Dezember 2011, Foumban

Salifou und ich kommen in Foumban an, und wir begeben uns gleich zum Palast. Salifou, der mit der königlichen Familie verwandt ist, aber nur noch sehr selten nach Foumban kommt, kennt niemanden vor Ort, wird aber von einigen Frauen, die sich im Palasthof aufhalten, sofort erkannt. Wir sagen, dass wir mit Nji Oumarou Nchare, dem Museumsdirektor, sprechen möchten, und setzen uns. Marilyn Douala-Bell hat uns in Douala gefragt, ob sie für uns einen Termin mit dem Sultan vereinbaren solle; wir müssten dann aber ein ganz konkretes Anliegen vortragen. Da wir zunächst nur in den Magazinen des Museums nach Überresten der deutschen Kolonialperiode suchen wollen, vertagen wir das lieber, bis wir genauer wissen, welche Form unser Projekt annehmen wird.

Vor einem Seitengebäude schräg gegenüber gibt der Sultan gerade seine Morgenaudienz. Nur diejenigen, die dort vorsprechen wollen, betreten diesen Teil des Palasthofes. Der Sultan ist kaum zu erkennen, denn er sitzt unter einer Veranda im Schatten. Diese Szene erinnert mich an die ersten Fotos aus Foumban, die Hans von Ramsay 1902 gemacht hat; lediglich die Macht-Insignien, der Thron und die kultischen Objekte, die damals von oben herunter hingen, fehlen heute. Der Kontext der Audienz wirkt insgesamt eher modern – es kommen keine "traditionellen" Objekte zum Einsatz, obwohl der Sultan in der Audienz gerade einen zentralen Teil seiner Funktion als Oberhaupt der Bamum wahrnimmt. Es fragt sich allerdings, ob hier wirklich keine "aufgeladenen" Objekte mehr benötigt werden oder ob sie vielleicht durch weniger offensichtliche ersetzt worden sind.

Es gibt aber auch hier in Foumban verschiedene Ebenen der Repräsentation: Zu besonderen Anlässen und vor allem für ausländische Besucher wird die große Halle des Palastes geöffnet. Dort stehen drei Repliken des berühmten Perlenthrons von König Nsa'ngu bereit, durch Plastikfolie vor Staub geschützt.

Als sich die Deutschen für die Objekte zu interessieren begannen, die für den Hof in Foumban hergestellt wurden, und sie in großer Zahl erwarben, änderte sich vor Ort schnell das Verhältnis zu ihnen. Es entstand eigens für diesen neuen Markt eine Produktion, die als Ware auch zur Schau gestellt wurde. So zeigt ein historisches Foto ein Königsgewand der Bamum, das von einem Diener, gleichsam in der Rolle eines Models, getragen wird, während der König selbst in westlicher Kleidung danebensteht. Ebenso stellte sich der König für andere Fotos neben den Thron oder – etwas später – setzte er sich auf eine Kopie des Throns und spielte seine eigene Rolle wie in einer Theaterinszenierung.1

Fotogalerie ein-ausblenden

Fotogalerie DER GEIST IM GLAS

Kunst und Kontext 1/2013 (Ausgabe 05). Seiten 15-17. Fotos: Christian Hanussek. Fotos (Abb. 2, 3): Geary 1983: „King Nsangu‘s throne on the large festival site in front of the palace. Photo probably Hans Ramsay. 1902. Linden-Museum. Stuttgart.

Durch Klick auf Vorschaubilder öffnet sich Vollbild.

Abb. 1: Der Thron im Ethnologischen Museum Dahlem

Foto: Christian Hanussek

Abb. 2: Njoya neben dem Thron, die linke Figur hält noch die Glasflasche

Foto  Geary 1983: „King Nsangu‘s throne on the large festival site in front of the palace. Photo probably Hans Ramsay. 1902. Linden-Museum. Stuttgart

Abb. 3: Die linke Figur ohne Glasflasche

Foto  Geary 1983: „King Nsangu‘s throne on the large festival site in front of the palace. Photo probably Hans Ramsay. 1902. Linden-Museum. Stuttgart

Abb. 4: Die „authentische“ Ergänzung durch Glasperlen

Foto: Christian Hanussek

Abb. 5: Die Inszenierung des Throns in der Humboldt-Box

Foto: Christian Hanussek

Sommer 2012, Humboldt-Box in Berlin

Der Bamum Perlen-Thron steht im Zentrum einer Präsentation des Ethnologischen Museums, die einen Vorgeschmack auf das Humboldt- Forum geben soll. Da dieses in eine noch zu bauende, moderne Replik des preußischen Stadtschlosses ziehen soll, bietet das große Interesse Kaiser Wilhelms II. an fernen Kontinenten den Anlass, die historischen Beziehungen zu Kamerun zum Thema zu machen: Auf schwarzem Hintergrund werden dunkel schemenhaft lebensgroße Fotos des Deutschen Kaisers und des Bamum Königs Njoya sichtbar, und zwischen ihnen erscheint als leuchtendes Hologramm der Thron von König Nsa'ngu. (Abb. 05)

