Er ist nicht zu übersehen: Wenn Ulrich Kortmann mit seinen 1,96 Metern auf der Bruneaf oder dem Parcours des Mondes mit Freunden in einer Galerie steht und sich mit ihnen in prägnanten Worten über das dortige Angebot an ozeanischer Kunst unterhält, möchte man nicht immer in der Haut des Galeristen stecken: So deutlich fällt das Urteil des Deutschen aus, sei es nun positiv oder negativ. Was aber auch auffällt: Kein Galerist würde es je wagen, Kortmanns Urteil in Frage zu stellen. Denn dafür kennen sie ihn zu gut und schätzen sie ihn zu sehr als Experten, als Sammler und als Händler.

Die Anfänge

Begonnen hat alles in den Siebzigerjahren. Der 1952 geborene Kortmann ließ das für ihn zu theoretische Studium der Arabistik und Ethnologie nach kurzer Zeit sein und finanzierte als Taxifahrer seine Reisen in fremde Länder. Er war ein Kind seiner Zeit: Neugierig auf das Unbekannte und auf der Suche nach sich selbst. "Antrieb war wohl die klassische Hippie-Denke", meint er selbst dazu.

Seine Reisen führten ihn unter anderem nach Moskau, nach Marokko und nach Indien. Oft ist er getrampt. "Man hat in einem Monat als Taxifahrer fast so viel verdient, um 1 Jahr lang unterwegs zu sein. In Sri Lanka musste man 90 Dollar im Monat zwangsumtauschen – da hatte ich Probleme, das Geld auszugeben".

Später war er zwei Jahre in Polynesien unterwegs, mit Schiffen von Insel zu Insel. "Die kleinen Frachtschiffe haben einen für 10 Dollar am Tag mitgenommen".

1983/1984 kam er das erste Mal in die Gebiete, die ihn nunmehr seit 30 Jahren beschäftigen: Zuerst West-Papua, wo er bei den Asmat sein erstes Stück erwarb, "ein touristisches Verkaufsstück", und danach Papua-Neuguinea, wo er unter anderem in den Dörfern des Maprik-Gebietes übernachtete; die auf westliche Kundschaft ausgerichteten Hotels in der Stadt waren nahezu unbezahlbar.

Ulrich Kortmanns Händlerkarriere begann mit einer glücklichen Fügung, wie sie oft Menschen zuteilwird, die mit enthusiastischer Naivität eine Sache angehen: "Als ich damals zum ersten Mal in Papua-Neuguinea unterwegs war, war ich ziemlich abgebrannt, habe aber sehr schöne Handwerksarbeiten gesehen, die ich sehr billig fand. Ich hatte damals aber noch keine Ahnung davon und konnte beispielsweise alte von neuen Stücken kaum unterscheiden. Ich hab' dann meine Eltern dazu gebracht, mir 5.000 DM zu schicken, mit denen ich dann Sachen, alles Kunsthandwerk, wie jetzt weiß, eingekauft habe.

Aufgrund einer Anzeige hat sich ein Imbissbuden-Besitzer aus Essen gemeldet, der davon fasziniert war und für 10.000 DM fast die ganze Ladung gekauft hat. Und auch die anderen Stücke wurden mir aus der Hand gerissen. Damit hatte ich das Geld für meine ganze Weltreise raus."

Danach wusste er: "Händler zu sein ist besser, als Taxi zu fahren!" Ulrich Kortmann bildete sich dann mit Büchern und Museumsbesuchen weiter und konnte bereits auf seiner zweiten Reise, die zum Ramufluss ging, alte, wirklich kultisch genutzte Stücke kaufen. "Die waren oft billiger als die neuen, weil den jungen Männern, die sie geerbt hatten, der Bezug dazu fehlte. Sie hatten dafür ja nicht gearbeitet".

Je besser sein Blick für Qualität wurde, desto mehr fanden sich auch anspruchsvolle Käufer: Das Ethnologische Museum in Berlin oder das Stuttgarter Linden-Museum, zunehmend aber auch Sammler, Händler und Galeristen wie Loed van Bussel: "Van Bussel war immer fair, hat meine Preise akzeptiert und nicht versucht, Stücke schlechtzureden". Und Auktionshäuser wie Sotheby's und Christie's. "Diese kaufen aber aufgrund ihres Provenienzwahns immer seltener". Ein von Ulrich Kortmann vor Ort gesammeltes Stück muss zuerst durch die Hände eines anderen Provenienz-Würdigen gehen, bevor es seine Anerkennung erhält.

