Weihrauch zur Einstimmung

In der historischen Mitte Berlins entsteht im Laufe dieses Jahrzehnts ein einzigartiges Zentrum für Kunst, Kultur, Wissenschaft und Bildung mit internationaler Ausstrahlung. Es widmet sich dem Dialog zwischen den Kulturen der Welt und richtet den Blick aus ganz unterschiedlichen Perspektiven auf historische wie aktuelle Themen von globaler Relevanz.
Im wiedererrichteten Berliner Schloss werden sich in naher Zukunft Museen, Bibliothek, Universität und verschiedene Veranstaltungsbereiche zu einem Treffpunkt von Menschen aus aller Welt verbinden – unabhängig von Herkunft, Alter, Ausbildung, Interessen, Vorwissen oder Vorlieben. Im Humboldt-Forum werden neue Formen des Zusammenwirkens erprobt, eine Vielfalt kultureller und gesellschaftlicher Ausdrucksformen erlebbar, und wissenschaftliche mit künstlerischen Arbeitsweisen verbunden. Die Geschichte wird in der Gegenwart lebendig. Das Humboldt-Forum trägt dazu bei, ein aktuelles Verständnis unserer globalisierten Welt zu vermitteln; es wird Fragen aufwerfen wie auch nach Lösungen suchen. Es gilt dabei auch, ökonomische und ökologische Entwicklungen der Weltgesellschaft deutlich zu machen und zu zeigen, welche Aufgaben für deren Gestaltung vor uns liegen - in Politik, Wirtschaft und Kultur gleichermaßen. Getreu seiner Namensgeber, der Gebrüder Wilhelm und Alexander von Humboldt, soll dieser Ort für ein respektvolles und gleichberechtigtes Zusammenleben der Kulturen und Nationen stehen.
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Die Eingangshalle ist die Herzkammer, das Gravitationszentrum des ganzen Hauses. Die gewaltige Höhe des Raumes lässt die Dimensionen des historischen Schlosses spüren. Hier wird ein überdachter öffentlicher Treffpunkt für ein internationales Publikum entstehen, in dem sich Gastfreundlichkeit, Inspiration und Vitalität des Humboldt- Forums auf überraschende wie einnehmende Weise offenbaren. Bilddisplays führen die Angebote des Forums vor; sie locken mit Themen, Leidenschaften, Kunstwerken und Alltagswelten im Hier und Jetzt. Die umlaufenden Galerien mit ihren beeindruckenden Ausmaßen bilden dagegen über drei Geschosse hinweg die Bühne für eine Inszenierung, die mit ihren Objekten und Bildinstallationen an die einstige Kunstkammer erinnern soll. Hier werden ideengeschichtliche Entwicklungen aufgegriffen und in einen faszinierenden, bis in die Gegenwart reichenden Resonanzraum eingebunden. Aus der Keimzelle Kunstkammer wird so ein moderner Makrokosmos im Mikrokosmos, der nicht mehr von fremdartigen Kuriositäten und Raritäten lebt, sondern von den Zeugnissen eines über Jahrhunderte gewachsenen Austausches und gleichberechtigten Dialogs der Kulturen der Welt.
www.humboldt-forum.de, Stand: 1. April 2013

"Das Humboldt-Forum als eines der bedeutendsten kulturellen Bauvorhaben in Deutschland widmet sich der Begegnung von Kunst und den Kulturen der Welt. Mit seinem einmaligen Angebot an Museen, Bibliotheken und universitären Sammlungen wird das Humboldt-Forum den Dialog der Wissenschaften und den der Künste sowie die Wissensvermittlung fördern und den in die Zukunft gerichteten Themen und Fragen eine Plattform bieten."
Stiftung Preussischer Kulturbesitz, Pressemitteilung vom 8. Juli 2009: "Anders zur Welt kommen"

"Anknüpfend an die Tradition des Hohenzollernschlosses sieht das Konzept des Humboldtforums eine Mischung aus Museum, Bibliothek, Veranstaltungsraum und Begegnungsstätte vor."
www.berliner-schloss.de, Newsletter vom März 2013

