"In einem gemeinsamen Auftritt präsentieren die zukünftigen Partner, das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin, die Humboldt-Universität zu Berlin sowie die Zentral- und Landesbibliothek Berlin, ihre Konzepte für das Humboldt-Forum an Themenbeispielen, die rund um den Globus führen." (Stiftung Preussischer Kulturbesitz, Pressemitteilung 29. Juni 2011)

Am 29. Juni 2011 erklärten die zukünftigen Partner in einer Pressemitteilung, dass bis zum Jahr 2019 die Humboldt-Box, das "neue Informationszentrum auf dem Schlossplatz, die Konzepte" präsentieren werde. Sie sei "ein Wahrzeichen auf Zeit: Mit wechselnden Ausstellungen und Veranstaltungen begleitet sie die konzeptionelle Planung und bauliche Umsetzung des Kulturprojektes Berliner Schloss - Humboldt-Forum ..." Die Box ist ein fünfstöckiges Gebäude mit einer Gesamtfläche von etwa dreitausend Quadratmetern. Im zweiten und dritten Stock sind die Projekte des Humboldt-Forums zu sehen. Am 1. Juli 2012, also nach einem Jahr, hatten etwa 250.000 Besucher die Ausstellung besucht, Mitte April des Jahres 2013 waren es bereits über 394.000. Eigentümer und Betreiber des Gebäudes ist nicht das Land Berlin, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz oder eine öffentlich-rechtliche Institution, sondern eine mittelständische Firma. Der Eintritt beträgt vier Euro.

Das erste Geschoss: Preußische Auferstehung

Was nachts auf der Museumsinsel so wunderschön leuchtet, ist auch tagsüber attraktiv und lädt zum Betreten ein. Wer die Treppe zum ersten Geschoss überwunden hat, wird zunächst mit preußischer Vergangenheit konfrontiert. Der Förderverein Berliner Schloss e.V. zeigt Schlossfassade in allen Variationen: Präsentiert werden ein Modell, Fotos sowie Bestandteile von Fassadenelementen. Sodann darf man sich begeistern an eleganten Beispielen wilhelminischer Steinkunst, z.B. aufgerissenen Löwenmäulchen, wilden römisch-germanischen Reiterkriegern, zwei entspannt herumliegenden nackigen Muskelmännern mit lockigem Haupt- und Barthaar – getoppt von einer attraktiven Berlinerin(?) mit bajuwarischer Oberweite und ebenso großen Patschhändchen. Und außerdem noch am goldenen Krönchen des Kaisers in Stein und einem wild blickenden, armschwingen-amputierten Adler. Was waren unsere edlen Aristrokraten doch für Ästheten!

Handelt es sich hier um das wahrhaftige Wiedererstehen preußischer Palast-Angeberei handelt – trotz zweier Revolutionen auf deutschem Boden und heutiger Demokratie? Auch wenn das so ziemlich das Letzte ist, was wir Menschen des 21. Jahrhunderts uns von einem kulturellen Jahrhundertprojekt erhoffen, werden unsere Nachkommen in den folgenden Jahrhunderten diesen Bruch hoffentlich nicht mehr so stark empfinden. Modernstes Element in diesem Raum ist der Spendenautomat in Form eines Parkautomaten. Denn es fehlen ja noch ein paar Euro von den geschätzten 80 Millionen (am Ende wohl eher 100 Millionen Euro), die allein die Fassade kosten soll. Doch auch wer nicht freiwillig spendet, wird am Ende als Steuerzahler sowieso beteiligt sein.

Das zweite Geschoss: Die Ausstellung des Ethnologischen Museums

Wer diese Gruselpräsentation hinter sich hat, folgt einer bunten Treppe in die nächste Etage. Die Stufentexte verheißen "Wissen vertiefen" und "Andere Blicke auf die Welt". Ausgehend von Objekten der Sammlung werden Projekte des Museums vorgestellt. Ausgewählt wurden eine Maske der Kwakiutl von der Nordwestküste Nordamerikas, ein Thron der Bamum aus dem Kameruner Grasland sowie eine Gruppe von Masken der Abelam aus Papua-Neuguinea und der Cubeo aus dem Amazonas-Gebiet. Ferner Hörbeispiele von Musik aus aller Welt. Verantwortlich war der Nachwuchs des Ethnologischen Museums, allesamt Wissenschaftler mit langjährigen Forschungsprojekten und Erfahrungen:

