von 18 Jahren durch Brasilien und kehrte erst im Jahr 1835 nach Wien zurück. Ethnografische Veröffentlichungen liegen von ihm nicht vor. Seine Tagebücher sind bis auf wenige Seiten verbrannt. Vorhanden sind seine Briefe während der Reise, Sammlungsangaben auf Etiketten und das Inventarbuch. Seine ethnografische Sammlung ist heute im Museum für Völkerkunde Wien. Auffällig ist, dass die Sammlungsangaben sehr genau sind, vor allem, wenn Vögel als Federlieferanten zu identifizieren waren. Verständlich, denn Natterer hat auch bedeutende ornithologische Sammlungen für das Wiener Naturkundemuseum angelegt.

Erster Verdacht und Suche

Nach einer ersten Sichtung und Bearbeitung des Federschmuckes der Natterer-Sammlung in Wien im Jahr 2004 fiel mir auf, dass die Eigenbezeichnungen der Munduruku für die verschiedenen Teile ihres Federschmuckes auf den Etiketten der Natterer-Objekte und in den Veröffentlichungen des ehemaligen Münchner Südamerika- Kurators Otto Zerries identisch sind. Ja mehr noch, wo Natterer keine Bezeichnung nannte, gab es auch keine bei Zerries (siehe Tabelle). Einen Hinweis auf Natterer gab es jedoch in den Veröffentlichungen von Zerries nicht. Spontan verdächtigte ich damals Zerries des Plagiats.

Da fast jeder über die Munduruku schreibende Wissenschaftler im Literaturverzeichnis einen Barbosa Rodrigues zitierte, der 1872 dieses Volk besucht hatte, begann die Suche nach dieser zunächst nicht auffindbaren brasilianischen Veröffentlichung. Zufällig stieß ich im Jahr 2007 bei einem Besuch der Bibiliothek des Museo di Antropologia e Etnologia in Florenz in einer Zeitschrift (Archivio per l'Antropologia e la Etnologia) von 1877 auf eine Rezension der Barbosa-Veröffentlichung durch Enrico Hillyer Giglioli (1845-1909) des ehemaligen Museumsdirektors des Florenzer "Museo di Storia Naturale". Daher war naheliegend, dass der Beitrag in dessen Bibliothek vorhanden gewesen war. Doch diese war nicht in Florenz, sondern im Museo Pigorini in Rom. Drei Jahre später fand ich dann in Rom nicht nur einen, sondern zwei Beiträge, die in Details nicht genau übereinstimmen. Einen, den alle kennen und zitieren, sowie einen unbekannten. Dort waren wieder ganz andere Munduruku- Namen für den jeweiligen Federschmuck genannt. Damit war klar, dass die Übereinstimmung von Zerries und Natterer nur ein Plagiat sein konnte.

Munduruku-Bezeichnungen bei Natterer, Martius und Barbosa

Beim Schreiben eines Beitrages zum Federschmuck der Munduruku für ein Buchprojekt von Christian Feest zur Natterer-Sammlung, fiel mir beim Durcharbeiten des Martius-Buches "Beiträge zur Ethnographie und Sprachenkunde Amerka's zumal Brasiliens" auf, dass dieser bereits 1867 die Munduruku-Terminologie von Natterer verwendete und plötzlich ornithologische Kenntnisse besaß, d.h. die Federn korrekt bestimmte. Ein intensiver Mailaustausch zwischen dem 9. und dem 11. Mai 2011 mit Christian Feest erbrachte das gemeinsame Ergebnis, dass "die Munduruku-Termini für die Federsachen nicht aus den Vokabularen Natterers stammen, die Martius von Tschudi erhalten hatte, sondern aus der Versandliste der VIII. Sendung." (Christian Feest, Mail vom 11.5.11) In der Veröffentlichung heißt es dann nüchtern: "Die Munduruku-Bezeichnungen des jeweiligen Federschmuckes sind vor allem aus zwei Quellen bekannt: von Natterer und von Barbosa Rodrigues. ... Die Angaben bei Martius (1867) bzw. Zerries (1980) können vernachlässigt werden, da die Angaben von Natterer übernommen wurden." (Schlothauer 2011) Sehr intensiv kann Otto Zerries den stets zitierten Beitrag von Barbosa Rodrigues nicht gelesen haben, sonst hätte er die Widersprüche bei den Munduruku-Bezeichnungen bemerken müssen.