"Ich glaube, in der Bevölkerung ist noch gar nicht so präsent, was das Humboldt- Forum im Zentrum der Stadt bedeutet. Berlin wird damit im kulturellen Bereich mit London und Paris in der gleichen Liga spielen. Wer Paris besucht, kommt am Louvre und am Centre Pompidou nicht vorbei, in London nicht am British Museum. In Berlin wird das Humboldt-Forum mit seinen modernen Nutzungskonzepten diese Funktion übernehmen. Die internationale Strahlkraft eines Forums, in dem die Kulturen der Welt gleichwertig zu einem Dialog kommen, wird immens sein."
Manfred Rettig, Berliner Morgenpost vom 23. März



Seit zehn Jahren ist die Idee des "Humboldt-Forums" in der Welt. Dieses Projekt hat das Potential von Einmaligkeit und ist doch bereits Gefangener seiner eigenen Geschichte: Im Widerstreit von Begehrlichkeiten an diesem Ort und im Dickicht der Zuständigkeiten droht die Ursprungs- und Leitidee für das Humboldt- Forum unterzugehen."
Stiftung Zukunft Berlin, Flugblatt vom 16. Januar 2012



Manche Projekte erscheinen anfangs, als wäre in ihnen alles erwünscht und möglich. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn das Konzept allgemein formuliert, die Ziele unklar und die Ambitionen hoch sind. Im fortschreitenden Planungsprozess werden nach und nach Entscheidungen getroffen, die zeigen, was nicht mehr möglich sein wird. Dies ist auch beim Projekt Humboldt-Forum so. Dass es kein Bau der Gegenwart, sondern ein Schloss der Vergangenheit sein wird, ist nichts Neues und zu verschmerzen, denn selbst hinter einer preußischen Steinfassade ist gute Innenarchitektur, sind interessante Ausstellungen möglich.

Wesentlich weitreichender und einschränkender sind die Entscheidungen in folgenden Bereichen:

  • Räumliche Trennung von Depot und Ausstellung
  • Depot-Umzug und Objektauswahl
  • Aufteilung der Ausstellungsflächen im Humboldt-Forum

Von besonderem Interesse sind diese, weil von den Beteiligten, zum Beispiel der Stiftung Preussischer Kulturbesitz und dem Ethnologischen Museum, weiterhin Ideen und Konzepte öffentlich propagiert werden, die durch die getroffenen Entscheidungen nicht mehr realisiert werden können. Interessant ist weiterhin, dass gar keine Entscheidungen gefällt werden und noch nicht einmal eine (öffentliche) Diskussion stattfindet bei den beiden Themen:

  • Generationenwechsel
  • Wandel der Organisationsstruktur

Räumliche Trennung von Depot und Ausstellung

Wer als Wissenschaftler das Musée du quai Branly in Paris besucht, der betritt nicht das Hauptgebäude mit den Ausstellungen, sondern ein Haus in der Rue de l'Université. Bereits an der Pforte bemerkt der Wartende überrascht, dass er nicht der einzige Besucher ist. Es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Gesichter und Sprachen aus vielen Teilen der Welt. Sie kommen wegen der Objekte, der Archive, der Museumskuratoren etc., denn alles ist hier an einem Standort vereint. Die Büros der Kuratoren, die Werkstätten der Restauratoren, die Bibliothek, die Archive, die Depots mit den Sammlungen und die Arbeitsräume für die Besucher. Aus den Begegnungen, die hier geplant oder zufällig stattfinden, entstehen Forschungsprojekte und zukünftige Ausstellungen.

Dies ist der lebendige Teil des Museums, und genau dies war Absicht und Ziel der weitsichtigen Initiatoren des Musée du quai Branly.

Diesen lebendigen Austausch der Forschenden – ausgehend von den Sammlungsobjekten – wird es im Humboldt-Forum in der Mitte Berlins nicht geben. Aber möglicherweise etwa zwanzig Kilometer entfernt, am südlichen Stadtrand Berlins, in Friedrichshagen bei Köpenick, oder – bis weit in die 2020er-Jahre – in Dahlem. Denn auch dort werden Objekte in den Depots verbleiben.

