Hinsichtlich der Federlieferanten, gehen Hinweise auf Klara Moeller zurück, die sich 1942 in einem Aufsatz mit dem Stück beschäftigte und es aufgrund eines Druckes in dem "Reise"- Werk von Martius und Spix den Juri zuwies. Diese regionale Zuordnung gründet nicht auf schriftlichen Belegen in der Goethe'schen Sammlung.

In der Goethe'schen Sammlung in Weimar (Klassik-Stiftung) befindet sich ein Federschmuck und drei weitere Gegenstände ohne Federn, zwei Ketten (GNV0007) und ein Frauen-Hüftschurz (GNV0006) aus Südamerika.

Der Federschmuck mit der heutigen Inventar-Nummer GNV0014 (Alte Inventar-Nummer BV Nr. 11), ist im dritten Teil des Schuchardt- Kataloges des Jahres 1849 beschrieben (S.287, Nr. 68) als "Schurz (!) eines Wilden, von schönen farbigen Federn." Heute in der Datenbank mit dem Text: "Kopfschmuck aus farbigen Federn (Indianische Stirnbinde)"

Das Eingangsjahr bei Goethe und die Herkunft sind unbekannt, sicher ist nur, dass sich das Stück in Goethes Sammlung befand, also vor dem Jahr 1832 in seinen Besitz gelangt sein muss.

Weiterhin sind in der Datenbank die folgenden Angaben zum Stück: "Abmessungen allgemein: Kopfschmuck: ca. 40 x 15 cm; Gesamtlänge: 240 cm"

"4 verschiedenfarbige Lagen von Federn untereinander auf einem Hanfgewebe befestigt. (Schwarz, 2 x rot, blau, gelb). Auf jeder Seite mit dreifacher, aus mehreren Lagen gedrehte Hanfschnur. (Gelbe Ara-, blaue Kotingiden-, rote Papageien- und schwarzviolette Tukanfedern)."

Diese Angaben, besonders hinsichtlich der Federlieferanten, gehen auf Klara Moeller zurück, die sich 1942 in einem Aufsatz mit dem Stück beschäftigt und es aufgrund eines Druckes in dem "Reise"- Werk von Martius und Spix den Juri zugewiesen hat. "Auf Grund meiner Nachforschungen kann ich nunmehr die fest begründete Meinung äußern, daß die Stirnbinde durch Karl Friedrich Philipp von Martius, ... in Goethes Hand gelangt sind." (Moeller 1942, S.199)

Die Moeller'sche Beweisführung hinsichtlich der regionalen Zuordnung gründet nicht auf schriftlichen Belegen in der Goethe'schen Sammlung, sondern allein auf einem Stich im "Reise"-Werk von Spix und Martius. "Im Briefwechsel findet sich zwar keine Bemerkung darüber; aber um so deutlicher spricht eine andere Tatsache für Martius als Geber, nämlich die, daß auf seiner eigenhändigen Zeichnung in seinem Bildatlas zur Reise in Brasilien in den Jahren 1817-20' die Juris bei dem Waffentanz mit den gleichen Stirnbinden geschmückt sind. Auf Seite 1226/27 des Reisewerks erwähnt er diesen Stamm." (Moeller 1942, S.199) Eine genaue Betrachtung und Vergrößerung des genannten Stiches zeigt, dass dieser Kopfschmuck nur mit einer Reihe Federn dargestellt ist und nicht, wie bei GNV0014, aus mehreren Federschichten bestehend.

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Fotogalerie GNV0014 Brasilianischer Federschmuck in Goethes Sammlung

Kunst und Kontext 2/2012 (Ausgabe 04). Seiten 86-87. Fotos: Andreas Schlothauer

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Abb. 01: Feder-Binde GNV0014

Foto: Andreas Schlothauer

Abb. 02: „Waffentanz der Juri“ in Martius 1820

Foto: Andreas Schlothauer

Abb. 03: Feder-Binde Typ „Juri“

Foto: Andreas Schlothauer

Abb. 04: Kopf-Reif der Macushi, WI-2647

Foto: Andreas Schlothauer

Abb. 05: Zeichnung eines Macushi bei Edward A. Goddall 1841-1843

Foto: Andreas Schlothauer

Moeller hat die Stirnbinde der Juri in München nicht im Original gesehen, denn dort gibt es kein derartiges Stück in der Sammlung Martius und Spix. Von dem Münchener Kopfschmuck aus Federn kommt nur ein Typus in Frage, den Martius gleich mehreren Ethnien zugeschrieben hat. Fast identische Feder-Binden sind von den "Coeruna" (263, 264, 65), "Passe" (274, 312a), "Arara" (311a, 330a), "Cauixana" (314), "Jumana" (320, 340c, 340f), "Miranha" (323e, 324e, 325e) und "Japua" (329a). Ähnliche Fehler bei der regionalen Zuordnung sind bei Martius häufig zu finden.

