Mit Leder überzogene Tanzaufsätze aus dem Cross River-Gebiet in Nigeria, Kunst der Ejagham und der Boki also, nehmen auf dem Markt für afrikanische Kunst eine Sonderstellung ein: Sie sind expressiv, kunstvoll und aufwendig gearbeitet, oft authentisch und alt – und dennoch zu erstaunlich günstigen Preisen zu erhalten. So liegen gute Stücke oft nur im niedrigen vierstelligen Bereich. Weltklassestücke mit guter Provenienz kann der Sammler für 5.000 bis 20.000 Euro erwerben. Und selbst auf dem teuren Pflaster der Brüsseler Kunstmesse BRUNEAF gab es 2012 in der renommierten Galerie Joaquin Pecci (Ausstellung "Nigeria") schöne Ejagham- und Boki-Köpfe für unter 5.000 Euro. Kunstwerke ähnlicher Qualität aus anderen Gebieten Westafrikas erzielen dagegen ein Mehrfaches.

Ein Grund für die relativ niedrigen Preise: Es gibt eine große Käuferzurückhaltung, die David Zemanek, Experte des Auktionshauses Zemanek-Münster und Sammler dieser Kunst, in der Zeitschrift A4 (2011/2) begründete mit: "Die Sammler können das wohl nicht so leicht in ihr Wohnfeld integrieren".

Was diese Aussage im Klartext bedeutet, erlebte ich, als ich mit meinem bei diesem Auktionshaus neu erworbenen Boki-Kopf (Abb. 01) nach Hause kam und mein persönliches Wohnumfeld spontan mit den Worten reagierte: "Die ist aber ein Fall für die Vitrine in deinem Zimmer!"

Meine Lebensgefährtin, selbst Sammlerin afrikanischer Kunst, machte ihre Abneigung vor allem an vier Punkten fest:

  • Der Tanzaufsatz sehe zu echt aus, wie eine Mumie
  • Er habe Echthaar
  • Er liefere Milben und anderem Ungeziefer ein Heim
  • Das Leder sei in einem sehr schlechten Zustand.

Doch anstatt die Maske nun in einer Vitrine verschwinden zu lassen, packte mich der Ehrgeiz, genauer zu überprüfen, was an dieser Kritik dran sei, um sie eventuell sogar zu entkräften.

Der erste Einwand ist unabänderlich: Ja, der Kopf sieht sehr echt aus. Und dies war auch ein Hauptgrund für den Kauf: Noch nie zuvor hatte ich einen so Mumien-ähnlichen Boki-Kopf gesehen, dessen fast schlafender/Toten-ähnlicher Ausdruck in starkem Gegensatz zur (zum Teil skurrilen) Expressivität der anderen Stücke stand. Dieser Gesichtsausdruck rührt u.a. daher, dass die wohl ursprünglich vorhandenen weißen Augen fehlen – was in diesem Fall aber der Maske zugutekommt.

Doch wie ist es mit dem Echthaar (Abb. 02)? Handelt es sich überhaupt um Menschenhaar, oder ist das Haar tierischen Ursprungs, z.B. von Affen? Um dies zu klären, führte Jan-Eric Grunwald für mich eine morphologische Haaranalyse mittels Lichtmikroskops durch.

FÜR DIE MORPHOLOGISCHE HAARANALYSE WURDE EINE LICHTMIKROSKOPISCHE UNTERSUCHUNG DURCHGEFÜHRT ANHAND VON MERKMALEN WIE DER PIGMENTIERUNG, DER STRUKTUR DES MARKES, DER KUTIKULA (= SCHUPPENSCHICHT = ÄUSSERE RINDENSCHICHT DES HAARES), DER QUERSCHNITTSFORM UND DER GESAMTEN FORM DER HAARSCHÄFTE (=SICHTBARER TEIL DER HAARE) (KRÄUSELUNG).

Grunwald kam zu dem Ergebnis, es handele sich um "menschliche Haare negroiden Typs". Damit konnte wissenschaftlich bestätigt werden, was auch in der Literatur zu diesem Maskentyp berichtet wird.

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Fotogalerie VOM KAMPF MIT LEDER UND ECHTHAAR

"Möglichkeiten und Grenzen der Konservierung eines mit Leder überzogenen Tanzaufsatzes der Boki aus Nigeria"

Kunst und Kontext 2/2012 (Ausgabe 04). Seiten 72-74. Fotos: Christian Mitko, München (Abb. 01), Ingo Barlovic (Abb. 02 - 08)

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Abb. 01: Boki-Kopf

Foto: Fotos: Christian Mitko, München

Abb. 02: Boki-Kopf (Detail - Haare)

Foto: Ingo Barlovic

Abb. 03: Boki-Kopf (Detail - Haare)

Foto: Ingo Barlovic

Abb. 04: Harz

Foto: Ingo Barlovic

Abb. 05: Peter Duschl bei der Analyse

Foto: Ingo Barlovic

Abb. 06: Sleeping Beauty

Foto: Ingo Barlovic

Abb. 07: Welches Leder

Foto: Ingo Barlovic

Abb. 08: Immer noch in Quarantäne

Foto: Ingo Barlovic

Und das Ungeziefer?