Da auch die Kuratoren und Archivare ihre Büros sowie die Restauratoren ihre Werkstätten in Friedrichshagen haben werden, wird der lebendigste Teil des Projektes Humboldt-Forum – der Austausch der Spezialisten – dort stattfinden. Im preußischen Schloss wird es Ausstellungen und Veranstaltungen geben, nicht aber ein Arbeiten mit den Sammlungen. Es wird ein besuchter Ort sein, aber ein lebendiger Ort der Forschung mit den Objekten? Ist dann nicht der wesentlichere Teil des zukünftigen Humboldt-Forums in Friedrichshagen und nicht auf der Museumsinsel?

Als ungeplanten Nebeneffekt des verlorenen Überblicks wird das heutige Ethnologische Museum bei seiner Eröffnung im Jahr 2019 mindestens drei Standorte haben: auf der Museumsinsel, in Dahlem und in Friedrichshagen. Ein Teil des Museumspersonals, vor allem die Kuratoren, Sammlungsverwalter und Restauratoren werden einen guten Teil ihrer Arbeitszeit zwischen den drei Standorten hin- und herreisen.

von nachStunden ÖVMKilometer
Museumsinsel - Dahlem 1 14
Museumsinsel - Friedrichshagen 1 20
Dahlem - Friedrichshagen 1,5 30

Eine Verschwendung von Arbeitsstunden, die niemand bedacht, geschweige denn berechnet hätte. Auch die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern, die mit den Sammlungsbeständen arbeiten, wird dadurch kaum das professionelle Niveau erreichen, das heute beispielsweise im Musée du quai Branly geboten wird. Denn die Besucher benötigen auch Arbeitsplätze und Technik vor Ort sowie Betreuung, damit ihre Arbeit und Erkenntnisse in das Museum zurückfließen. Diese Strukturen sind in Friedrichshagen nicht in ausreichendem Umfang vorgesehen.

Depot-Umzug und Objektauswahl

Der Neubau eines Museums ist ein kompliziertes Vorhaben und wird von zahlreichen Dienstleistern begleitet, die durch öffentliche Ausschreibungen gefunden werden. Dutzende Spezialisten arbeiten z.B. als Architekt, Statiker, Haustechnikplaner sowohl in der Entwurfs- wie auch später in der Bauphase zusammen. Die Baunebenkosten liegen bei einem Projekt dieser Größenordnung zwischen zwölf und zwanzig Prozent der Baukosten, also zwischen fünfundsechzig und einhundert Millionen Euro.

Im Depot des Museums lagern etwa 500.000 Objekte, darunter sehr viel fragile. Die genaue Zahl ist nicht bekannt. Ebenso wenig gibt es eine Erfassung hinsichtlich der Größe, des Materials und des Zustandes der Objekte. Daher erfordert die Aufgabe "Depot- Umzug" ebenfalls die Zusammenarbeit vieler Spezialisten, die durch öffentliche Ausschreibungen zu suchen sind. Nicht nur die Gesamtlogistik oder der Umzug sind terminlich zu planen. Auch das Verpacken, die Reinigung und Insektenbehandlung, die Objekterfassung, -vermessung und -etikettierung, das Auspacken und das Verstauen erfordern spezialisiertes Wissen. Wie es beim Museumsneubau eine Entwurfs- und eine Bauphase gibt, ist eine Planungs- und eine Durchführungsphase vorzusehen. In der Planungsphase sind die Anzahl, die Größe, das Material und der Zustand der Objekte zu erfassen. Erst dann können die Kosten halbwegs zuverlässig geschätzt werden.

Die Logistik des Projektes "Depot-Umzug" ist also eine mindestens ebenso komplexe Aufgabe wie der Museumsneubau. Denn die Objekte und Sammlungen sind einmalige historische Kulturzeugnisse. Umzugsbedingte Beschädigungen und Verluste wären fatal. Der Gesamtwert der Sammlung dürfte weit oberhalb von 590.000 Millionen Euro liegen – den bislang geschätzten Baukosten des Humboldt-Forums.

