Nach der Kosmologie der Senufo in Westafrika gehört der Vogel zu den ersten Tieren, die Gott erschuf, zusammen mit Krokodil, Schlange, Schildkröte und Chamäleon. Alle fünf Tiere haben kultische Bedeutung. Sie werden auch auf profanen Gegenständen abgebildet. Spricht man bei den Senufo allgemein von einem Vogel, ohne die Art zu bezeichnen, so verwendet man den Ausdruck sejen, was einfach Vogel heißt. Meint man den ersten Vogel, den "Urvogel", so handelt es sich um einen Vogel mit einem langen Schnabel, den Calao. Dieser ist zu einem rituellen Objekt geworden. Der Calao wird in der Regel aus Holz geschnitzt.

Vogelskulpturen, rituell oder profan gebraucht, können auch aus Gelbguss, Eisen oder Ton gefertigt sein, manchmal sogar aus Elfenbein.

Vögel können unterschiedliche Aufgaben haben. Sie stehen für Fruchtbarkeit und Lebenskraft, für die Macht eines Königs oder stellvertretend für eine Gottheit. Bei manchen Ethnien stehen Vögel für eine Schutzfunktion. So kann bei den Lobi in Burkina Faso ein Vogel im Dorfschrein oder in einem Familienschrein stehen. Dort steht er auf Anweisung eines thil, eines Geistwesens, das dem Schöpfer untergeordnet ist. Wenn ein Lobi fern von seinem Dorf ist und z. B. auf seinem Acker arbeitet, kann der Vogel im Schrein ihn aufmerksam machen, falls ihm Gefahr droht. Dann sendet ihm der thil einen echten Vogel, der ihn durch seinen charakteristischen Schrei warnt. Der Lobi sucht daraufhin einen Wahrsager auf und bittet ihn um Rat (Meyer 1981).

Bei den Senufo ist der Calao, das Symbol des Urvogels, eine wichtige Figur im Kult des poro-Geheimbundes und schützt die Initianten. Diese Vogelskulpturen können Größen von einem Meter und darüber erreichen (Förster und Homberger 1988). Zur Calao-Familie gehört auch der Hornrabe. Weitere Vogelarten von Bedeutung sind Perlhuhn, domestizierter Hahn, Reiher, Tukan, Ibis, Geier, Papagei, Ente, Eule, Turteltaube und allgemein Stelzvögel. Letztere können bei den Lobi besonders künstlerisch gestaltet sein. Sie kommen in Größen von 10 bis 25 cm vor, erreichen aber manchmal mehr als 60 cm (Meyer 1981). Nicht immer kann der Vogel allein oder auf einem ethnographischen Gegenstand sicher identifiziert werden. Allegorische Figuren, die Gottheiten darstellen sollen, lassen sich kaum bestimmen.

Viele Stammesgemeinschaften Westafrikas schnitzen Vogelskulpturen für rituelle und profane Zwecke. Senufo und Lobi sind hier an erster Stelle zu nennen. Die Ashanti in Ghana sind bekannt geworden durch ihre Miniaturvögel aus Gelbguss (Ndiaye Massa 2004). Innerhalb der zentralafrikanischen Ethnien sind es die Holo, die Vogelskulpturen für den Kult anfertigen (Neyt 1982). Auch die Suku, ebenfalls in der Demokratischen Republik Congo beheimatet, haben als njila bezeichnete Vogelfiguren als häusliche Wächter und als Kraftquellen für Jäger, Heiler und Priester (Grootaers und Eisenburger 2002). Die Lega schließlich fertigen Vogelfiguren aus Elfenbein, die für den bwami-Bund Bedeutung haben (Biebuyck 2002). Man geht davon aus, dass der Schnitzer die jeweilige Vogelart so differenziert schnitzen muss, dass der Einheimische den Vogel erkennen kann.

Das Aussehen mancher Vögel wird oft mit einer Geschichte demonstriert. So erzählen die Malinke: Gott erschuf bei der Entstehung der Welt auch drei Vögel, den Königs-piac-piac, den Silberreiher und das Perlhuhn. Er schickte sie auf die Erde, bei ihrer Rückkehr sollten sie ihm opfern. Alle drei missachteten das Gebot und wurden dafür bestraft. Der erste bekam rote Augen, der zweite einen schwarzen Körper und schwarzes Blut und das königliche Perlhuhn erhielt ein schönes, farbiges Kleid, aber einen nackten und hässlichen Kopf (Ndiaye und Massa, 2004).