Das Geschäftsmodell

Der geschäftliche Meilenstein war für ihn das Internet. 1999/2000 konnte er bei eBay einen hochwertigen Schild erwerben. "Das wurde schnell meine Welt". Kortmann nutzt das Internet vor allem als Verkäufer. Es erlaubt ihm, als Händler zweigleisig zu fahren und im Unterschied zu manchen Kollegen gut davon zu leben:

  • Über eBay verkauft er im Schnitt monatlich an die 300 Objekte, "zumeist Kunsthandwerk und zusätzlich im Kult genutzte Stücke, die keine so hohe Qualität haben". Diese Stücke werden mittlerweile von seinen Beauftragten vor Ort gekauft.
  • Über seine Website bietet er dagegen qualitativ hochwertige Objekte an, mit genauer Beschreibung und den Preisen: "Diese Website pflege ich sorgfältig und stelle regelmäßig neue Stücke ein".

Zusätzlich betreibt er in Dortmund eine Galerie, die authentische Stücke offeriert.

Dieses Kortmann-System kann nur funktionieren, wenn dem Käufer immer klar ist, was er erwirbt – und er beispielsweise nicht glaubt, er bekäme für 50 Euro bei eBay Weltkunst. Grundsätzlich funktioniert es deshalb, weil Ulrich Kortmann einer der ehrlichsten Händler ist, die ich kenne: Er redet keine Objekte schön, raunt nicht mystisch etwas von Provenienz oder dem Häuptlingssohn, der ein Stück veräußert. Sondern er sagt ehrlich, was er anbietet. Und wenn es Kunsthandwerk ist, dann ist es eben Kunsthandwerk.

Dabei handelt und sammelt Ulrich Kortmann nicht nur Objekte aus Ozeanien. Als er Ende der Achtzigerjahre in Papua-Neuguinea überfallen wurde - "man hat mir ein Gewehr an den Kopf gehalten und mich mit einem Messer bedroht" - ist er fast ein Jahrzehnt nicht dorthin gefahren, sondern hat sich Indonesien, die Philippinen und Vietnam erschlossen und dort interessante Objekte erstanden.

Afrika

Vereinzelt hat er sich auch mit afrikanischer Kunst befasst, sieht da aber einen deutlichen Unterschied zu "seinen" Gebieten:

"Bei afrikanischer Kunst gibt es das Problem, dass es schwierig ist, authentische Kunst von sehr gut gemachten Fälschungen zu unterscheiden. Bei Kunst aus Papua Neuguinea sind Fälschungen immer noch recht selten, auch wenn es in den Salomonen oder auf Bali mittlerweile sehr gute Fälscher gibt. Hier liegt die Herausforderung, Authentisches von Fantasy Art abzugrenzen. Die Schnitzer sind dort häufig Individualisten."

Oder anders: "Bei Papua-Neuguinea muss man stilsicher sein, bei Afrika aber ein Detektiv, der sich mit der Lupe die Patina anschaut, um Hinweise auf Fakes zu erhalten."

Unterschiede gibt es aber auch zwischen den Sammlern von Ozeanien und afrikanischer Kunst: Bei Ozeanien gibt es sehr wenige Sammler, man kennt sich und schätzt einander. Zusätzlich "sind die Leute zum Teil auch voneinander abhängig, die guten Stücke sind rar. Und so gibt es auch kaum Neid in der Szene". Die Afrika-Szene ist dagegen wesentlich größer. Und wie jeder schnell erfahren kann, voller Sticheleien und Unterstellungen, andere Sammler hätten nur Brennholz.

Auch die Anbieterseite ist sehr überschaubar: Zwar hat in Deutschland die eine oder andere Galerie zum Teil auch Ozeanien im Angebot, deren Schwerpunkt liegt aber auf Afrika. Da besitzt Kortmann schon fast eine Alleinstellung.