Die deutschen Unterhändler und ihre Hintermänner in den deutschen Museen waren sehr versessen auf den Thron, doch als dieser schließlich in Berlin ankam, fand man ihn gar nicht mehr so schön und konnte kaum etwas damit anfangen.2 Heute wird vor allem seine Funktion als Geschenk an den Kaiser betont, wie es als Zeichen gegenseitiger Achtung unter "gleichwertigen Bündnispartnern" 3 üblich sei, und dass sich der Thron daher rechtmäßig in Berlin aufhalte. Von einer gleichberechtigten Beziehung konnte aber keine Rede sein, denn die Deutsche Kolonialverwaltung hatte mit einseitigen Dekreten keinen Zweifel daran gelassen, wer die Macht habe.

Wir betrachten noch einmal die dunklen Fotos der beiden Tauschpartner: Kaiser Wilhelm kleidete sich gerne in historisierende oder seiner Fantasie entsprungene Kostüme, die heute etwas grotesk wirken. Aber bei größenwahnsinnigen Potentaten ist das ja nichts Ungewöhnliches. König Njoya hingegen ließ sich – wie im Vorgriff auf Cindy Sherman – als Double des Deutschen Kaisers fotografieren, inszenierte sich selbst in dessen Kostüm und Pose. Von Njoya gibt es zahllose Fotos in fast ebenso vielen Kostümen, und Zeitgenossen berichteten, er sei sehr fotobegeistert gewesen. (Abb. 02)

Das Foto Njoyas als Wilhelm II ist sorgfältig arrangiert: Seine Prunkuniform ist der des Kaisers nachempfunden, hat aber eingearbeitete Muster und Symbole der Bamum. Während der Kaiser schräg zur Kamera steht und in Richtung Betrachter – über diesen hinweg – schaut, präsentiert sich Njoya frontal und schaut diagonal nach links. Der Fotograf ist unbekannt, und es gibt lediglich einen Abzug im königlichen Palast von Foumban, aber keine Spur davon in den europäischen Archiven, von denen einige große Konvolute an historischen Fotos aus Foumban besitzen. Bei Njoyas Rollenspiel als Wilhelm II Impersonator geht es meines Erachtens nicht um eine Brechung oder Ironisierung identitärer Leitbilder, wie bei Sherman oder dem Spiel mit Identitäten, für das Susan Sontag den Begriff "Camp" geprägt hat. Ich verstehe es als symbolische Aneignung und Einverleibung, eher verwandt den Künstlern des Surrealismus und der brasilianischen Antropofagia-Bewegung der 1920er-Jahre. Njoya hat dem Medium der Fotografie eine magische Funktion übertragen.

Damals gefiel Njoyas Selbstinszenierung den Deutschen gar nicht, und sie verstanden sie als Nachäffung und Zeichen der Dekadenz4, – so, wie sie auch die Objekte und Skulpturen, die nicht ihren Vorstellungen von Afrika entsprachen, als unauthentisch disqualifizierten. Diese Sicht basierte auf der dichotomen Vorstellung, "echte" afrikanische Kultur sei statisch und abgeschlossen, während sich europäische Kultur dynamisch und offen entwickle. In der Konsequenz wurde afrikanischen Künstlern und Werken, die unter äußerem Einfluss standen, die Authentizität abgesprochen. Die meisten ethnologischen Museen sind noch immer bemüht, sich in dieser Tradition "rein" zu halten, doch an der einen oder anderen Stelle wird die Absurdität dieses Geschichtsverständnisses sichtbar.

Dezember 2012, Ethnologisches Museum Berlin-Dahlem

Ein paar Treppen führen hinab in die Afrika-Abteilung, eine mit schwarzer Tapete ausgeschlagene Black Box, in der Punktscheinwerfer ein gelbliches, vertikales Licht auf im Raum verteilte Objekte werfen. Am Ende des Saales im Zentrum der Flucht steht Nsa'ngus Perlenthron. Sein vorderer Teil ist in blendendes Licht getaucht, der hintere verschwindet im Dunkel. (Abb. 01)

Ein Jahr zuvor wollten wir in Foumban nach der verlorenen "Flasche" suchen – in der leisen Hoffnung, sie vielleicht sogar wiederzufinden. Auf den ersten Fotos vom Thron hält eine der beiden Figuren hinter der Sitzfläche ein gläsernes Gefäß in der Hand. (Abb. 04) Dieses tauschte man später durch ein perlenbesetztes, konisches Holzobjekt aus, das ein Trinkhorn darstellt. Mit dem gläsernen Gefäß jedenfalls wurde der Thron 1908 in Buea überübergeben. In einem Brief von 1906 an Herrn von Luschan hatte sich Hauptmann Glauning, der Unterhändler im Tauschgeschäft, abfällig über den Thron geäußert und dabei eine "neue gekaufte Bierflasche in der Hand" einer Figur erwähnt. Es wird angenommen, dass die deutschen Kolonialbeamten ihre afrikanischen "Freunde" quasi dabei unterstützten, authentischere afrikanische Kunst zu machen, indem sie ihnen nahelegten, die originale "Bierflasche" zu ersetzen.

