In der aktuellen St. Galler Dauerausstellung sind etwa 200 Figuren, Masken und figural verzierte Gebrauchsgegenstände aus Afrika zu sehen, einige von besonderer Qualität und Seltenheit. Erstmals öffentlich gewürdigt wurde die Sammlung durch die Kuratoren des Rietberg-Museums, Eberhard Fischer und Lorenz Homberger, mit einer Ausstellung im Haus zum Kiel in Zürich (1985/86). In dem kleinen Katalog "Afrikanische Kunst aus dem Museum für Völkerkunde St. Gallen" werden zehn Masken und Figuren mit Foto vorgestellt. Rudolf Hanhart schrieb darin: "Einen Schwerpunkt ... bilden die Skulpturen aus Afrika, deren künstlerische Qualität erstaunlich ist - eine Sammlung mit rund 400 bedeutenden Werken von internationalem Rang."

Eine genaue Zählung des Gesamtbestandes afrikanischer Skulpturen gibt es (bisher) nicht. Im Anschluss an die fast vollständige Sichtung der Ausstellung und des Depots inklusive der fotografischen Objekt-Dokumentation in den Jahren 2004-2010 verfügen der Autor und das Museum über eine Foto-Datenbank von etwa 450 Stücken, d.h., "400 bedeutende Werke" können es auf keinen Fall sein. Den Bestand gemeinsam zu diskutieren, war Ziel einer Tagung der Vereinigung der Freunde Afrikanischer Kultur (VFAK) im Mai 2010 (Kunst&Kontext 02, S.23-25). Unter anderem bewertete ein Teil der Tagungsteilnehmer, nämlich 19 Personen, die Objekte in der Ausstellung, indem sie jeweils mit zehn gelben Zetteln die zehn wichtigsten Objekte kennzeichneten. Die Objekttexte waren abgedeckt, die Sammlungsangaben sollten die Auswahl nicht beeinflussen. Eine Übereinstimmung wurde lediglich hinsichtlich weniger Stücke erzielt, z.B. einer Figur der Songye und einer der Yombe. Beide Stücke sind auch im oben genannten Katalog abgebildet. Es sind nicht die ersten St. Galler Skulpturen, die in dieser Zeitschrift zur Diskussion gestellt werden. Bei zwei Benin-Bronzearbeiten, einem Kopf (GA-C3172) und einer Platte (GA-C3173), stand die Rekonstruktion der Sammlungsgeschichte im Vordergrund. Die ästhetische Qualität war auf den Arbeitsfotos für den Leser schlecht erkennbar (Kunst&Kontext 03, S.77-80 und 04,S.44-47). Aber auch diese beiden Stücke zählen sicher zum wertvollsten Bestand des Museums.

Infolge eines Umbaus soll die Dauerausstellung ebenfalls neu gestaltet werden. Neben einer thematischen ist auch eine qualitative Auswahl beabsichtigt. Welche Skulpturen sind bedeutend", und was heißt das? Ist das jeweilige Objekt im Vergleich zu anderen Sammlungen selten? Ist es besonders kunstvoll hergestellt, besonders ausdrucksstark? Sind die Sammlungsangaben sehr detailliert? Ist der Erhaltungszustand hervorragend? War der Sammler eine herausragende Person? Für etwa ein Viertel der Objekte gilt Letzteres. Im Jahr 1940 kamen 128 Objekte aus der Sammlung Han Coray in das Museum, alle vor 1928 erworben. Nicht jedes der Coray-Stücke ist jedoch bedeutend. Viele Stücke könnten Repliken sein, d.h., fehlende Gebrauchsspuren, und geringe handwerkliche Sorgfalt lassen eine Herstellung für den Verkauf vermuten.

Die Schönheit eines Werkes ist nur scheinbar ein einfaches Auswahlkriterium. Als individuelle Ästhetik einfach festzustellen, aber schwierigst zu begründen. Denn nicht alles, was einer als schön empfindet, hat in den Augen anderer Bestand. Gesucht werden gleichsam klassische Werke einer universellen Ästhetik, d.h., möglichst alle, die sich mit der Kunst Afrikas beschäftigen, müssten das Stück als herausragend einstufen. Indirekt wird dabei die Ästhetik der Hersteller einbezogen, denn authentisch soll das Stück sein. Gebrauchsspuren dienen als Hinweis, dass die Hersteller das Stück benutzten und besonders schätzten. Auch wenn ich nicht an die Gültigkeit einer universellen Ästhetik glaube und der Beweis von Gebrauchsspuren unsicher bleibt, scheint mir die Diskussion einiger St. Galler Skulpturen im Rahmen des Werk-Kanons westlicher Afrika-Ästhetik, der sich seit den 1920er-Jahren herausgebildet hat, ein interessanter Ausgangspunkt zu sein. Voraussetzung ist, dass wir das Label "besonders wichtiges Stück" bzw. "Weltkunst" bzw. "Meisterwerk" als Spiegel unserer Diskussionsgeschichte erkennen.

Im der folgenden Galerie auch zwei Masken der Guro, die nicht im eingangs erwähnten Katalog enthalten sind und die während der VFAK-Tagung von nur sehr wenigen beachtet wurden. In den nächsten Ausgaben von Kunst&Kontext werden weitere Masken und Figuren vorgestellt.

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Fotogalerie SKULPTUREN AUS AFRIKA IM HISTORISCHEN UND VÖLKERKUNDEMUSEUM ST. GALLEN (HVM)

Kunst und Kontext 1/2013 (Ausgabe 05). Seite 30-31. Fotos: Achim Schäfer

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Abb. 1: Yombe-Region, Mutter-Kind-Figur (GA-C1784), 25,5, cm Demokratische Republik Kongo, Yombe-Region, Sammlung Ad. Risch, vor 1915

Foto: Achim Schäfer

Abb. 2: Songye, Figur (GA-C3149), 98,5 cm Demokratische Republik Kongo, Tshofu-Region, Sammlung Han Coray, vor 1928

Foto: Achim Schäfer

Abb. 3: Guro, Maske (GA-3185) Elfenbeinküste, Sammlung Han Coray, vor 1928

Foto: Achim Schäfer

Abb. 4: Guro, Maske (GA-3186) Elfenbeinküste, Sammlung Han Coray, vor 1928s

Foto: Achim Schäfer

Vielen Dank an Dr. Andreas Schlothauer.

Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

SKULPTUREN AUS AFRIKA IM HISTORISCHEN UND VÖLKERKUNDEMUSEUM ST. GALLEN (HVM); Dr. Andreas Schlothauer; 2015; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-05-2013/608-skulpturen-aus-afrika-im-historischen-und-voelkerkundemuseum-st-gallen-hvm

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