Wer nun erwartet, dass bereits Spezialisten arbeiten, sieht sich enttäuscht. Offenbar soll die Arbeit der Bestandserfassung und Planung vom Museumspersonal nebenher mit erledigt werden. Erstaunlich, denn niemand würde von einem Kurator erwarten, dass er z.B. die Grundlagen für die Ausschreibung der Elektroplanung des Schloss-Neubaues erarbeitet oder einen groben Bauablaufplan anlegt. Solange die Vorarbeiten fehlen, kann es keine zuverlässige Kostenschätzung bzw. eine Finanzplanung geben und auch keinen abgestimmten Terminplan.

Im Folgenden nur ein paar Eckdaten, die jedoch eindeutige Schlüsse erlauben:

Vorgesehen ist, dass mit dem Verpacken der Sammlungen "Amerika, Afrika, Ostasien" im Depotgebäude "Bauteil 4" (etwa 308.000 Objekte) in den nächsten Jahren begonnen wird. Dauer und Abschluss der Arbeiten sind offen. Da jedes Stück in die Hand genommen werden muss, ist das Vermessen, das Fotografieren und die Neuauszeichnung mit Barcode-Etiketten angedacht. Ein Budget gibt es jedoch für diese Arbeiten nicht.

Die Beurteilung des restauratorischen Zustandes der einzelnen Objekte und eine Inventur, also der Abgleich des heutigen mit dem ehemaligen Bestand, sind nicht vorgesehen.

Die Museumssammlungen sollen in Zukunft vollständig digitalisiert im Internet für jeden Nutzer zugänglich sein. Dass mit dieser "WirMöchtenGern"-Bekundung keine konkreten Budgets und auch keine Termin- und Personalplanung verbunden sind, ist erstaunlich unprofessionell. Die Qualitätsvorgaben entsprechen nicht dem Standard, der in einigen ethnologischen Museen z.B. in Genf, Paris und den Niederlanden bereits realisiert ist.

Verpacken und Transport sollen von einer Kunstspedition durchgeführt werden. Kostenschätzungen gibt es noch nicht, zumindest steht aber die zuständige Stelle fest: das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR).

Beschlossen und finanziert ist in Friedrichshagen ein erster Depot- Neubau, der im Jahr 2017 bezugsfertig sein soll. Ein weiterer Neubau für die restlichen Dahlemer Sammlungen soll folgen, ist aber weder beschlossen noch finanziert. Daher ist jetzt schon absehbar, dass wesentliche Teile der Gesamtsammlung des Museums – z.B. Ozeanien, Australien – bis weit in die 2020er-Jahre in Dahlem verbleiben werden.

Bevor in Friedrichshagen ab 2017 mit dem Verstauen der Objekte begonnen werden kann, ist ein großer Teil derselben zu reinigen und zu entseuchen, d.h. unliebsame Begleiter (Insekten aller Art) sind zu entfernen. Dies ist durch Art und Menge der Objekte eine technische und logistische Herausforderung unbekannter Art. Erfahrungen anderer Museen zeigen, dass der Einsatz einer sogenannten Stickstoffkammer geeignet ist. Da die einzelnen Objekte mehrere Wochen in derselben verbleiben müssen und diese Kammern nicht in beliebiger Größe verfügbar sind, kann derzeit niemand sagen, wie lange die Gesamtentseuchung dauern wird. Wer die jüngsten Erfahrungen anderer Museen einbezieht, z.B. Leiden (Kunst&Kontext 93, S. 8-14) und Paris (Kunst&Kontext 04, S. 11-17), kommt zu dem Ergebnis, dass der gesamte Umzugsprozess frühestens Mitte der 2020er-Jahre abgeschlossen sein kann. Dies aber auch nur dann, wenn ab diesem Jahr mit vergleichbarem Finanz- und Personalaufwand gearbeitet würde. Bemühungen in diese Richtung sind nicht erkennbar.