Kann sein, dass es so war, vielleicht war es aber auch ganz anders: Die "Flasche" war jedenfalls schon da, als die Deutschen kamen, und der Thron war damals bereits einige Jahrzehnte alt. Die "Flasche" passte auch zu den Glasperlen, die ebenfalls aus Europa importiert waren. Es scheint uns aber als ziemlich unwahrscheinlich, dass die beiden Thronfiguren dazu dienten, profane Speisen und Getränke bereitzuhalten. Eher könnten es wichtige Elemente in der Bedeutung und Funktion des Thrones gewesen sein wie die magischen Gegenstände, die auf Ramsays Foto über dem Thron hingen und später ebenfalls verschwunden sind.5 Auf einem Foto, das C. Geary auch auf 1902 datiert6, fehlt die Flasche – sie war offenbar nie fest am Thron montiert. (Abb. 03) Sie und/oder ihr Inhalt waren für die Bamum vielleicht wichtiger als der Thron selbst und konnten daher nicht mit nach Berlin geschickt werden.

Möglicherweise sind beide Varianten zutreffend und haben sich hier wunderbar ergänzt. Leider konnten wir die originale Flasche in Foumban nicht finden und können daher nicht anregen, den Originalzustand des Thrones wiederherzustellen. Uns bleibt in Berlin nur das nachträglich eingefügte "Trinkhorn", eine ganz nette kunsthandwerkliche Arbeit, die auch stilistisch nicht ganz zum Thron passt, aber ein amüsantes Beispiel dafür gibt, wie der Versuch, das Authentische hochzuhalten, ein Fake produzierte.

Text und Fotos: Christian Hanussek
Fotos (Abb. 2, 3): Geary 1983: "King Nsangu's throne on the large
festival site in front of the palace. Photo probably Hans Ramsay. 1902.
Linden-Museum. Stuttgart.

BEMERKUNGEN

  • 1 GEARY, C. 1988: IMAGES FROM BAMUM, WASHINGTON DC, FIG. 62, 56, 23
  • 2 BIS HEUTE STEHT EINE DETAILLIERTE UNTERSUCHUNG DES THRONS AUS, WIE SIE ETWA DAS SMITHSONIAN INSTITUTE IN WASHINGTON ZU EINER VERGLEICHBAREN SKULPTUR VERÖFFENTLICHT HAT: GEARY, C, 1994, THE VOYAGE OF KING NJOYAS GIFT: A BEADED SCULPTURE FROM THE BAMUM KINGDOM, CAMEROON, IN THE NATIONAL MUSEUM OF AFRICAN ART
  • 3 TEXTTAFEL ZUM BAMUM THRON IM ETHNOLOGISCHEN MUSEUM BERLIN DAHLEM
  • 4 GEARY, C. 1996: POLITICAL DRESS: "GERMAN STYLE MILITARY ATTIRE AND COLONIAL POLITICS IN BAMUM" IN FOWLER, I UND ZEITLYN, D. 1996 AFRICAN CROSSROADS S. 186 -190
  • 5 CLAUDE TARDITS BESCHREIBT IN SEINEM BUCH LE ROYAUME BAMUN (1980) DIE VERSCHIEDENEN GEHEIMGESELLSCHAFTEN AM HOFE, DENEN DIE OBHUT UND DAMIT AUCH GEHEIMHALTUNG DIVERSER MAGISCHER FUNKTIONEN UND OBJEKTE OBLAG.
  • 6 GEARY, C. 1983: BAMUM TWO-FIGURE THRONES: ADDITIONAL EVIDENCE, AFRICAN ARTS, VOL. 16, NO. 4, S. 49

Vielen Dank an Christian Hanussek.

Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

DER GEIST IM GLAS; Christian Hanussek; 2015; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-05-2013/604-der-geist-im-glas

Nutzungsrechte / Urheberrechte

Beachten Sie die Rechte des / der Urheber! Wenn Sie Artikel übernehmen wollen, fragen Sie nach! About Africa leitet Ihre Anfrage dann gerne an die/den Urheber weiter.

Bei korrekter Zitierweise ist die Übernahme von kleineren TEXT-Ausschnitten ohne Rückfrage erlaubt.

Bilder und andere multimediale Inhalte bedürfen immer der Freigabe durch den/die Urheber.

Disclaimer

Viele Autoren, viele Meinungen! about-africa.de ist nicht verantwortlich für Richtigkeit der angezeigten Inhalte. Wir entfernen natürlich Falsches oder kommentieren im Text, wenn etwas zu hinterfragen ist, jedoch nur soweit wir es beurteilen können oder uns widersprüchliche Ansichten bekannt sind. Wir sind keine Fachleute und sind nicht in der Lage, Fachwissen im Detail auf Richtigkeit zu prüfen. Wir sind jederzeit bereit, Gegenreden zu veröffentlichen.