  • Rainer Hatoum, Ethnologe mit Schwerpunkt Nordamerika;
  • Michaela Oberhofer, Ethnologin mit Schwerpunkt Afrika;
  • Alexis von Poser, Ethnologe mit Schwerpunkt Ozeanien;
  • Michael Kraus, Ethnologe mit Schwerpunkt Südamerika;
  • Albrecht Wiedmann, Musikethnologe. Verantwortliche Projektleiterin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz war Anita Hermannstädter, und die Ausstellungsgestaltung oblag der Kölner Firma res d (www.resd.de).

(Auch wenn in der Humboldt-Box die vier eingangs genannten Institutionen mit Ausstellungsmodulen vertreten sind, wird im Folgenden nur der Teil des Ethnologischen Museums behandelt.)

Die Nulis-Maske der Kwakiutl

Für Rainer Hatoum, den Kurator dieses Ausstellungsteiles, war der Besuch des Kwakiutl William Wasden im Jahr 2007 ein Schlüsselerlebnis. Der Vertreter des indianischen Kulturzentrums U'mista im kanadischen Alert Bay dokumentierte mit einem Team über fünf Wochen lang die Objekte der Kwakiutl im Ethnologischen Museum und stieß dabei auf die Nulis-Maske. Im Begleittext der Ausstellung heißt es: "Für Wasden war es die Entdeckung der Verwandlungsmaske eines seiner Vorfahren, von deren Existenz er nichts wusste." Was für den europäischen Betrachter nur eine Maske unter vielen ist, war für Wasden die einmalige Begegnung mit dem eigenen kulturellen Erbe. Dieses Erlebnis vermittelte Hatoum eine neue Perspektive auf das Stück, und es entstand daraus der Wunsch nach einem gemeinsamen Projekt der Zusammenarbeit, das im Jahr 2009 begann.

Digitalisierung und Zusammenarbeit mit indigenen Gemeinschaften
Das dreijährige Forschungsprojekt "Eine Geschichte - zwei Perspektiven" des Ethnologischen Museums wurde von 2009 bis 2012 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung mit 438.000 Euro gefördert (Kunst&Kontext 03, S.13f.). Es beinhaltete die digitale Fotografie und Datenbankeingabe der Sammlungsinformationen von etwa 2.500 Objektnummern aus dem Gebiet der amerikanischen Nordwestküste. Außerdem sollte diese virtuelle Objektsammlung den heute lebenden Indianern und interessierten Wissenschaftlern zugänglich gemacht werden, um gemeinsame Projekte und Ausstellungen zu fördern.

Bis zum Jahr 2012 folgten sechs Forschungsaufenthalte von Hatoum in Kanada und in den USA, um dort Museumssammlungen und -archive einzusehen sowie Kontakte zu den Kwakiutl und zu Wissenschaftlern zu vertiefen. Der Film, der in der Humboldt-Box zu sehen ist und den seltenen Auftritt einer Nulis-Maske im Jahr 2011 zeigt, ist ein Ergebnis dieser Reisen. Das betreffende Fest findet nur etwa alle zehn Jahre statt. Dass es ausgerechnet im Projektzeitraum gefeiert wurde und Hatoum dazu eingeladen war, also das Vertrauen seiner Gastgeber genoss, bildete einen Glücksfall. Der Rest war privates Engagement, denn Geld für Filmaufnahmen war im Projekt nicht vorgesehen, was die verminderte Filmqualität - "zu dunkel, verwackelt" - erklärt. Das Ausstellungsmodul thematisiert die drei Anliegen des Projektes: die Sammlungsdigitalisierung, die langfristige Zusammenarbeit und Forschung in Netzwerken gemeinsam mit Indigenen Gemeinschaften und den Perspektivenwechsel in der Ethnologie.