Vogeldarstellungen findet man entweder als Einzelobjekte oder in Verbindung mit Gegenständen ritueller oder profaner Natur. Außerdem kennen wir Vogelmasken, auf deren Bedeutung im Einzelnen nicht eingegangen werden soll. Ebenso bleiben ethnographische Objekte, die an Vögel erinnern, wie z.B. Vogelkopfmesser, außer Betracht.

Als Einzelobjekte wurden die Calao-Figuren der Senufo bereits erwähnt. Dieser Stamm besitzt auch Stäbe, auf deren Spitze meist drei Vögel platziert sind, die manchmal als Geier beschrieben werden. Die Senufo führen sie bei den Hackwettbewerben und bei Beerdigungen mit (Förster und Homberger 1988).

Im Übrigen können alle beschriebenen Vögel als Einzelobjekte beobachtet werden. Interessant ist die Tatsache, dass Vögel häufig Teil eines rituellen oder dem Gebrauch dienenden Gegenstandes sind. Hier können nicht alle Bereiche zur Sprache kommen, bei denen Vögel als schmückendes Beiwerk zu finden sind.

Bekannte Beispiele dafür sind Salbendosen und Nahrungsbehälter, die oft auf dem Deckel einen Vogel tragen. Es kann sich dabei um Enten oder andere Wassertiere handeln. So kennt man ein Gefäß der Dogon in Mali, das auf dem Verschlussdeckel einen Entenvogel trägt. Es ist ein rituelles Gefäß, das dem Transport der Nahrung dient, die dem Hogon, das ist der Priester der Dogon, von einem jungen Mädchen gebracht wird, damit dieser sein Heim nicht verlassen muss (Ndiaye und Massa 2004). Die Ente gehört zur Familie des Hogon, sie ist mit ihm "liiert" und erklärt so ihr Vorhandensein auf dem Gefäßdeckel.

Wasservögel schmücken auch die Schüsseln der Rotse in Sambia (Holy, 1967). Man findet den Hahn und den Calao auf diesen Verschlüssen.

Andere Objekte, die gerne mit einer Vogelskulptur verbunden werden, sind die Webrollenhalter. Baule, Guro und Senufo schnitzen Webrollenhalter, die mit kompletten Vögeln oder wenigstens Vogelköpfen mit Schnabel verziert werden. Auch in diesem Fall dominieren Calao und Hahn.

Vom Hahn heißt es in diesem Fall: Er schützt den Weber und garantiert die Qualität seiner Arbeit (Ndiaye und Massa 2004). Manchmal tritt der Vogel in stilisierter Form auf (Förster und Homberger 1988, Ndiaye und Massa 2004).

Musikinstrumente können als Zusatzelemente ebenfalls einen Vogel tragen oder in Form eines Vogels gestaltet sein. Beispiele für diese Möglichkeit sind einige Signalflöten der Tshokwe (Demokratische Republik Congo bzw. Angola), von denen zwei abgebildet sind (Abb. 03 und 04).

In einem Fall handelt es sich um einen Hahn, der andere Vogel wurde nicht identifiziert.Ein Saiteninstrument mit einem Vogelaufsatz befindet sich im Besitz der Naturhistorischen Gesellschaft Nürnberg. Es kommt aus Zentralafrika und wurde bereits publiziert (Schimmer 2004).

Vögel findet man als Begleiter auf Kämmen, Löffeln, Fliegenwedeln, Gongs, Rasseln, Glocken, Schlössern, Türen und weiteren Gegenständen. Weitere Informationen dazu in Ndiaye und Massa 2004.

Eine besondere Art der Vogeldarstellung ist die Vogelmaske, die als Aufsatz-, Gesichtsund Helmmaske auftritt. Eine solche Maske lässt sich an einem Schnabel oder einem schnabelähnlichen Gebilde erkennen. Eine Fülle verschiedenartigster Vogelmasken entdeckt man bei den Bwa und benachbarten Ethnien in Burkina Faso (Dufour 1995). Schnabelmasken schnitzen auch die Dan und weitere Ethnien in Liberia und der Elfenbeinküste (Fischer und Himmelheber 1984), aber auch Ogoni und Ibibio in Nigeria. Eine solche Maske der Ibibio ist auf Abb. 05 zu sehen.

