Die folgenden Ausführungen über Federschmuck aus alten Sammlungsbeständen, die sich heute im Musée du quai Branly (Paris) und im Musée des Confluences (Lyon) befinden, sind Teil meiner Diplomarbeit und Abschluss meines Restauratoren-Studiums in Avignon. In diesem Artikel werden die untersuchten Objekte und ihre Museumsgeschichte vorgestellt unter Verwendung der Sammlungsdokumentation in den beiden Museumsarchiven Paris und Lyon. Diese historischen Vorarbeiten waren zum besseren Verständnis der Stücke notwendig, bevor die restauratorische Behandlung beginnen konnte.

Inhalt der Arbeit

Die betrachteten Objekte wurden mindestens seit dem 19. Jahrhundert in französischen Museen aufbewahrt und kamen ursprünglich aus dem Gebiet Guayanas. Untersucht wurden sieben Stücke, sechs befinden sich heute im Musée du quai Branly (MQB) und eines im Musée des Confluences in Lyon. Letzteres wurde von mir restauratorisch bearbeitet, die anderen sechs Objekte konnte ich in Paris untersuchen. Die Objekte sind in unterschiedlichem Konservierungszustand – bis hin zur fast völligen Auflösung der Federn an einem der Stücke. Außerdem sind die Objekte nur spärlich dokumentiert; die genaue Herkunft in Guayana, die ehemalige Tragweise oder der Sammlungszusammenhang sind unbekannt. Ein schlechter Erhaltungszustand und wenig Informationen verstärken das Gefühl der Unsicherheit und sind ein generelles Problem bei der Arbeit mit alten ethnografischen Sammlungsbeständen. Deshalb stand am Anfang der Untersuchung die Frage nach einem besseren Verständnis der musealen Objektgeschichte. Auch wenn die Grenzen recht schnell deutlich wurden, hat uns das erlaubt, die Stücke besser einordnen zu können.

Die untersuchten Objekte

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Fotogalerie ALTER FEDERSCHMUCK AUS GUAYANA IN DEN MUSEUMSSAMMLUNGEN PARIS UND LYON

Fotos: Patrick Ageneau, musée des Confluences Lyon

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Abb. 1: Wayana? Teil eines Kopfschmuckes, 60003470

Foto: Patrick Ageneau, musée des Confluences Lyon

Abb. 2: Wayana? Brustschmuck, 60004400

Foto: Patrick Ageneau, musée des Confluences Lyon

Abb. 3: Mundurucu Zepter, 60003469

Foto: Patrick Ageneau, musée des Confluences Lyon

Abb. 4: Mundurucu Oberkörperbänder, 60003471

Foto: Patrick Ageneau, musée des Confluences Lyon

Abb. 5: Wayana? Teil eines Kopfschmuckes, 60004401

Foto: Patrick Ageneau, musée des Confluences Lyon

Die fünf Objekte des Musée du quai Branly sind Teil der Kollektion "71.1878.14", die insgesamt zweiundzwanzig Stücke umfasst. Dreizehn sind archäologische Funde aus verschiedenen Ländern Südamerikas, die uns in diesem Zusammenhang nicht interessieren. Bei neun anderen handelt es sich um Federschmuck mit der Herkunftsangabe "Französisch-Guayana". Wir können drei Gruppen unterscheiden:

Gruppe 1: Die fünf untersuchten Feder-Binden

Mehrere Feder-Bänder sind zusammengefasst. Eines der Bänder besteht aus langen weißen Hahnenfedern, die anderen aus kürzeren bunten Federn, die an der Spitze gerade abgeschnitten sind (vgl. Abb. 1).

Gruppe 2: Drei weitere Feder-Binden

Diese sind in der Struktur ähnlich, bestehen aber lediglich aus roten und gelben Federn (darunter ein Teil Tapirage-Federn, d.h. künstlich am lebenden Vogel verändert). Die einzelnen Bänder sind aus einer Pflanzenfaser und nicht aus Baumwolle.

Gruppe 3: Brustschmuck

Hier handelt es sich um ein Einzelstück, das in den Sammlungsunterlagen als "Devantier de plumes" (Brustschmuck) bezeichnet ist (vgl. Abb. 2).