Rainer Hatoum
• Jahrgang 1970
• Studium der Ethnologie in Berlin mit Schwerpunkt nordamerikanische Indianer ab 1990
• Promotion bei Christian Feest in Frankfurt am Main, 2002
• Volontariat im Ethnologischen Museum Berlin, 2005 bis 2007
• Forschungsprojekt "Vom Imperialmuseum zum Kommunikationszentrum?", finanziert durch die VW-Stiftung, 2007 bis 2009
• Forschungsprojekt "Eine Geschichte - zwei Perspektiven", 2009 bis 2012

Der Thron der Bamum

Erzählt wird in diesem Ausstellungsteil die Objektbiografie des Throns, d.h. die Erwerbsgeschichte und der Bedeutungswandel während seiner etwa einhundertjährigen Museumsgeschichte. Im Jahr 1908 schenkte Njoya, der Herrscher der Bamum, seinen mit Perlen bedeckten Thron dem damaligen deutschen Kaiser zum Geburtstag. Was möglicherweise als Unterwerfungsgeste missverstanden wurde, war im Kameruner Grasland als Austausch von Geschenken zwischen ebenbürtigen Herrschern und Verbündeten üblich. Thematisiert wird in der Ausstellung die Person Njoyas, seine Beziehung zur damaligen Kolonialmacht Deutschland, der Weg des Thrones von Kamerun nach Berlin, seine Ausstellungsgeschichte und seine heutige Bedeutung in Kamerun. Von den Bamum wurde damals ein Ersatzthron hergestellt, auch dessen Geschichte wird erzählt.

Inventarisierungsprojekt Bamum im Ethnologischen Museum
Mit dem von Michaela Oberhofer durchgeführten Projekt sollte der Objektbestand der Bamum im Ethnologischen Museum wissenschaftlich bearbeitet werden. Grundlage war einerseits die systematische Sichtung des Inventarbuches, um den unter der Ethnienbezeichnung gelisteten Eingangsbestand zu erfassen, andererseits die Durchsicht der verschiedensten Objektgruppen im Depot, um die Stücke der Bamum zu finden, die z.B. bisher nur unter "Kamerun" erfasst sind oder fälschlicherweise einer anderen Ethnie zugerechnet werden. Laut Inventarbuch sollte es ein Bestand von etwa tausend Objekten sein, von denen etwa sechshundert auffindbar waren, darunter etwa vierzig Prozent sogenannte Leipzig-Rückführungen (Oberhofer 2010). Ein Ergebnis des Projektes war die Neugestaltung eines Teiles der Dauerausstellung im Jahr 2009, ein weiteres Ergebnis bildete die Thron-Ausstellung in der Humboldt-Box.

Um dies zu vermitteln, werden verschiedene Medien verwendet: Objekte, Projektionen, Audiostationen, historische und aktuelle Fotos, historische Dokumente, Bücher, Postkarten und verfilmte Interviews. Fünf Personen erzählen in ca. vierminütigen Stellungnahmen ihre Sicht auf das Stück sowie auf die Beziehungen zwischen den Deutschen und den Bamum. Zentraler Blickfang der Ausstellung ist eine farbige Abbildung des Thrones, die von zwei Schwarz-Weiß-Fotos eingerahmt ist. Links der damalige deutsche Kaiser und rechts Njoya, der Bamum-Herrscher. Beide tragen ähnliche Uniformen und die kaiserliche Variante der preußischen Pickelhaube (mit Adler). Was vom Besucher als afrikanische Imitation des deutschen Herrschers interpretiert werden könnte, zeigt die Kreativität Njoyas. Denn Uniform und Orden sind nur zum Teil Geschenke aus Deutschland, verschiedene Elemente wurden durch Einheimische hergestellt. Inszenierte sich "Njoya als gleichberechtigter Bündnispartner der Deutschen"? Die Meinung des damaligen deutschen Kaisers ist nicht überliefert.

Michaela Oberhofer
• Jahrgang 1970
• Studium der Ethnologie und Afrikanistik in Berlin, Birmingham und Bordeaux ab 1990
• Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Frankfurt am Main, 1998 bis 2002
• Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Mainz, 2005 bis 2007
• Mehrere Feldforschungen in Burkina Faso, 1998 bis 2002 und Dissertation in Mainz 2005
• Volontariat im Ethnologischen Museum Berlin, 2007 bis 2009
• freie Mitarbeiterin des Ethnologischen Museums Berlin, 2009 bis 2011

Die Schauvitrine

Im Humboldt-Forum soll in Schauvitrinen jeweils eine größere Anzahl von Objekten gezeigt werden, um die Vielfalt der Sammlungen zu vermitteln – Stichwort: "Gläsernes Depot".