Die überlappenden, verschiedenfarbigen Federreihen hätten die bayrischen Amazonas-Reisenden sicher auf dem Stich dargestellt, denn der Aufbau von GNV0014 ist typisch und unterscheidet sich deutlich von der Feder-Binde, die auf dem Stich dargestellt ist. Auf einem Baumwoll-Gewebe (ca. 42 x 8 cm), dessen Enden durch zwei Holzstöckchen begrenzt sind, die gleichzeitig die Struktur stabilisieren, sind die verschiedenfarbigen Feder-Bänder so aufgenäht, dass sie sich dachziegelartig überdecken.

Moeller hat sich um Vergleichsstücke bemüht, jedoch keines gefunden: "Die außerordentlich reichhaltige indianische Federschmucksammlung des Berliner Völkerkunde-Museums weist kein derartiges Stück auf, und ich habe auch anderswo kein gleiches feststellen können." (Moeller 1942, S.199f.) Wer nur nach den gleichen Farben sucht, wird tatsächlich kein gleiches Stück finden, aber technisch ähnlich aufgebaute Stücke sind durchaus vorhanden; sowohl in Berlin (VA161, B-VA322a, B-VA34485) Sammlung Richard Schomburgk, wie in Stockholm (1905.13.0081, 1905.13.0098) Sammlung Carl Bovallius und Wien (2647) Sammlung Johann Natterer. Diese gut dokumentierten Vergleichsstücke sind im Inland Britisch-Guayanas bei den Macushi, Arecuna oder Taulipang gesammelt worden.

Zwar sind die Baumwoll-Fäden bei diesen Stücken deutlich lockerer, also nicht so kompakt wie bei GNV0014. Jedoch sind die Grundtechniken identisch:

  • das Baumwoll-Gewebe ist mit Holzstöckchen abgeschlossen;
  • die Feder-Bänder sind aufgenäht;
  • die langen Baumwoll-Stränge.

Dieser Aufbau ist teilweise technisch erklärbar, denn derartige Feder- Binden wurden auf einen geflochtenen Kopf-Reif aufgebunden und wie eine Krone auf dem Kopf getragen.

Die Moeller'sche Argumentation der regionalen Zuordnung bricht damit zusammen. Martius kann allenfalls der Überbringer der Kopf- Binde gewesen sein, jedoch nicht der Sammler. Weder Martius noch Max Wied reisten in den Guayanas, aber z.B. Johann Natterer und Alexander Humboldt hätten vor Ort ein derartiges Stück erwerben können. Womit ich keineswegs einen der beiden als Lieferanten vorschlage. Denn kein Brief, kein Sammlungsdokument belegt (bisher) die Herkunft der Stücke.

Fazit

Die regionale Zuordnung durch Moeller zu den Juris ist falsch. Der Kopfschmuck ist von den Inlandvölkern Guayanas, den Macushi, Arecuna oder Taulipang.

Weder Martius noch Spix waren in diesem Teil Südamerikas. Einen Beleg, dass Martius Goethe das Stück schenkte, gibt es nicht.

Hinsichtlich des Materials ergab eine Untersuchung von GNV0014 am Donnerstag, dem 8. März 2012:

A. Das Gewebe ist nicht aus Hanf, sondern aus Baumwolle.

B. Die Federlieferanten sind bei Moeller nur teilweise richtig angegeben:

 
 schwarzrotblaugelb-orange
Moeller Tukan Papageien Kotingiden Ara
Schlothauer Tukan Ara macao Ara ararauna Tapirage von Ara ararauna

Sicher ist, dass die Feder-Binde bereits 1832 in der Goethe'schen Sammlung war und somit eines der besterhaltenen, frühesten Zeugnisse der Indianer Guayanas in einer europäischen Museumssammlung ist.

Dass der Perl-Schurz und die beiden Ketten ebenfalls aus dem Inland Guayanas kommen, ist eine Arbeitsthese, deren Beweis jedoch noch zu führen wäre.

Text und Fotos: Andreas Schlothauer

Vielen Dank an Dr. Andreas Schlothauer.

Autor
Dr. Andreas Schlothauer
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Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

Brasilianischer Federschmuck in Goethes Sammlung - Inventarnr. GNV0014; Dr. Andreas Schlothauer; 2015; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-04-2012/525-brasilianischer-federschmuck-in-goethes-sammlung

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