In der Museumsdatenbank des MQB finden sich nur wenige Informationen zu diesen neun Stücken, die von den Karteikarten des ehemaligen Musée de l'Homme übertragen wurden. Unbekannt sind Quelle und Kontext dieser Angaben. Die meisten dieser Stücke des gleichen Typs werden als Kopfschmuck bezeichnet ("Coiffe de plumes" 71.1878.14.7, 71.1878.14.9, 71.1878.14.19, 71.1878.14.20, 71.1878.14.21, 71.1878.14.22 bzw. "couronne" 71.1878.14.8). Eines (71.1878.14.10) hingegen als Halsschmuck ("Collier de Plumes"). Dieser erste Widerspruch führte zu der Frage: Wie wurden die Stücke getragen, und wie wurden sie verwendet? Ihre Form gibt keinen eindeutigen Hinweis und lässt beide Tragweisen (Kopf oder Hals) zu. Grundsätzlich sollte man auch vorsichtig sein mit Annahmen hinsichtlich einer anderen Kultur. Die Unklarheit ist die erste Barriere sowohl für die Entwicklung der konservatorisch-restauratorischen Behandlung als auch für eine Ausstellung. Als regionale Angabe der Sammlung 71.1878.14 findet sich "Guyane francaise", als ethnische Zuweisung "Kali'na, alter Name Galibi". Die Bezeichnung auf den Karteikarten des Musée de l'Homme war "Galibi". Es handelt sich um die europäische Bezeichnung für Indianer, die an der Küste Guayanas lebten. Die Eigenbezeichnung Kali'na wird heute überwiegend für eine bestimmte Kariben-Gruppe Französisch-Guayanas und Surinams benutzt. Der Begriff "Galibi" wurde früher nicht nur für diese verwendet, sondern auch für andere indianische Gruppen. So meint André Delpuech, der Amerika-Kurator des MQB, dass dieser wenig präzise Begriff automatisch als Kali'na in die heutige Datenbank übersetzt worden sei, obwohl es sich dabei nicht immer um eine zuverlässige Information handele. Es sei auch offen, ob derartige Stücke unter den Indianern der Region gehandelt wurden; der Erwerbsort müsse nicht zwingend mit dem Herstellungsort identisch gewesen sein.

Des Weiteren befindet sich unter diesen neun Stücken eines mit der Ethnienbezeichnung "Wayana, alter Name Roucouyenne" (71.1878.14.9), ohne dass dies erklärt würde. Die Wayana sind jedoch ein Volk, das tief im Inland Guayanas und Surinams lebt. Warum unterscheidet sich diese Herkunftsangabe, wenn doch das Stück den anderen vier Stücken bis in die Details gleicht? Dies verstärkt die Zweifel an der Zuverlässigkeit der Sammlungsangaben. Das Objekt im Musée des Confluences ist Teil eines kleinen Ensembles von fünf Stücken alten Federschmuckes, auch hier mit sehr wenigen Informationen zum Objekt selbst, zur Herkunft oder Funktion. Dem Erscheinungsbild nach sind diese Stücke sehr unterschiedlich. In einer schriftlichen Auswertung für das Lyoner Museum im Jahr 2006 hat Andreas Schlothauer zwei Objekte den Mundurucu zugeordnet (600003469, 600003471) und ein anderes (600004400) als Brustschmuck der Wayana bezeichnet. Anzumerken ist auch, dass dieses Stück einem der untersuchten Objekte des MQB ähnelt (71.1878.14.11). Außerdem gibt es zwei weitere Federbinden, eine davon mit sägezahnartig beschnittenen Federn, eine charakteristische Technik der Wayana (600004401). Und zuletzt sei das von mir untersuchte und restaurierte Objekt genannt, das aus einem Band langer weißer Hahnenfedern und mehreren Bändern bunter, beschnittener Federn besteht (600003470).