Zur Eröffnung der Box präsentierte Alexis von Poser, der Kurator dieses Ausstellungsteiles, in einer Schauvitrine etwa 33 Korbmasken der Abelam (Papua-Neuguinea). Diese wirken "auch für ein ethnologisch nicht vorgebildetes Publikum ästhetisch interessant und ansprechend, u. a. auch durch visuelle Parallelen zu Werken der europäischen Klassischen Moderne, wie z.B. Schlemmers Figuren aus dem Triadischen Ballett." Seine Auswahlkriterien waren, dass eine größere Zahl dieses Objekttyps in der Berliner Sammlung ist, diese länger nicht oder aber noch nie ausgestellt waren, die einzelnen Stücke nicht zu klein sind und schließlich, dass es eine besondere Einzelmaske gibt, die aus dem Konvolut hervorsticht. Dieses Einzelstück wurde in der Vitrine gegenüber der Ansammlung der anderen Masken präsentiert, um zu zeigen, dass in Ausstellungen meist nur ein Stück unter sehr vielen ähnlichen aus dem Depotbestand gewählt wird. So sind etwa nur 3 % des Gesamtbestandes aus Ozeanien in der Dauerausstellung "Südsee und Australien" in Dahlem zu sehen, während 97 % im Depot lagern.

Was wir als Maske bezeichnen, ist nur ein Teil des ganzen Kostüms und wiederum nur ein Teil des Gesamtzusammenhanges der Verwendung durch die Abelam. Um dies zu zeigen, konnten Filmsegmente in die Schauvitrine projiziert werden, in welchen die Maskentänzer z.B. überraschend aus dem Busch in permanenter Bewegung auftraten. Die europäisch inszenierte Maske bildete so einen ruhenden Kontrast zu der filmischen Darstellung ihrer Verwendung. Seitlich waren an der Schauvitrine Reproduktionen der Original-Karteikarten aufgehängt, um Informationen über die einzelnen Masken zu vermitteln. Über einen Touchscreen waren ergänzend Texte abrufbar, die über das Land Papua-Neuguinea, die Abelam, die frühere und heutige Nutzung der Masken, den Sammler der besonderen Einzelmaske und den Weg derselben in das Museum informierten. Außerdem konnte der Besucher Filme ansehen: Herstellung einer Korbmaske, Maskentänze aus dem Jahr 2004 und zum religiösen Wandel bei den Abelam. Denn "die Nutzung der Masken bei den Abelam ist nicht Vergangenheit, sondern Gegenwart und nur inhaltlich heute anders belegt", wie Alexis von Poser schreibt. Im dritten Geschoss stand weiterhin in der Leselounge ausgewählte Fachliteratur zu Papua-Neuguinea und zu den Abelam. Die Idee war, jedem Besucher hierdurch eine Recherche zu ermöglichen, wie sie jeder Ethnologe in einem Museumsdepot durchführen kann: Zuerst die Objektnummer identifizieren, dann zur zugehörigen Karteikarte gelangen und schlussendlich die weiterführende Vertiefung durch Literatur, Film, Fotos und Tonaufnahmen vornehmen.

Alexis von Poser
• Jahrgang 1973
• Studium der Ethnologie in Heidelberg und Manchester mit Schwerpunkt Ozeanien, ab 1995
• Forschung in Papua-Neuguinea, finanziert durch die VW-Stiftung, 2004 bis 2005
• Forschung und Aufbau eines Ethnologie-Studienganges in Papua- Neuguinea, finanziert durch den DAAD, 2008
• Promotion bei Jürg Wassmann in Heidelberg, 2009
• Forschung und Lehrtätigkeit in Papua-Neuguinea finanziert durch den DAAD, 2010
• Volontariat am Ethnologischen Museum Berlin, 2010 bis 2012