Die Folgen hinsichtlich der Objektauswahl für die Ausstellungen im Humboldt-Forum sind schwerwiegend. Durch den Depot-Umzug werden ab dem Jahr 2014 (?) große Teile der Sammlungen für mindestens zehn Jahre nicht mehr zugänglich sein. Die Objektauswahl für die HuF-Ausstellungen bis weit in die 2020iger Jahre hinein wird daher von den heutigen Kuratoren bestimmt, die fast alle in den nächsten Jahren in Rente gehen werden. Objekt- und Sammlungsbearbeitungen mit dem Ziel, Neues zu entdecken, sind nur noch in diesem, vielleicht noch im nächsten Jahr möglich. Die Museumskuratoren können sich seit Jahren immer weniger aufs inhaltliche Arbeiten konzentrieren, da sie durch die HuF-Planungen mit zahlreichen Anforderungen der Museumsbürokratie überhäuft sind. Eine Freistellung für eigene wissenschaftliche Forschung unter Einbeziehung von Spezialisten wäre notwendig, ist jedoch nicht erkennbar. Nicht einmal die Wissenschaftler, die in den letzten zehn Jahren Objekte und Teilsammlungen des Museums bearbeitet sowie Artikel im Bässler-Archiv (Zeitschrift des Ethnologischen Museums) veröffentlicht haben, sind bei der Objektauswahl einbezogen. Auch der Wissenschaftler- Nachwuchs, der so erfolgreich die Ausstellung der Humboldt- Box realisiert hat, ist heute nicht mehr im Museum.

Die Objektauswahl für die Eröffnungsausstellung kann daher nur unbefriedigend sein. Denn eine wichtige Besonderheit der Ethnologie ist, dass jede Kultur (umgangssprachlich Stamm, Volk) ein eigenes Universum ist. Material, Technik, Denken, Religion, Alltag etc. erschließen sich nur durch das jahrelange Vergleichen der Objekte, das Studium von Büchern und langen Aufenthalten vor Ort. Kein Kurator, und sei er noch so gelehrt, kann diese Vielzahl der Universen überblicken, geschweige denn verstehen.

Im Jahr 2019 wird das Humboldt-Forum also nicht die Vielfalt der Welt, sondern die Einfalt der heutigen Kuratoren zeigen. Denn erst die Zusammenarbeit vieler macht Vielfalt möglich.

Aufteilung der Ausstellungsflächen: 2. OG Asien - 3. OG Rest der Welt

Für die Ausstellungen der beiden Museen (EM, MAK) sollen im Humboldt-Forum zwei Geschosse mit einer Ausstellungsfläche von jeweils 8.000 Quadratmetern verfügbar sein. Eine Etage ist für Asien reserviert, auf der anderen drängt sich der Rest der Welt. Diese Aufteilung korrespondiert in keiner Weise mit der unterschiedlichen Bedeutung und Größe der regionalen Sammlungen. Nicht die Gesamtmenge von etwa 500.000 Objekten macht die Berliner Sammlung bedeutend, sondern die Teilsammlungen und Einzelobjekte. Weltweit einmalig sind beispielsweise die amerikanischen Sammlungen des Museums, etwa die Hälfte aller Objekte (250.000), derzeit in Nordamerika, Mittelamerika, Südamerika Hochland und Südamerika Tiefland gegliedert. Für diese vier Regionen des amerikanischen Kontinents werden jeweils nur 500 bis 600 Quadratmeter verfügbar sein, Ausstellungsflächen auf dem Niveau eines Provinzmuseums.

Wenn bei der Aufteilung nicht von den Museumssammlungen ausgegangen wurde, wovon dann? Welche überzeugende Idee steckt hinter dieser Zweiteilung? Schriftliche Ausführungen gibt es nicht, eine möglicherweise geführte inhaltliche Diskussion hat keine Spuren hinterlassen. Was wird der Rest der Welt (Afrika, Amerika, Australien, Ozeanien) wohl dazu sagen, dass Deutschland der Kontinent Asien am wichtigsten ist?

Die Aufteilung "Asien - Rest der Welt" zeigt auch ein mangelndes Grundverständnis der eigenen Sammlungen. Das Museum für Asiatische Kunst wird das Asien-Geschoss mit Objekten staatenbildender Kulturen Indiens, Japans, Chinas etc. dominieren. Wer heute durch die Afrika-Ausstellung in Dahlem geht, dem werden ebenfalls afrikanische Königreiche präsentiert: Benin (Nigeria) und Bamum (Kamerun). Gleiches in der Süd- und Mittelamerika- Ausstellung. Damit wird das Bild vermittelt, dass die frühere Welt aus Staaten bestanden hätte. Verschwiegen-verschwunden ist die bunte Vielfalt der kleinen Kulturen, umgangssprachlich als Stämme bezeichnet, mit wenigen tausend Menschen.