Im Haar sichtbar waren neben Spinnennetzen ein grauer Belag (Abb. 03) und schwarze Verdickungen (Abb. 04). Vor allem die grauen Verkrustungen gaben Rätsel auf, da sie weder dem Schutz der Haare dienen konnten, noch einen kultischen Zweck erkennen ließen. Ein Lösungsansatz stammt von David Zemanek: Er gab an, dass die Maske, die in den 1950er Jahren nach Europa gekommen sei, nach ihrem damaligen Verkauf jahrelang auf einem Dachboden in den Niederlanden gelegen habe. Die Verkrustungen seien somit nichts anderes als herabgefallener Schmutz.

Die schwarzen Verdickungen waren nach Ansicht von David Zemanek und des zusätzlich zu Rate gezogenen Amazonas-Experten Peter Duschl (Abb. 05) keine Eier oder Kokons, sondern wohl pflanzlichen Ursprungs. Es handele sich um Harz oder Kleber, entweder noch in Afrika oder später in der europäischen Galerie zur Fixierung der Haare genutzt.

Wenngleich es bei diesen Verschmutzungen Entwarnung gab, konnte der Tanzaufsatz aber immer noch von kaum sichtbarem Ungeziefer wie Milben befallen sein. Doch wie kann solch ein Befall vernichtet werden?

Das Allheilmittel vieler Sammler bei der Ungezieferbeseitigung heißt: Tiefkühltruhe. Das betreffende Stück muss einige Wochen tiefgefroren werden. Dies sollte nach dem Auftauen wiederholt werden. Diese Methode funktioniert in den meisten Fällen und ist billig. Jedoch könnte es bei dem Boki-Kunstwerk sein, dass das bereits gerissene Leder durch die extremen Temperaturschwankungen stark leidet, sich z.B. die Risse vergrößern.

Damit entfällt aber auch eine weitere Möglichkeit: Die Wärmebehandlung, die sich z.B. bei Holzwürmern in Truhen anbietet.

Bleibt eine dritte Methode: Die Begasung bzw. die Sauerstoffabsorption. Dafür wird üblicherweise das Objekt für mehrere Wochen in einen luftdicht verschlossenen Raum gegeben, in dem ein für Ungeziefer lebensuntaugliches Klima geschaffen wird: Dies wird zumeist erreicht, indem der Sauerstoff im Raum absorbiert wird, wodurch ein Stickstoffüberhang entsteht. Möglich ist auch eine Begasung mit CO2 oder Sulfuryldifluorid.

Für diese Behandlung gibt es verschiedene Anbieter, z.B. das Niedersächsische Landesmuseum Hannover oder auch den Restaurator Jörg Buchner. Die Kosten liegen bei ca. 90 Euro pro Kubikmeter (also wohl weniger als 30 Euro für eine Maske oder eine Skulptur). Allerdings kann es sein, dass man lange auf die Begasung warten muss: Entweder weil es sich für den Anbieter nur lohnt, die Geräte in Betrieb zu setzen, wenn genügend Aufträge vorhanden sind, oder weil die Menge der Aufträge die Kapazität deutlich überschreitet. Eine sehr reizvolle Lösung bietet das Unternehmen Long Life for Art in Eichstetten, das sich auf die Konservierung von Kunstwerken (vor allem für Museen) spezialisiert hat und eine äußerst informative Website dazu betreibt, auf deren Inhalt das Nachfolgende basiert: Die Sauerstoffabsorption für zu Hause. Der wissenschaftliche Hintergrund dieser Methode ist, dass bei einem Sauerstoffgehalt von weniger als 0,1% alle Entwicklungsstadien der gängigen Schadinsekten innerhalb weniger Wochen zuverlässig abgetötet werden. Bei einer Raumtemperatur von 20° C und einem Sauerstoffgehalt > 0,1% ist von einer Behandlungszeit von vier bis acht Wochen auszugehen.

Für die Durchführung werden benötigt:

  • Sauerstoffabsorber ATCO, der das Wachstum von aeroben Mikroorganismen verhindert und zudem zur schonenden Bekämpfung von Schädlingen eingesetzt werden kann und feines, leicht schwefelhaltiges Eisenpulver enthält.
  • Silikagebeutel zur Reduktion der Luftfeuchtigkeit
  • Sauerstoffindikator (Farbumschlag von Blau nach Pink bei einem Sauerstoffgehalt von > 0,1%)
  • Und ein Flachbeutel (einseitig Aluminium-beschichtet, luftdicht verschließbar, z.B. mithilfe von Folienschweißgeräten oder eines Bügeleisens, in dem das Kunstwerk zusammen mit dem Absorber und den übrigen Materialien gelagert wird.