Die Absicht, thematisch und regional immer wieder neue Bereiche vorzustellen, wie auch konservatorische Gründe führten dann im Sommer 2012 zu einem Wechsel in der Schau-Vitrine. Da Objekte aus dem Tiefland Südamerikas bisher weder in der Box noch in Dahlem ausgestellt wurden, sind dort derzeit sieben südamerikanische Maskenkostüme zu sehen, die in den Jahren 1903 bis 1905 von dem Ethnologen Theodor Koch-Grünberg bei den Cubeo im nordwestlichen Amazonas- Gebiet gesammelt wurden. Auch hier können über den Touchscreen übersichtlich zusammengestellte Informationen zum Sammler, zu den Cubeo sowie zur Verwendung und Herstellung von Masken abgerufen werden. Aber auch "Veränderungen in der Region werden in Bild und Text skizziert". Die Neugestaltung wurde von Anita Hermannstädter und Richard Haas konzipiert. Unterstützt wurden sie dabei von Michael Kraus, der von eigenen Reisen zum Alto Rio Negro Bildmaterial und Informationen beitragen konnte.

Michael Kraus
• Jahrgang 1968
• Studium der Völkerkunde, Soziologie und Vergleichenden Religionswissenschaft in Tübingen, Guadalajara (Mexiko) und Marburg, ab 1989
• Promotion bei Mark Münzel in Marburg, 2004
• Bearbeitung des Nachlasses Theodor Koch-Grünberg, 1999 bis 2002
• Sammelreise zum Oberen Rio Negro für das Museum für Völkerkunde Wien, 2006
• Kurator der Ausstellungen "Novos Mundos - Neue Welten. Portugal und das Zeitalter der Entdeckungen" (DHM, Berlin, 2007) und "WeltWissen. 300 Jahre Wissenschaften in Berlin" (Martin- Gropius-Bau, Berlin, 2010)
• DFG-Projekt "Historische Fotografien aus Lateinamerika" im Ethnologischen Museum Berlin, 2011 bis 2013

Die Weltkarte der Musik

Für das Humboldt-Forum sind an mehreren Stellen in den Ausstellungen sogenannte Meeting Points eingeplant, d.h. Orte für Veranstaltungen und Workshops. Beispielhaft ist ein solcher in der Box realisiert. Da der Raum selbst frei bleiben muss, waren nur Inszenierungsformen an den Wänden möglich. Dort präsentiert sich das Phonogrammarchiv des Ethnologischen Museums, eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen mit mehr als 150.000 Tonaufnahmen. Beamer projizieren eine Weltkarte auf die Wände, auf welcher der Besucher mit Gesten interaktiv Bereiche auswählen und so Musik hören kann. Jede Tonquelle ist mit Texten, Bildern und teilweise mit Filmsequenzen unterlegt. Ziel ist es, die musikalische Vielfalt gleichzeitig für mehrere Besucher erlebbar zu machen. Denn anders als bei einem Touchscreen, der nur durch eine Person bedienbar ist, können hier mehrere Personen gleichzeitig agieren. An einer Station kann der Besucher Klangbeispiele den zugehörigen Instrumenten zuordnen, und wer sich im Klangfeld bewegt, hört Tonsequenzen verschiedener Kulturen, die sich zu neuen Rhythmen zusammensetzen.

Anita Herrmannstedter
• Jahrgang 1967
• Studium Kunstgeschichte, Altamerikanistik und Neuere Geschichte in Berlin, 1988 bis 1996
• Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Ethnologischen Museum Berlin und Kuratorin der Sonderausstellung "Deutsche am Amazonas - Forscher oder Abenteurer?", 2000 bis 2002
• Verantwortliche für die Konzeption und Umsetzung der Ausstellungs- und Veranstaltungsreihe "Auf dem Weg zum Humboldt- Forum" am Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik der HU Berlin, 2003 bis 2008
• Koordination des Jahresthemas "Evolution in Natur, Technik und Kultur" an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, 2009 bis 2010
• Projektkoordinatorin in der Generaldirektion der Staatlichen Museen zu Berlin für die Ausstellung zum Humboldt-Forum in der "Humboldt-Box", 2010 bis 2012