Mit den Beständen aus den ehemaligen deutschen Kolonien in Afrika, dem heutigen Togo, dem Kameruner Waldland, aus Tansania, könnte genau dies gezeigt werden. Auch die weltweit einmaligen Sammlungen des Amazonas-Gebietes könnten den zukünftigen Besuchern vermitteln, dass die Mehrzahl der Menschen gerade nicht in staatenähnlichen Gebilden lebte. Der größte Teil dieser Depotbestände wurde seit der Einlagerung vor über hundert Jahren nicht ausgestellt und nie wissenschaftlich aufgearbeitet. Derzeit vermitteln nur die Ozeanien- und die Nordamerika- Ausstellung in Dahlem eine Ahnung davon, dass die Mehrheit der Objekte von kleinen, wenig hierarchischen Gemeinschaften ist. Bedenkt man, dass diese heute fast immer in dominierenden Nationalstaaten um die Existenz ihrer eigenen Kultur kämpfen, dann müsste das wichtigste Thema des Humboldt-Forums "Ethnische Minderheiten" sein. Der ehemalige Nordamerika-Kurator Peter Bolz hatte im Jahr 2008 ein Konzeptpapier zur Diskussion vorgelegt, hier heisst es: "Diese meist am Rande des Existenzminimums lebenden ethnischen Minderheiten sind nicht in der Lage, für ihre Kultur Lobbyarbeit in irgend einer Form zu betreiben. Zudem lehnen es die meisten von ihnen ab, von der dominanten Kultur, in dier sie gezwungenermaßen leben, repräsentiert zu werden."

Die Wichtigkeit des Gedankens wurde jedoch offensichtlich nicht verstanden. So ist die Geschoss-Zweiteilung der Ausstellungsflächen auch Ausdruck einer beschränkten Sicht auf die eigenen Sammlungen und die Ethnologie. Denn diese war nie Staatenkunde, sondern Völkerkunde.

Abschließend noch ein paar Sätze zu den beiden Themen "Generationenwechsel" und "Wandel der Organisationsstruktur", die (öffentlich) nicht diskutiert werden.

Generationenwechsel

Das Humboldt-Forum hat ein Altersproblem. Derzeit trifft die Generation der "um die 60-Jährigen" die wesentlichen Entscheidungen zu Inhalten und Präsentation. In den Jahren 2013 bis 2017 werden fast alle Kuratoren sowie beide MuseumsdirektorInnen ihren Ruhestand erreichen. Ein Generationenwechsel ausgerechnet in der intensivsten Planungs- und beginnenden Realisierungsphase!

Die Wissenschaftler, die das Projekt Humboldt-Box mitgestaltet haben, hätten die nächste Generation bilden können (K&K 05, S.8-12). In Teilbereiche der Sammlungen haben sie sich jahrelang eingearbeitet, Feldforschungserfahrungen und eigene Projekte mitgebracht. Doch es wurde dieser Generationenwechsel im Jahr 2012 verpasst. Keiner von ihnen ist heute mehr im Ethnologischen Museum tätig.

Die Stiftung Preussischer Kulturbesitz organisiert Generationenwechsel mindestens nach zwei Modellen, entweder durch Schaffung zeitlich begrenzter Stellen oder durch externe Vergabe von Leistungen. So wurde z. B. im Herbst 2012 die "Stabsstelle Humboldt- Forum" geschaffen, um die Projektsteuerung zu gewährleisten. Beispiele für die externe Vergabe sind die Zusammenarbeit mit den Firmen Stan Hema GmbH (Corporate Design) und Appelbaum & malsyteufel (Ausstellungsgestaltung). Warum wird die Arbeit an den Inhalten nicht nach einem der beiden Modelle von der Stiftung koordiniert? Damit würde eine parallele Personalstruktur geschaffen, die es dem ethnologischen Nachwuchs ermöglichte, mittelfristig die Inhalte zu entwickeln, ohne dass sich die Stellenanzahl im Museum veränderte. Zusammenarbeitsprojekte mit Indigenen Gemeinschaften und Spezialisten, Sammlungsbearbeitung und Objektauswahl, Digitalisierung wären geeignete Arbeitsbereiche.

