Wenn Kultur bedeutet, dass jeder Mensch alle Gegenstände, die er benötigt selbst herstellen kann, dann sind wir Zivilisier ten die unkultiviertesten Menschen der Kulturgeschichte.

Der Gegenstand

Das Fundament des Museums sind seine Sammlungen. Kern einer Bibliothek ist das Buch, in einem Museum ist es der Gegenstand, von dem alles ausgeht. Ein Buch wird gelesen, ein Gegenstand betrachtet. Wie aus Büchern zitiert wird, ohne zu verändern, sind auch in Ausstellungen die Gegenstände zu zitieren. Deutungen sind klar vom Zitat abzusetzen.

Der Text

So, wie man ein Buch lesen kann, ohne die enthaltenen Ideen zu erkennen, ist auch das Betrachten eines Objektes nicht zwingend ein Verstehen. Der erläuternde Text ist einerseits eine kurze Beschreibung des Gegenstandes (Objekttext), andererseits längerer Kontext, der durch Fotos, Ton- und Filmaufnahmen ergänzt sein kann. Der Objekttext beantwortet Fragen, die sich ausschließlich auf den Gegenstand beziehen: Aus welchem Material hergestellt? Von welchem Volk? Von wem und wann gesammelt bzw. im Museum eingegangen? Der Kontext erläutert den Gegenstandstyp: Mit welcher Technik hergestellt? Von wem bzw. in welcher Region in welchem Zusammenhang genutzt? Warum ausgewählt? Interpretationen sind deutlich von Fakten abzusetzen.

Die Auswahl

Jedes Volk ein eigenes Universum. Wer die materielle Kultur eines Volkes verstehen will, muss sich vergleichend mit den Gegenständen, lesend mit der Literatur, sehend mit Fotos und Filmen, hörend mit Tonaufnahmen sowie reisend mit den Menschen befassen. Wer die Vielfalt der Kulturen entdecken bzw. die eigene Sicht hinterfragen möchte, kann nicht von seinen eigenen Kriterien ausgehen. Erst ein museumsübergreifender Vergleich sehr vieler Gegenstände des gleichen Typus eines Volkes bzw. einer Region ermöglicht eine qualifizierte Auswahl. Kriterien sind Seltenheit, Ästhetik, Erhaltungszustand und Geschichte. Nie ausgestellte oder lange nicht gezeigte Gegenstände sind aktiv zu suchen.

Die Anordnung

Der Gegenstand war Teil des Lebens der Hersteller und Nutzer, ist es aber mit dem Verbringen in ein Museumsdepot nicht mehr. Dies befreit den Gegenstand. Er kann einzeln oder in Gruppen präsentiert werden. Wird die Verwendung in der Kultur der Hersteller thematisiert, so ist eine selbsterklärende Anordnung vorzuziehen; z.B. das Zeigen von Körperschmuck am (abstrahierenden) Modell eines menschlichen Körpers. Das Betrachten eines Gegenstandes und das Lesen eines Textes sind unterschiedliche geistige Tätigkeiten, daher sind Text und Gegenstand räumlich zu trennen, nur eine Nummer ist zugelassen. Auch Objekttext und Kontext sind räumlich zu trennen, der erstere ist näher zum Gegenstand.

Das Thema

Gegenstand und Text (inklusive Foto, Ton und Film) werden in der Ausstellung durch ein Thema verbunden. Eine Themenwahl, die über Länder und Kontinente hinweg vereinheitlicht, ist ein Konstrukt des sprachlichen Denkens, denn es reduziert die Vielfalt der Universen auf unsere Fragestellungen, Konzepte und Phantasien. Ausstellungen sind dann bestenfalls Selbstbespiegelung, schlimmstenfalls Fehlinterpretation, niemals aber ein Beitrag zum Verständnis der Anderen. Erst wenn ein Volk oder eine Region das Thema sind, ist ein vertiefendes Verständnis immanentes Ziel, daher haben regionale Themen Vorrang. Die Auswahl der Gegenstände, die (eventuelle) Dokumentation der Herstellung und die Präsentation in der Eröffnungsausstellung ist eine gemeinsame Arbeit mit der jeweiligen indigenen Gemeinschaft. Denn wichtiger als die Auswahl von Themen ist, mit wem diese ausgewählt wurden.