Eine weitere interessante Vogelkopfmaske findet sich in der Völkerkundeabteilung der Naturhistorischen Gesellschaft Nürnberg: Eine Haube aus gehäkelter Textilfaser. Sie hat einen zentralen Kamm, zwei runde, herausstehende Augen und einen dicken Schnabel. Dieser und die Augen sind reichlich mit Kaurischnecken besetzt (Abb. 06). Die Maske wurde in Mali erworben.

Ein Vogel oder eine Vogelmaske kann auch reduziert sein auf ein typisches Merkmal. Dies ist meist der charakteristische Schnabel. Die Nashornvogelmaske oder dyodyomini- Maske der Dogon ist ein schönes Beispiel dafür, dass der Schnabel, der weit über das Maskengesicht ragt, ausreicht, den Vogel selbst zu vertreten (Homberger, 1995). Der Nashornvogel ist möglicherweise identisch mit dem Hornraben (?). Der Schnabel des Nashornvogels allein ziert auch den Kopfschmuck der Lega (Schulz 2007).

Die vielen Beispiele zeigen, dass der Vogel in der Tradition der schwarzafrikanischen Völker seit langem fest verankert ist und zumindest in der Vergangenheit eine wichtige Rolle gespielt hat.

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Fotogalerie DER VOGEL, EIN TRADITIONSELEMENT IN DER KUNST SCHWARZAFRIKAS

Kunst und Kontext 2/2012 (Ausgabe 04). Seiten 77-79. Fotos: Oskar Schimmer

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Abb. 01: Senufo, Verschlussdeckel mit einem Vogel aus der Calao-Verwandtschaft

Foto by Oskar Schimmer

Abb. 02: Ashanti, kuduo-Dose, auf dem Deckel ein Vogel, der von einer Schlange angegriffen wird

Foto by Oskar Schimmer

Abb. 03: Tshokwe, Signalföte

Foto by Oskar Schimmer

Abb. 04: Tshokwe, Signalföte

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Abb. 05: Ibibio, Vogelmaske

Foto by Oskar Schimmer

Abb. 06: (rechts): Mali, Maske aus gehäkelter Textilfaser und Kaurischnecken

Foto by Oskar Schimmer

Text und Fotos: Oskar Schimmer

LITERATUR

  • BIEBUYCK, DANIEL, P.: LEGA, ETHICS AND BEAUTY IN THE HEART OF AFRICA, KBC BANKING, BRÜSSEL, 2002
  • DUFOUR, ALAN: MASQUES DU BURKINA FASO, SAINT-MAUR, 1995
  • FISCHER, EBERHARD UND HIMMELHEBER, HANS: THE ARTS OF THE DAN IN WEST-AFRICA, RIETBERG MUSEUM, ZÜRICH, 1984
  • FÖRSTER, TILL UND HOMBERGER, LORENZ: DIE KUNST DER SENUFO, MUSEUM RIETBERG, ZÜRICH, 1988
  • GROOTAERS, JAN-LODEWIJK UND EISENBURGER: INEKE (EDS), FORMS OF WONDERMENT, AFRIKA MUSEUM, BERG EN DAL, 2002
  • HOLY, LADISLAV: AFRIKANISCHE PLASTIK, ARTIA PRAHA, 1967
  • HOMBERGER, LORENZ (ED.): DIE KUNST DER DOGON, MUSEUM RIETBERG, ZÜRICH, 1995
  • MEYER, PIET: KUNST UND RELIGION DER LOBI, MUSEUM RIETBERG, ZÜRICH, 1981
  • NDIAYE, FRANCINE UND MASSA, GABRIEL: L´OISEAU DANS L´ART DE L´AFRIQUE DE L´OUEST, EDITION SEPIA, 2004
  • NEYT, FRANCOIS: DIE KUNST DER HOLO, FRED JAHN, MÜNCHEN, 1982
  • SCHIMMER, OSKAR: AFRIKANISCHE SAITENINSTRUMENTE, NATUR UND MENSCH, JAHRESMITTEILUNGEN 2003 DER NATURHISTORISCHEN GESELLSCHAFT NÜRNBERG, NÜRNBERG, 2004, S. 209 – 216
  • SCHULZ, BERND (ED.): DIE STAMMESKUNST IM KONGO, KATALOG 29, KAMP-LINTFORT, 2007

Vielen Dank an Dr. Oskar Schimmer.

Autor
Dr. Oskar Schimmer
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

DER VOGEL, EIN TRADITIONSELEMENT IN DER KUNST SCHWARZAFRIKAS; Dr. Oskar Schimmer; 2015; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-04-2012/521-der-vogel-ein-traditionselement-in-der-kunst-schwarzafrikas

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