Im Internet findet sich aktuell (Stand 2013) eine Stellenausschreibung der SMB-PK:
Gesucht wird ein(e) "Kuratorin/Kurator bzw. Wiss. Angestellte/Angestellter".
Sie enthält unter "Anforderungen" u. a. folgende Spezifikationen:

* Abgeschlossenes wissenschaftliches Hochschulstudium (Magister, Promotion oder gleichwertiger Abschluss) in Ethnologie, Kulturanthropologie oder vergleichbarer Studienabschluss
* dreijährige Museums- und Ausstellungserfahrung vor allem im Bereich Vermittlung
* sehr gute Englischkenntnisse in Wort und Schrift.

Folgende Fragen haben wir der Pressestelle der SMB-PK vorgelegt, die (bisher) nicht beantwortet wurden:

* War bisher nicht die Qualifikation für die Kuratorenstellen "mindestens Promotion"?
* Warum ist gerade Vermittlung für den Bereich "Amerikanische Ethnologie" entscheidend?
* Wird in Amerika nicht ebenso Spanisch und Portugiesisch gesprochen? Warum wird nicht wenigstens Englisch plus eine dieser Sprachen verlangt?
* Warum sind Kenntnisse hinsichtlich "materieller Kultur" nicht erwähnt? Bestehen Museen nicht vor allem aus den Sammlungen?

Wen würde es wundern, wenn eine Person, die bereits im Museum arbeitet, das Rennen machte? Könnte das Anforderungsprofil auf eine Magister-Kulturanthropologin und Museumspädagogin zugeschnitten sein?

Diese Stellenausschreibung hat für das Humboldt-Forum höchste Relevanz, denn sie ist ein Teil des Generationenwechsels. Die Ausschreibung zeigt, dass kein Wissenschaftler internationalen Formates gesucht wird, der in einem der Amerikas mit seiner Arbeit verankert ist sowie vergleichende Kenntnis von Museumssammlungen hat. Aber das Humboldt-Forum soll weltweit mit den besten Museen konkurrieren? Mit welchen KuratorInnen?

Wandel der Organisationsstruktur

Museen sind Behörden mit bürokratischen und hierarchischen Strukturen, die Eigeninitiative und selbstverantwortliches Handeln behindern bzw. verhindern können. Daraus ergeben sich die Fragen:

  • Welche Organisationsstruktur wird für das Humboldt-Forum gewählt? D.h. wie viel Verantwortung und Freiheit soll jeder einzelne Arbeitsplatz beinhalten, damit Selbstverantwortung und Eigeninitiative gefördert werden? Welche Formen der Zusammenarbeit sind erwünscht?
  • Mit welchen Organisationsstrukturen wird in der Planungs- und Realisierungsphase experimentiert?

Das Projekt Humboldt-Forum hat in den letzten Jahren die Strukturen des Ethnologischen Museums verändert, ohne dass Zielvorstellungen und Organisationsmodelle diskutiert und bewusst entwickelt werden. Ins HuF werden zwei Museen (EM, MAK) aufgehen und Teile der Humboldt-Universität bzw. der ZLB integriert. Bauherrin und Eigentümerin des Grundstücks sowie des zu bewirtschaftenden Gebäudes ist bzw. wird die Stiftung Berliner Schloss - Humboldt-Forum (SBS-HuF) sein. Offensichtlich entsteht eine neue Organisation. Und dies ohne Diskussion der zeitgemäßen Organisationsstruktur eines Museums des 21. Jahrhunderts?