Die Geschichte der Objekte in den Museumsammlungen

Die Sammlung 71.1878.14 war Teil der Sammlung des Laboratoire d'ethnologie du Musée de l'Homme. Dieses Museum entstand auf Initiative von Paul Rivet und George-Henri Rivière aus dem Musée d'ethnographie du Trocadéro (MET) und eröffnete im Jahr 1937. Mit der Neuerrichtung wurde ein großer Teil dieser Sammlungen an das MQB abgegeben. Die Zahl 1878 steht für das Eingangsjahr im MET und wurde vom Musée de l'Homme vergeben. Im von Ernest-Théodore Hamy (1842-1908) gegründeten und geleiteten MET, das im Jahr 1882 eröffnete, wurden damals die außereuropäischen Sammlungen verschiedener Museen zusammengefasst, z.B. der Bibliothèque nationale du France, des Musée des Antiquités Nationales, des Musée américain du Louvre, des Muséum national d'Histoire naturelle (MHN) und verschiedener Provinzmuseen. Bei der weiteren Recherche in der Datenbank des MQB und in den Archiven des Musée de l'Homme und des MET zeigte sich, dass zwei der Objekte im MET-Inventar zwischen 1878 und 1886 enthalten waren.

NummerBezeichnungHerkunftSaal / VitrineMuseumneue Nr.
1370 Hausse-col aus bunten Federn Guyana Vitrine 1 MHN 78.14.7
1371 Hausse-col aus bunten Federn Guyana Vitrine 1 MHN 78.14.10

Hausse-col

Bekleidung des Halses. Der Terminus "Haussecol" tauchte erstmals im 15. Jahrhundert auf und wurde im 19. Jahrhundert benutzt, um einen militärischen Schmuck zu bezeichnen, der in Form eines Halbmondes ein Rüstungsteil imitierte, welches den unteren Halsansatz schützte. (Dictionnaire de l'Académie française 9e édition et le Trésor de la Langue Française informatisé)

Dadurch war feststellbar, dass diese Stücke im MET ausgestellt waren – zwischen der Museumseröffnung im Jahr 1882 und dem Jahr 1886, als das Inventarbuch angelegt wurde. Es fehlen jegliche Angaben zum Zeitpunkt, zur Dauer, den Bedingungen oder der Art der Präsentation. Das Wort hausse-col verweist auf europäische Bekleidung und ist eine ethnozentristische Annäherung. Dieser Begriff könnte die aktuelle Bezeichnung als "Collier" in der MQB-Datenbank für die Nummer 71.1878.14.10 erklären. Außerdem haben wir an diesem Objekt an einem der Baumwollfäden ein kleines Etikett aus braunem Papier mit der Nummer 5032 gefunden. Nach Angèle Martin, einer Archivarin des MQB, wurde diese Art Etikett im MET verwendet. Die Angaben im alten Inventarbuch lauten:

NummerBezeichnungEthnieMuseumneue Nr.
5032 Federschmuck, Fransen eines Hutes Roucouyenne MHN 78.14.9

Wie bereits beschrieben, entspricht das Objekt mit der heutigen MQB-Nummer 71.1878.14.10 dem Stück hausse-col mit der METNummer 1371. Gleichzeitig findet sich an diesem Stück das Etikett mit der alten MET-Nummer 5032, das wiederum die neue MQBNummer 71.1878.14.9 sein soll. Zwar ist die Nummer 71.1878.14.9 Teil der gleichen Sammlung, es handelt sich aber um einen Schmuck aus Französisch-Guayana mit roten und gelben Federn.

Diese Zuordnung ist widersprüchlich und mit Sicherheit fehlerhaft, auch wenn wir den Ursprung des Irrtums derzeit nicht genau feststellen können. Die zweite Angabe enthält außerdem zwei neue Elemente, denn es wird eine neue Funktion genannt, und der Ethnienname verweist auf eine andere regionale Herkunft. Das alte Wort "Roucouyenne" wurde früher für die Wayana verwendet, die in Brasilien, Guayana und Surinam leben. Dieser Unterschied zeigt die geringe Zuverlässigkeit der Informationen, die wir schon haben, aber sie gab auch der Suche eine neue Richtung. Die weitere Arbeit ergab für ein Stück der 78.14-Sammlung folgende interessante Angaben:

NummerEingangsdatumBezeichnungHerkunftSaal / VitrineSammlerneue Nr.
2630 22. Mai 1881 Federkrone auf Baumwolle Chef Galibi Mannequin Alte Slg. 78.14.8

