Luis Fernandez, Jahrgang 1951, geboren in Madrid studierte zehn Jahre klassische Gitarre am Konservatorium in Lausanne. Sein Interesse an der Musik außereuropäischer Völker und eine zufällige Begegnung mit dem Ethnologen René Fürst in Genf im Jahr 1976 hatten zwei Jahre später seinen ersten Feldforschungsaufenthalt in Brasilien zur Folge. Geplant war ein Besuch im Rio Xingu Reservat bei den Kamayura. Hierfür war ein Antrag bei der brasilianischen Indianerbehörde FUNAI einzureichen. Luis wartete in der Hauptstadt Brasilia fünf Tage und versuchte jeden Tag sein Glück bis er feststellte, dass bei der Funai bereits ein ganzer Stapel von Anträgen anderer Wissenschaftler lag, die teilweise schon wochenlang warteten. Kurzentschlossen reiste er nach Cuiaba und traf dort Aimore Cunha da Silva in Riozinho einem kleinen Dorf bei Vilhena, den Funai-Direktor des Aripuana-Parkes an der nördlichen Grenze des Bundesstaates Matto Grosso zum Bundesstaat Rondonia. Durch diesen Kontakt kam er zu den Surui.

Surui (Paiter)

Die heute mehr als 1.000 Surui im Bundesstaat Rondonia werden zur Sprachgruppe der Tupi-Monde gezählt. Durch die Bauarbeiten an der Bundesstrasse BR 364 von Cuiaba nach Porto Velho, die durch ihr Gebiet führte, war ab dem Jahr 1969 ein dauerhafter friedlicher Kontakt erzwungen worden. Luis Fernandez war im Juli 1978 für zwei Wochen in den Dörfern "Linha 14" und "7 setembro". Ein erneuter, etwa zweiwöchiger Besuch folgte im Juli 1980. Für das mapimai-Fest bereitete eine Dorfhälfte das Essen während die andere besonders kunstvolle Pfeile im Wald herstellte.

Einige dieser Pfeile befinden sich heute im Genfer Musée d'Èthnografie (MEG). Es ist bis heute die einzige Sammlung der Surui in ganz Europa. Lediglich ein Feder-Kopfreif (70705) im Museum für Völkerkunde Dresden ist wohl noch von den Surui. (Falls ich irren sollte, bin ich für eine Mitteilung sehr dankbar!) Bisher nicht publiziert sind die damals aufgenommene Flötenmusik und die Gesänge. Einzelne Männer gingen spontan nachts in den Wald und sangen stundenlang bis zum Morgengrauen

www.paiter.org

www.aquaverde.org/en/surui

Nambicuara

Heute leben etwa 2.000 Nambicuara an den Oberläufen der Flüsse Juruena und Guaporé in den Bundesstaaten Rondonia und Matto Grosso. Ihre Sprache ist isoliert, d.h. mit keiner anderen Sprachfamilie verwandt. 1982 war Luis Fernandez etwa einen Monat bei zwei Nambicuara-Gruppen (Mamainde und Nekarotxus) am Rio Piolho, einem Zufluss des Rio Pardo. Hier interessierte ihn die Musik, welche die Männer auf ihren geheimen Blasinstrumenten aus Bambus (Flöten, Trompeten) nachts während ihrer Zeremonien spielten. Frauen und Kinder durften die Instrumente nicht sehen und mussten sich im Haus verstecken. Eine weitere Nambicuara-Gruppe (Katitaurhlu) besuchte Fernandez im Jahr 1984 für zwei Wochen am Rio Pardo am Posten Campos Novos des Indianerrservats (Terra Indigena). 1989 war er für je eine Woche erneut bei den Mamainde und Nekarotxus sowie anschliessend eine Woche bei den Katitaurhlu am Rio Sararé. Bei den Nekarotxus wurde ein wichtiges Fest gefeiert, die erste Menstruation eines Mädchens. Luis Fernandez konnte Gesänge und Musik aufnehmen sowie fotografisch dokumentieren. Ein Teil der Sammlungen, Musikinstrumente, Schmuck, Flechtarbeiten etc. der drei Nambicuara-Gruppen sind in den Museen in Genf (MEG) und im Museum der Kulturen Basel. Nur ein Teil der Tonaufnahmen wurde 1996 in Genf veröffentlicht: "Enauene Naue et Nhambiquara du Mato Grosso, AIMP XLIII , 1996". http://pib.socioambiental.org/pt/povo/nambikwara

Rikbaktsa

Die Macro-Je sprechenden etwa 1.000 Rikbaktsa leben im Bundesstaat Matto Grosso am Rio Juruena und Rio Arinos. Bei diesem, für seinen auffälligen und schönen Federschmuck bekannten Volk, der sich in vielen Museumssammlungen befindet und häufig ausgestellt ist, war Luis Fernandez erstmals im Jahr 1986. Er besuchte während eines Monates zwei Dörfer bei Fontanillas am Rio Juruena. Das Dorf Aldeia Curva (100 Personen) und Aldeia Primeira (150 Personen). 1987 war er etwa zwei Wochen in den Aldeias Segunda und Barranco Vermelho am unteren Juruena und 1989 etwa zwei Wochen, im Japuira-Gebiet zwischen Rio Sangue und Rio Arinos gelegen. 1990 erneut für etwa zwei Wochen in den Aldeias Primeira, Curva, Nova und Barranco Vermelho am unteren Juruena. Außerdem im Escondido- Gebiet zwischen den Flüssen Arinos und Teles Pires.