Das Humboldt-Forum designt sich selbst

"Museen der Zukunft werden vor allem Kommunikationszentren sein, Häuser, wo sich Menschen über Ozeane hinweg austauschen, wo verschiedene Perspektiven zusammenkommen." (Viola König, Tagesspiegel Berlin, 16. September 2009)

Das Projekt Humboldt-Forum ist in seinen Inhalten und Konzepten auf den Neubau und die Eröffnungsausstellung fixiert. Präsentation und Ausstellungsdesign dominieren die Suche nach Inhalten. Übersehen wird, dass die Idee "Museum als Kommunikationszentrum" vor allem die Schaffung von Strukturen bedeutet. Zum einen den virtuellen Zugang zu allen Sammlungsobjekten und Archiven im Internet, zum anderen auch den realen Zugang mit den entsprechenden Arbeitsmöglichkeiten. Dies ist die Basis für sammlungsbezogene Zusammenarbeitsprojekte mit Indigenen Gemeinschaften und Spezialisten. Objekt-und Themenauswahl für Ausstellungen entstehen aus dieser Arbeit, das objektbezogene Wissen und die Sammlungen werden erweitert. Die Interpretation und Präsentation der Objekte und Sammlungen im Humboldt- Forum dürfen nicht ohne die heute lebenden Nachfahren der Hersteller stattfinden. Kein Objekt darf ausgestellt werden ohne eine konkrete Zusammenarbeit im Einzelfall.

Wenn das Humboldt-Forum mit den besten Museen in Europa und der Welt konkurrieren möchte, dann müssen zum einen der bestehende Rückstand aufgeholt und zum anderen Ideen umgesetzt werden, die diese Museen nur zaghaft oder gar nicht umsetzen. Einfache, erreichbare Zielkonzepte sind:

  • Virtuelles Museum und Inventur
  • Zusammenarbeitsprojekte mit Indigenen Gemeinschaften und Spezialisten

Die Umsetzung erfordert – wie im Bereich Neubau und Ausstellungsgestaltung – die planerischen Instrumente: Kostenschätzung, Terminplan und Gesamtbudget. Sowohl bis zur Eröffnung im Jahr 2019 wie auch für die ersten Jahre des laufenden Betriebes.

Meine pessimistische Vision
Dass sich etwas Entscheidendes ändert, ist stets die unwahrscheinlichere Entwicklung. Wir werden also weiter leer-wohlklingende Parolen hören und lesen (siehe Eingangszitate). Eine Erneuerung der Ethnologie oder eine resümierende Zusammenfassung ihrer Erkenntnisse durch das oder im Humboldt-Forum wird es nicht geben. In einer kathedralenartigen Innenkulisse wird glitzerndes Design den Inhalt töten. Humboldt-Box und Humboldt Lab werden im Jahr 2019 längst vergessene Entwicklungsversuche sein. Je näher die Eröffnungsfeier naht, desto mehr werden sich die Medien, die politische und die bürokratische Elite selbst feiern. Das wiedererstandene preußische Schloss den höchsten Vertretern der internationalen Politik zu präsentieren ist etwas sehr Großes und sehr Bedeutendes. Viel zu groß und bedeutend, als es den Ethnologen, den Kuratoren, MuseumsdirektorInnen, einem Stiftungspräsidenten oder gar den Herstellern der Objekte bzw. deren Nachfahren zu überlassen. Das Humboldt-Forum war und ist ein Projekt des Größenwahns mit der Aussage: Wir sind uns selbst genug. Etwas Abstand tut gut.

Text: Andreas Schlothauer
(Abb. 1-2) Abbildungen/Fotos: Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum/Franco Stella,
(Abb. 3) Holzer Kobler Architekturen Zürich

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Fotogalerie HUMBOLDT-FORUM - WAS KANN ES NICHT MEHR WERDEN?

Kunst und Kontext 1/2013 (Ausgabe 05). Seite 24-28. Abb. 1-2: Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum/Franco Stella. Abb. 3: Holzer Kobler Architekturen Zürich

Durch Klick auf Vorschaubilder öffnet sich Vollbild.

Abb.1: Lageplan

Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum/Franco Stella

Abb. 2: Blick in die Eingangshalle

Stiftung Berliner Schloss – Humboldtforum/Franco Stella

Abb. 3: Eingangshalle 2

Holzer Kobler Architekturen Zürich

Vielen Dank an Dr. Andreas Schlothauer.

Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

HUMBOLDT-FORUM - WAS KANN ES NICHT MEHR WERDEN?; Dr. Andreas Schlothauer; 2015; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-05-2013/606-humboldt-forum-kann-es-nicht

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