Projektkoordination und Gestaltung

Die Aufgaben von Anita Hermannstädter als Koordinatorin der Humboldt-Box waren das Projektmanagement für die Ausstellung der vier beteiligten Institutionen in Abstimmung mit dem Gestaltungsbüro sowie die Interessenvertretung gegenüber dem Betreiber des Gebäudes. Als die Koordinationsstelle im Sommer 2010 eingerichtet wurde, lagen das modulare Grundkonzept in Form inhaltlich voneinander unabhängiger Themeninseln und der erste Gestaltungsentwurf vor. Da es kurz darauf zu einer Verschiebung des Baubeginns für das Humboldt-Forum kam, die auch die Fertigstellung der Humboldt-Box verzögerte, nutzte das Ethnologische Museum die Zeit, um das Ausstellungskonzept zu überdenken. Die Themeninseln wurden in einem zusammenhängenden Bereich vereint und an der Konzeption des Humboldt-Forums des Jahres 2008 ausgerichtet, d.h. konzipiert wurden zwei Themenmodule zu den Leitbegriffen "Kooperation mit Indigenen" und "Multiperspektivität", ergänzt durch ein "Schaudepot" und einen "Meeting Point" mit Toninstallationen der musikethnologischen Abteilung. Das Ergebnis ist eine Auswahl von Forschungsprojekten des Museums auf zwei Etagen in je einem offenen, nicht durch Wände verstellten Raum, um den Besucher wie in einem Info-Pavillon frei wählen zu lassen. Da die klimatischen Bedingungen in der Box nicht den musealen Anforderungen entsprechen, wurden zwei Klimavitrinen angeschafft, die es erlauben, zumindest ein paar Objekte aus empfindlichen Materialien zu zeigen. Diese räumlich bedingte Einschränkung für die Objektauswahl hatte jedoch den Vorzug, dass dadurch eine für das Museum "eher ungewohnte, spielerische Inszenierung mit vielfältigem Medieneinsatz möglich" war. Als zum Jahresende 2010 beschlossen wurde, die Humboldt-Box unter Beibehaltung des Eröffnungstermines fertigzustellen, mussten die Planungen kurzfristig konkretisiert und umgesetzt werden.

Trotz des hohen Zeitdrucks gab es gemeinsam mit dem Gestaltungsbüro res d einen intensiven Diskussionsprozess mit allen beteiligten Kuratoren, der zu einer gelungenen Verschränkung von Inhalt und Gestalt in der Umsetzung führte. Das Gestaltungsbüro entwickelte eine Architektur, die den Raum großzügig durch farbige Bodenflächen und eckige Ausstellungsmöbel gliedert. Weitere wesentliche Beiträge in der Umsetzung waren die kinderfreundliche Gestaltung und die Betonung des Aktualitätsbezuges. Für Anita Hermannstädter war es "eine sehr gelungene, produktive und trotz Stress positive Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten. Und nicht zuletzt bewegt und freut mich die extrem positive Resonanz der Gäste."

Humboldt-Box und Humboldt-Forum?

Die Ausstellung in der Box ist eine Erfolgsgeschichte. Etwa 394.000 Besucher haben seit der Eröffnung Ende Juni 2011 die Ausstellung besucht. Zum Vergleich: Im Ethnologischen Museum wurden im Jahr 2012 etwa 140.000 Besucher gezählt, davon etwa 25.000 während des Marktes der Völker und etwa 50.000 während der beiden "langen Museumsnächte". Der anfangs angekündigte "regelmäßige Wechsel" hat bisher einmal stattgefunden. Die Abelam-Masken in der Schauvitrine wurden gegen die Maskengewänder der Cubeo getauscht. Hier ist ein Wechsel technisch einfach zu bewerkstelligen. Bei den anderen Modulen wäre dieser mit einem teuren Umbau verbunden. Nicht nur aus diesem Grund ist fraglich, was häufige Wechsel bringen könnten. Denn die meisten Besucher kommen ohnehin nur einmal. Es sind die Touristen der Museumsinsel und weniger die Berliner, die sich in der Humboldt-Box über das Projekt Humboldt-Forum informieren. Eine vorteilhafte Ergänzung wäre die Einrichtung einer regelmäßig aktualisierten Informationsecke zum Projekt Humboldt-Forum – mit Informationen zur Geschichte, zum aktuellen Stand und zu den geplanten nächsten Schritten. Laut Stabsstelle der SPK sind zum 12. Juni 2013 (Grundsteinlegung) "Änderungen im Eingangsbereich des 2. OG geplant." Hier wird eine "filmische Installation zu sehen sein, die sich mit der Vision des Humboldt-Forums beschäftigt." (Mail vom 17. April 2013)