Die Informationen sind noch einmal etwas anders, aber aus dem Hinweis, dass das Stück an einem menschlichen Modell (Mannequin) montiert war, könnten wir mehr lernen, wenn ehemalige Ausstellungsfotos vorhanden wären. Aus den Nummern ist ersichtlich, dass die Objekte der 78.14-Kollektion aus dem Muséum national d'Histoire naturelle (MNHN) stammen. Da wir momentan nicht mehr Informationen haben, ist es zwar nicht möglich, die Objektgeschichte tiefer zu ergründen, jedoch die Geschichte des MNHN. Dieses wurde 1793 als Folge der französischen Revolution gegründet und besteht in Teilen aus dem alten Jardin du Roi, der 1635 errichtet wurde. Anfangs ein Garten von Medizinpflanzen, veränderte er sich ab 1739 zu einem Forschungszentrum und Museum unter der Leitung des Comte du Buffon. Bestandteil war das Cabinet d'Histoire naturelle des Königs. Durch Schenkungen und Mitbringsel der großen Reisenden wurde sie eine der reichhaltigsten Sammlungen in Europa. Nach der französischen Revolution wurden diese Sammlungen teilweise in das neue Muséum d'Histoire naturelle integriert. Wir können daher bestätigen, dass sich die fünf untersuchten Objekte seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (1878) in französischen Sammlungen befanden, aber wir wissen nicht, seit wann diese im MNHN waren und wie und durch wen sie dorthin gelangten. In Diskussionen mit dem Kurator André Delpuech äußerte dieser die These, dass diese Stücke möglicherweise Teil der alten königlichen Südamerika-Sammlungen waren. Dieser Terminus beschreibt eine Objektgruppe, die schon im Jardin du Roi vorhanden war. Weitere Untersuchungen durch André Delpuech und Benoit Roux werden zeigen, ob sich diese These belegen lässt.

Die Sammlung alten Federschmuckes des Musée des Confluences stammt aus dem alten Muséum d'Histoire naturelle de Lyon und ist dort am 9. Juni 1884 eingegangen. Donator war das MET. Die kleine Kollektion Federschmuck kam zeitgleich mit einem Ensemble archäologischer Stücke der Sammlung Désiré Charnay (1828- 1915), einem französischen Archäologen und Fotografen. Es ist jedoch nicht mit Sicherheit feststellbar, dass der Federschmuck zur Sammlung Charnay gehörte oder ob diese Gleichzeitigkeit zufällig war. Nach ersten Recherchen scheint es, dass Charnay keine Reisen in das Amazonas-Gebiet unternommen hat. Andererseits wissen wir somit, dass die Kollektion aus dem MET kam. Sie könnte also durchaus zu den in dieser Arbeit untersuchten Stücken des MQB gehört haben und somit Teil der gleichen Ursprungssammlung gewesen sein. Hier sind noch weitere Forschungen in den Archiven des MET notwendig. Wir haben schon in der Korrespondenzakte von Hamy nach einem Briefwechsel gesucht, der sich auf die Schenkung aus dem Jahr 1884 an das MNHN in Lyon bezieht – bisher ohne Ergebnisse.

Am Ende dieser ersten Recherche sind zahlreiche Fragen offen geblieben. Die wichtigsten sind die nach der ethnischen Herkunft und der Tragweise des Federschmuckes. Im Ergebnis haben wir uns für zwei Thesen entschieden: Er kommt entweder von den Kali'na oder aber von den Wayana. Nach Sichtung der Literatur, alter Abbildungen und von Museumssammlungen ist festzustellen, dass der Federschmuck der Kali'na selten zu finden und kaum dokumentiert ist. Vergleichsstücke gibt es kaum bzw. sind in der Literatur selten beschrieben. Hingegen ist der Federschmuck der Wayana häufig und sehr gut dokumentiert, wodurch hier präzisere Forschungsansätze möglich sind. Und es gibt genaue vergleichende Untersuchungen hinsichtlich der Technik und der Objekte der Wayana. Diese Arbeiten erlauben die Aufstellung einer präziseren Hypothese in Bezug auf die Herkunft und die Verwendung der Stücke.

Text: Camille Benecchi
Fotos: Patrick Ageneau, musée des Confluences Lyon
Übersetzung: Andreas Schlothauer

Vielen Dank an Camille Benecchi.

Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

ALTER FEDERSCHMUCK AUS GUAYANA IN DEN MUSEUMSSAMMLUNGEN PARIS UND LYON; Camille Benecchi; 2015; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-05-2013/607-alter-federschmuck-aus-guayana-in-den-museumssammlungen-paris-und-lyon

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