Die Zusammenarbeit

Jede Ausstellung ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit von Spezialisten. Von der Auswahl und Analyse der Gegenstände, dem Schreiben und Lektorieren der Texte, der Präsentation und Ausleuchtung, der Anordnung und Inszenierung bis hin zum Wissenstransfer. Die Projektteams aus Spezialisten, Indigenen und Kurator entscheiden gemeinsam, abweichende Meinungen sind schriftlich zu begründen.

Die Inszenierung

Jeder Gegenstand ist gut ausgeleuchtet und jeder Text gut lesbar in Augenhöhe zu präsentieren. Dreidimensionales sollte von allen Seiten sichtbar sein. Wer in eine Ausstellung geht, sucht Ruhe und Inspiration, um ausgehend vom Gegenstand deren ehemalige Nutzer zu erahnen. Ihr Leben ist Vergangenheit, der Gegenstand überlebender Rest. Bewegte Bilder stören die Konzentration und sind räumlich abzutrennen. Ein Gegenstand wird durch die eigene Anfertigung oder durch die Benutzung von ähnlichen Duplikaten erlebbar. Auch diese Art der Inszenierung ist Teil der Ausstellung.

Die Vermittlung

Nicht nur die Ausstellung selbst ist ein Wissenstransfer, auch mitnehmbare Informationen (z.B. ein Ausstellungskatalog) sind Teil der Vermittlung. In Zukunft sind es außerdem die jeweils digital herunterladbaren Dateien am Gegenstand (Objekttext und Kontext) sowie die virtuelle Ausstellung im Internet.

Die lernende Ausstellung

Jede Ausstellung enthält Ungenauigkeiten, Fehler oder Lücken. Der Besucher ist nicht nur interessierter Konsument, sondern auch Wissenspotential und kann beitragen die Ausstellunng zu verbessern. Eingabemedien sind in ausreichender Zahl aufzustellen und um aktive Mitarbeit ist zu werben. Diskussion und Korrekturen fließen regelmäßig in die Ausstellung zurück. Nicht nur das erreichte Wissen wird ausgestellt, sondern auch das ständige Wachsen des Wissens ist zu zeigen. Ziel ist, dass keine Ausstellung so abgebaut wird, wie sie aufgestellt wurde.

Der Besucher

Eine Ausstellung bedeutet nicht nur das Vermitteln von Wissen, sondern auch das Wecken neuer Interessen. Im Zentrum steht einerseits der Besucher: Was wünscht er? Was will er sehen? Aber andererseits auch die Fragen: Was kann insgesamt in etwa sechzig Minuten, was kann vom einzelnen Gegenstand bei einer durchschnittlichlichen Verweilzeit von ca. 10 bis 20 Sekunden vermittelt werden? Zu bedenken sind die unterschiedlichen Perspektiven von Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Senioren. Nicht nur die Augenhöhe ist altersabhängig.

Mit diesen Betrachtungen soll aufgezeigt werden, was in einer ethnografischen Ausstellung bestenfalls stattfinden kann: Das Zeigen von Gegenständen, ergänzt durch Text und Bild aufgrund der Zusammenarbeit von Spezialisten und unter Einbeziehung der lebenden Vertreter des jeweiligen Volkes.

Und zum Schluss die wichtigste These:

REGELN WERDEN AUFGESTELLT, UM IMMER WIEDER KREATIV GEBROCHEN ZU WERDEN.

Text: Andreas Schlothauer

Vielen Dank an Dr. Andreas Schlothauer.

Autor
Dr. Andreas Schlothauer
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Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

Minimalistische Theorie der Ethnografischen Ausstellung; Dr. Andreas Schlothauer; 2015; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-04-2012/524-minimalistische-theorie-der-ethnografischen-ausstellung

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