Während seiner Besuche fand kein Fest statt. Auch hier hat er Musik aufgenommen, die bisher nicht veröffentlich ist. Die von ihm angelegten ethnografischen Sammlungen sind in den Museen in Antwerpen, Burgdorf, Genf und Neuchatel. Das Völkerkundemuseum Burgdorf veröffentlichte etwa 1990 eine kleine Publikation von Luis Fernandez zur Rikbaktsa-Sammlung.

Myky-Irantxe

1990 kam es spontan zu einem zehntägigen Aufenthalt von Luis bei den Myky im Bundesstaat Matto Grosso am Rio Papagaio, einem Zufluss zum Rio Juruena. Diese kleine Gruppe von ca. 40 Personen, die sprachlich zu den Irantxe, einer isolieren Sprache zählt, nahm erst im Jahr 1971 Kontakt auf. Luis sammelte hier nur wenige Objekte, die sich heute teilweise in Genf befinden. Die Tonaufnahmen sind bisher nicht veröffentlicht. http://pib.socioambiental.org/pt/povo/iranxemanoki

Enawené-Nawé

Dieses aruaksprachige Volk von etwa 600 Personen lebt in einem grossen Dorf am Rio Iqué am oberer Rio Juruena im Bundesstaat Matto Grosso. Bis zum Jahr 1974 mieden sie die brasilianische Gesellschaft, erst seit den 1980iger Jahren bestehen regelmässige Kontakte. Noch im Jahr 1987 wurde der spanische Jesuitenpriester Vincente Canas, der mit den Enawene-Nawe über zehn Jahre gelebt hatte, um diese zu schützen, von Großgrundbesitzern und Viehzüchtern ermordet.

Luis besuchte das Dorf erstmals 1992 für einen Monat. Weitere Aufenthalte folgten in den Jahren 1994, 1995, 2000, 2003, 2005 und 2007 für jeweils zwei bis drei Wochen. Einmal pro Jahr feiern die Enawene-Nawe den yaunkwá-Ritualzyklus, der etwa vier bis sechs Monate zwischen Mai bis Dezember dauert. Luis war in den Jahren in unterschiedlichen Phasen anwesend, fotografierte und machte Tonaufnahmen.

Die umfangreichen Sammlungen der materiellen Kultur sind in den Museen Burgdorf, Genf und Neuchatel. Die Tonaufnahmen wurden nur teilweise veröffentlicht (siehe Nambicuara). www.enawenenawe.com

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Fotogalerie Luis Fernandez

Kunst und Kontext 2/2012 (Ausgabe 04). Seiten 88-89. Feldfotos (Abb. 01 - 03): Luis Fernandez. Abb. 04: Andreas Schlothauer

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Abb. 01: Enawene-Nawe Mann im Festschmuck, 1994

Feldfoto by Luis Fernandez

Abb. 02: Rikbatsa Mann beim Herstellen eines Kopf-Reifes iripahá, 1986

Feldfoto by Luis Fernandez

Abb. 03: Rikbatsa Mann mit Kopf-Binde muhara und Arm-Binden padari, 1986

Feldfoto by Luis Fernandez

Abb. 04: Luis Fernandez

Foto by Andreas Schlothauer

Ergebnisse dieser Forschungsaufenthalte

Das Hauptinteresse von Luis galt zwar der Musik, die er mit professionellen Geräten aufzeichnete. Doch er legte auch ethnografische Sammlungen der Surui, Nambicuara, Erikbatsa und Enawene-Nawe vor allem für Schweizer Ethnologische Museen an, so für Basel, Burgdorf, Genf und Neuchatel, aber auch für Antwerpen. Nur wenig ist aus seinem Tonarchiv bisher veröffentlicht.

Die etwa 1.600 Fotos, die Luis während seiner Feldaufenthalte zwischen 1978 bis 2008 machte, waren Nebenprodukte. Es sind keine professionellen Aufnahmen, aber sie sind von großem dokumentarischen Wert, da es von diesen Völkern wenig Fotos aus diesen Jahren gibt.

Angebot an Ethnologische Museen
Das Ethnologische Museum, welches es schafft bis 30. Juni 2013 diese Bilder auf der eigenen Internetseite zu veröffentlichen, kann diese zehn Jahre kostenlos nutzen. Sowohl auf der Internetseite, als auch in Ausstellungen. Anfragen können an meine Adresse als einfacher Brief geschickt werden. Sie müssen von Kurator und Direktor unterschrieben sein. Die CD mit den Fotos schicke ich dann.

Text und Foto (Abb. 04): Andreas Schlothauer
Feldfotos (Abb. 01 - 03): Luis Fernandez

Vielen Dank an Dr. Andreas Schlothauer und Luis Fernandez.

Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

Porträt LUIS FERNANDEZ; Dr. Andreas Schlothauer, Luis Fernandez; 2015; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-04-2012/581-portraet-luis-fernandez

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