Hinweise für den Sammler

Bei den internationalen Anbietern von Kunst aus Ozeanien sieht Ulrich Kortmann eine Art Hierarchie: "Ganz oben stehen Antonio und Ana Casanovas, die am erfolgreichsten Tribal Art als Weltkunst ansehen und verkaufen. Danach kommen die großen Ozeanien-Experten, vor allem Anthony Meyer, daneben auch Bruce Frank, David Rosenthal und Michael Hamson. Und dann Händler, die auch heute noch vor Ort sammeln."

Personen, die mit dem Sammeln von ozeanischer Kunst beginnen möchten, gibt er vor allem 3 Ratschläge:

  1. Antizyklisch sammeln
    "Alle wollen nur Masken und Figuren – die sind auch dementsprechend teuer. Andererseits bekommen Sie faszinierende Tapa-Stoffe für oft um die 100 Dollar. Schöne Löffel aus den Philippinen können Sie beispielsweise sogar über eBay günstig kaufen. Gut sind auch Schmuck und Primitivgeld. Oder andere ethnografische Objekte. Ich bekomme z.B. bald eine Lieferung von 800 Kanusteven. Das hat bisher so gut wie niemand gesammelt in dieser Menge."
  2. Hohe Qualität kaufen
    "Früher haben die Primitivgeldsammler viel gekauft. Denen ist es aber am wichtigsten, von allem ein Belegstück zu haben. Qualität hat keine so große Rolle gespielt. Wenn es Ketten für 1.000, 500 oder 200 Mark gab, haben sie zumeist die günstige gekauft. Die sind aber heute weniger wert als damals, während die guten Qualitäten ihren Preis gehalten oder gar erhöht haben. Ich würde jedem raten, lieber ein gutes Stück für 20.000 Euro zu kaufen statt 20 mittlere für 1.000 Euro. Der Markt ist von Durchschnittsware übersättigt."
  3. Nicht aufhören, sich weiterzubilden
    "Und daneben gilt: Man muss sich intensiv mit der Materie befassen. Das machen viele Neueinsteiger viel zu wenig. Man muss lernen, Qualität zu erkennen. So ist eine Arbeit mit einem Steinmesser oft das Zehnfache wert wie eine Arbeit mit einem moderneren Schnitzmesser."

Und die Zukunft?

Seiner Zukunft sieht er gelassen entgegen. Zwar sei es immer schwieriger, in Papua Neuguinea einzukaufen: "Der Einkauf ist zu teuer und der zu erlösende Verkaufspreis zu niedrig, was auch an der Euro-Krise liegt". Aber er hat viele hochwertige Objekte gesammelt, und es finden sich immer wieder gute Gelegenheiten, um Stücke auf dem internationalen Markt zu erwerben.

Bleibt noch eine Frage offen: Wie kam Ulrich Kortmann an seinen Spitznamen "der Herr der Ringe"? "Als ich einmal zurück aus Papua-Neuguinea war, bekam ich nach zwei Tagen einen Anruf: Jemand hätte mehr als 100 Muschelringe zu verkaufen. Ich hatte aber kein Geld mehr, weil ich ja erst noch meine Neuerwerbungen verkaufen musste. Ich konnte mir dann 50.000 DM leihen, indem ich meine Uli-Figur als Pfand gegeben habe. Und so konnte ich das ganze Lot erwerben und mit gutem Gewinn wieder verkaufen!"

Text: Ingo Barlovic
Fotos: Ulrich Kortmann

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Fotogalerie DER HERR DER RINGE - ein Porträt von Ulrich Kortmann, Händler und Sammler ozeanischer Kunst

Kunst und Kontext 2/2012 (Ausgabe 04). Seiten 75-76. Fotos: Ulrich Kortmann

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Abb.01: Ulrich Kortmann August 2012

Foto: Ulrich Kortmann

Abb.02: Mudman in den Neu-Guinea Highlands

Foto by Ulrich Kortmann

Abb.03: Neu-Guinea Highlands

Foto by Ulrich Kortmann

Abb.04: Ramu

Foto by Ulrich Kortmann

Vielen Dank an Ingo Barlovic.

Autor
Ingo Barlovic
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

DER HERR DER RINGE ein Porträt von Ulrich Kortmann, Händler und Sammler ozeanischer Kunst; Ingo Barlovic; 2015; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-04-2012/520-ulrich-kortmann-haendler-sammler-ozeanischer-kunst

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