 
 Natterer/Peixoto (1827)Barbosa (1885)Martius (1867)
Kopftrophäe pariua-á pariuá-á  
Kopfhaube akeri bzw. akeri kaha aquiri-aà akeri bzw. akeri kaha
Oberkörperband paro-oarà bzw. karorap ** carurape paro-oara
Gürtel   tempé-á  
Zepter [7] butà putá buta
Oberarmbinde [9] bombim-manjá báman bombim-manjá
Handgelenkbinde uitó tap ipé-á uitotap
Kniebinde   caniubiman  
Fussknöchelband   caniubi-cric  
Zeremoniallanze uba-ca-caip, uba-kakahi   uba cacahi (388)
Trompete bem, kio-haa, ko-go-gá ufuá beni, kiohoa
Federbogen   iraré  

Von allgemeinem Interesse ist dieser Nachweis, weil dadurch belegbar ist, dass über Martius die Forschungsergebnisse von Natterer schon 1867 Eingang in die Wissenschaft Brasiliens gefunden haben.

Interessant ist außerdem, dass in den Museen Rom und Paris die Nomenklatur von Barbosa Rodrigues verwendet wird, während im deutschsprachigen Raum diejenige von Natterer bzw. Martius bevorzugt wird. Aufgefallen ist dies bisher niemandem.

Mit meinen Ausführungen verfolge ich keineswegs die Absicht, posthum die Verdienste von Martius als Botaniker, Wissenschaftler oder Mensch zu mindern. Seine Zeitgenossen haben ihn geehrt und geachtet, das war mehr als genug. Sie werden gewusst haben, warum.

Johann Natterer hat trotz seiner mindestens gleich großen Verdienste nicht diese Ehrungen erhalten. Österreich verdankt ihm eine der schönsten und ältesten Sammlungen Brasiliens. Im Jahr 2017 jährt sich zum 200. Mal seine Abreise. Ob das arg gebeutelte Wiener Museum etwas Angemessenes zustande bringen wird?

Text: Andreas Schlothauer

Herzlichen Dank an

Christian Feest, für die außerordentlich spannende Zusammenarbeit.

Literatur

  • Barbosa Rodrigues , João: Explorac ão e Estudo do Valle do Amazonas . Rio de Janeiro . 1875
  • Barbosa Rodrigues , João: Tribu dos Mundurukus . Revista da Exposic ão Anthropologica Brasileira . Rio de Janeiro . 1882
  • Martius , Carl Friedrich Philipp : Beitr äge zur Ethnographie und Sprachenkunde Amerka 's zumal Brasiliens , 1867
  • Martius , Carl Friedrich Philipp und Spi x, Johann Baptist : Reise in Brasilien 1817-1820. München , 1823- 1831
  • Schlothauer , Andreas : Federschmuck der Munduruku und Apiaca in der Natterer -Sammlung . In: Feest , Christian (Hsgb.) ... Noch nicht veröffentlichter Beitrag .
  • Zerries , Otto : Unter den Indianern Brasiliens . Sammlung Spix und Martius 1817-1820. Frankfurt am Main , 1983

Vielen Dank an Dr. Andreas Schlothauer.

Autor
Dr. Andreas Schlothauer
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Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

Plagiat I: Vorwurf gegen Martius - Rücktritt oder Ausliegen?; Dr. Andreas Schlothauer; 2015; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-04-2012/510-plagiat-i-vorwurf-gegen-martius-ruecktritt-oder-ausliegen

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