Die Ethnologen hatten mit einem Jahresetat von etwa 200.000 Euro die Möglichkeit, ihre Projekte beispielhaft vorzustellen. Ein gelungener Versuch, der Nachwuchs hat seine Chance genutzt. Erstaunlicherweise arbeitet aktuell keiner der genannten kuratierenden Projektbeteiligten mehr im Ethnologischen Museum. Heißt dies, dass deren Wissen und Erfahrung nicht mehr in das Humboldt-Forum eingehen werden? Mit der Präsentation in der Humboldt-Box ist das Zusammenarbeitsprojekt mit den Kwakiutl beendet, gemeinsame Projekte mit den Bamum, den Cubeo oder mit Völkern Papua-Neuguineas konnten gar nicht erst beginnen. Wenn man bedenkt, dass fast alle heutigen Museumskuratoren inklusive der Direktorin zwischen 2013 und 2017 in den Ruhestand gehen werden, also deutlich vor der Eröffnung des Humboldt- Forums, ist das Verschwinden des Nachwuchses tragisch. Das ist das stille Drama hinter dem so überzeugenden Projekt Humboldt- Box.

Text: Andreas Schlothauer
Fotos: Audrey Peraldi

LITERATUR

  • HATOUM, RAINER: DIGITIZATION AND PARTNERSHIP - THE BERLIN NORTHWEST COAST COLLECTION AND THE FUTURE OF THE ,NON-EUROPEAN OTHER' IN THE HUMBOLDT-FORUM. IN: CONTEMPORARY NATIVE AMERICAN STUDIES, JAHRGANG 13, HEFT 2, HAMBURG 2011, HRSG. ANDREA BLÄTTER UND SABINE LANG, S.155-173
  • OBERHOFER, MICHAELA: DIE WIEDERENTDECKUNG UND REINTERPRETATION EINER VERLOREN GEGLAUBTEN AFRIKASAMMLUNG AUS BAMUM (KAMERUN). IN: MITTEILUNGEN DER BERLINER GESELLSCHAFT FÜR ANTHROPOLOGIE, ETHNOLOGIE UND URGESCHICHTE BD. 31, 2010, S.73-88

INTERNET

WWW.HUMBOLDT-BOX.COM

Fotogalerie ein-ausblenden

Fotogalerie HUMBOLDT-BOX - ZWISCHENBILANZ

Kunst und Kontext 1/2013 (Ausgabe 05). Seiten 10-14. Fotos: Audrey Peraldi

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Abb. 1: Humboldt-Box am Rande der Baustelle

Foto: Audrey Peraldi

Abb. 1b: Humboldt-Box am Rande der Baustelle

Foto: Audrey Peraldi

Abb. 2a: Fassadenelemente des Humboldt-Forums

Foto: Audrey Peraldi

Abb. 2b: Fassadenelemente des Humboldt-Forums

Foto: Audrey Peraldi

Abb. 3: Spendenautomat

Foto: Audrey Peraldi

Abb. 4: Modul Nord-Amerika, die Nulis-Maske der Kwakiutl

Foto: Audrey Peraldi

Abb. 5: Modul Afrika, der Thron der Bamum

Foto: Audrey Peraldi

Abb. 6: Modul Schauvitrine, die Masken der Cubeo

Foto: Audrey Peraldi

Abb. 7: Modul Weltkarte der Musik

Foto: Audrey Peraldi

Vielen Dank an Dr. Andreas Schlothauer.

Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

DIE HUMBOLDT-BOX - EINE ZWISCHENBILANZ; Dr. Andreas Schlothauer; 2015; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-05-2013/603-die-humboldt-box-eine-zwischenbilanz

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