Diese Behandlung, die für den einmaligen Gebrauch ca. 30 Euro kostet, lässt sich auch von Laien erfolgreich anwenden – selbst das Bügeln geht leicht. Und dass tatsächlich ein sauerstoffarmes Klima geschaffen wurde, belegen die Sauerstoffindikatoren. Nach 6 Wochen im seinem Plastiksarg war der Tanzaufsatz ‚clean' (Abb. 06).

Bleibt als letzter Punkt: Was tun mit dem Leder?

Hierbei interessierte als Erstes, um welche Art Leder es sich handelt (Abb. 07). In der Literatur wird zumeist Zwergantilope vermutet, es soll aber auch Menschenhaut genutzt worden sein. Oder war es eine Affenart? Hierzu führte in meinem Auftrag das Forschungsinstitut für Leder und Kunststoffbahnen (FILK) zuerst ergebnislos eine Analyse mittels Lichtmikroskops durch: Es war kein histologischer Vergleich möglich, weil kein charakteristisches Narbenbild sichtbar ist. Ohne Ergebnis blieb aber auch eine DNA-Analyse. Der Misserfolg der DNA-Analyse lag entweder daran, dass das Leder zu sehr behandelt oder zu stark erhitzt worden war – wohl eine übliche Praxis, um es in Afrika oder auch im Amazonas- Gebiet zu bearbeiten.

AUS DEM PRÜFBERICHT DES FILK VOM 1.6.2012: "EINE NORMALE PCR (POLYMERASE-KETTENREAKTION) IN 40 ZYKLEN ZEIGTE KEINE ISOLIERTE DNA IN DER LEDERPROBE. EINE ANSCHLIESSEND DURCHGEFÜHRTE NESTED-PCR FÜHRTE EBENFALLS NICHT ZUR BILDUNG TIERARTSPEZIFISCHER PRODUKTE". DAMIT WAR "WEDER MIKROSKOPISCH NOCH MOLEKULARBIOLOGISCH EINE EINDEUTIGE ZUORDNUNG ZU EINER TIERART MÖGLICH".

Und was kann getan werden, um das Leder zu konservieren oder gar die Risse aufzuhalten? Nach Befragung von Experten (Anmerkung 3) kristallisierte sich als Antwort heraus: Nichts! Jeder Eingriff würde den Alterungsprozess nur verstärken. So erläuterte der Restaurator Jens Glocke: "Wenn Sie auf das Leder etwas draufgeben, wird es kurzfristig geschmeidig - und dann beschleunigt altern! Wie bei unserer Haut."

Der Buchbinder Olaf Nie wies auf Folgendes hin: Ein Grund, weshalb die Ledereinbände alter Bücher seit Mitte des letzten Jahrhunderts kaputt gingen, sei, dass in dieser Zeit mit den falschen Mitteln versucht worden sei, das Leder zu restaurieren. Zusätzlich würde es auch höchstens etwas für die Optik bringen, wenn der Riss mit Pergament hinterlegt wird. Das Leder würde unter Umständen einfach hinter dem Pergament weiterreißen.

Die Experten waren sich auch darin einig: Das Beste sei eine sorgfältige Lagerung bei gleichbleibender Raumtemperatur und 45% - 55% Luftfeuchtigkeit. Jedoch gilt: Altes Leder ist sehr robust, wenn nicht zu sehr in den Alterungsprozess eingegriffen wird.

Bleibt als Schluss: Haben meine Recherchen dazu geführt, dass der Tanzaufsatz ins Wohnfeld integriert werden konnte? Nein, er fristet noch immer ein Dasein in Quarantäne in meinem Zimmer (Abb. 08). Aber wenn Gäste kommen, führe ich ihn vor – und dann freue ich mich an den bestenfalls irritierten Blicken…

Text: Ingo Barlovic
Fotos: Christian Mitko, München (Abb. 01)
Ingo Barlovic (Abb. 02 - 08)

ICH DANKE JUTTA GÖPFRICH, RESTAURATORIN DEUTSCHES LEDERMUSEUM, OFFENBACH; JENS GLOCKE, RESTAURATOR, HILDESHEIM; OLAF NIE, BUCHBINDER AUS WESSLING.

Internet

  • JAN-ERIC GRUNWALD:
  • JÖRG BUCHNER: WWW.MOEBEL-SKULPTUREN-HOLZOBJEKTE.DE
  • LONG LIFE FOR ART: WWW.CWALLER.DE

Vielen Dank an Ingo Barlovic.

Autor
Ingo Barlovic
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

VOM KAMPF MIT LEDER UND ECHTHAAR Möglichkeiten und Grenzen der Konservierung eines mit Leder überzogenen Tanzaufsatzes der Boki aus Nigeria; Ingo Barlovic; 2015; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-04-2012/519-moeglichkeiten-und-grenzen-der-konservierung-leder

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