Figuren aus Baumfarn

Große Baumfarne (Cyathea) sind weit verbreitet und kommen z.B. auch in Afrika und Europa vor. Für die Erschaffung skulpturaler Werke nutzt man sie jedoch in erster Linie in Ozeanien. Sie werden dafür meist "andersherum" geschnitzt, d.h. der Wurzelstock wird zum Oberteil und der Baumstamm zum Unterteil der Skulptur. Junger Baumfarn ist einfach zu bearbeiten (Anm. 1), lädt aber wegen seiner groben Struktur eher zu expressiven Formen ein als zu detailverliebten Darstellungen.

Die berühmtesten ozeanischen Schnitzwerke aus Baumfarn stammen zweifelsohne aus Ambrym, einer zu Vanuatu gehörenden Insel. Der Zweck dieser zum Teil über zwei Meter großen imposanten Figuren: Sie sind Zeichen für den sozialen Rang des Auftraggebers. Im Zuge der Revitalisierung des Kastoms, des örtlichen Brauchtums, werden solche Figuren heute wieder auf Vanuatu hergestellt. (Anm. 2)

Recht früh nachgewiesen wurden Figuren aus diesem Holz auch auf den Philippinen (Abb. 1). Hergestellt von den Bontoc oder den Ifugao, standen sie an Dorfeingängen oder wurden als eine Art Grenzpfahl auf Kriegs- und Kopfjagdpfaden benutzt, wo sie Unbeteiligte davor warnten, dem ‚trail of dead' zu nahezukommen. Nach Aussage des Philippinen-Experten Rudolph Kratochwill wurden solche Figuren zumindest bis Ende des letzten Jahrhunderts hergestellt, um Außenstehende von Versammlungen im Dorf sowie von Gerichtsverhandlungen fernzuhalten. Bekannt sind Figuren aus Baumfarn auch auf den Fiji-Inseln und auf Hawaii.

Baumfarn-Skulpturen von den Salomonen?

In der Literatur findet sich jedoch kein Nachweis für die Existenz solcher Figuren auf den Salomonen. Dies scheint auch nachvollziehbar. Denn salomonische Künstler sind dafür bekannt, dass sie mit einer vollendeten Formensprache und dem häufigen Einsatz von Intarsien äußerst gefällige Werke schaffen, deren Perfektion bei der Verwendung von Farnholz nicht zu erreichen ist.

Dementsprechend überraschend war es, als mir der deutsche Händler Volker Schneider 2010 zwei große Baumfarn-Figuren von den Salomonen anbot, deren Herkunft mittels Cites belegt war. Bei der einen handelt es sich um eine 1,70 Meter große, geschlechtslose (?) Figur, die in eine wilde ‚Frisur'/'Kopfschmuck' mündet und eine Art Stab in ihrer Hand hält (Abb. 2). Die andere ist 1,80 Meter groß, weiblich und mit einer Echse (?) dargestellt. (Abb. 3, 4)

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Fotogalerie BAUMFARN-FIGUREN VON DEN SALOMONEN?

Kunst und Kontext 1/2013 (Ausgabe 05). Seite 47-49

Fotos:
1: Ingo Barlovic
2, 3, 4: Christian Mitko , München
5: Leider fehlen die Rechte für die Online-Veröffentlichung
6: ©Roger Keesing Papers , MSS 427, Mandeville Special Collections Library, UC San Diego Libraries
7: Brown, George: Pioneer-Missionary and Explorer: An Autobiography, London 1908, hinter S. 400

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Abb. 1: Baumfarnfigur der Bontoc, Philippinen

Foto: Ingo Barlovic

Abb. 2: Baumfarnfigur Salomonen 1.70 m

Foto: Christian Mitko , München

Abb. 3: Baumfarnfigur Salomonen 1.80 m

Foto: Christian Mitko , München

Abb. 4: Baumfarnfigur 1.80 m Detail

Foto: Christian Mitko , München

Abb. 5: Baumfarnfigur aus dem British Museum
Abb 6: Baumfarnfiguren vor dem Kwaio Cultural Centre

Foto: ©Roger Keesing Papers , MSS 427, Mandeville Special Collections Library, UC San Diego Libraries

Abb. 7: Skulpturen auf den Salomonen (vor 1908)

Foto: Brown, George: Pioneer-Missionary and Explorer: An Autobiography, London 1908, hinter S. 400

Laut Schneider, der sich auf Mittelsmänner von den Salomonen beruft, stammen diese Figuren aus Malaita, der größten Insel der gleichnamigen Provinz. Zusätzlich gab er die Information, er habe ähnliche Figuren Anfang der 1980er-Jahre in Dörfern im Gebirge nahe der Provinzhauptstadt Auki vor Hütten/Gebäuden gesehen, in einer Höhe von 500 bis 800 Metern. Nach dem Kauf der Figuren versuchte ich, mehr zu erfahren: Waren sie Teil des Kastoms, wurden sie also im Kult verwendet? Oder nur für den Handel geschaffen?

Da die Literatur keine Hinweise gab, besuchte ich den auf ozeanische Kunst spezialisierten Pariser Galeristen Anthony PM Meyer. Er meinte, dass er solche Figuren noch nicht gesehen habe, vermutete eine eher neue Tradition und verabschiedete mich mit den Worten: "Auf den Salomonen wird aber viel geschnitzt…"

Immer noch nicht entmutigt, hielt ich auf der Jahrestagung der Pacific Arts Association Europe im Münchner Völkerkundemuseum am 30. Juni 2012 einen Vortrag, der in den Tagungs-Abstracts angekündigt wurde mit: "The main purpose of this presentation is to show these unusual sculptures and to ask questions…" Meine Hoffnung war also, mehr von den Experten zu erfahren.

Feedback von David Atkin

Neben einer allgemeinen Ratlosigkeit der Zuhörer führte dieser Vortrag immerhin zu zwei bemerkenswerten Reaktionen: Zunächst kam Christian Kaufmann auf mich zu, der ehemalige Ozeanien-Kurator im Museum der Weltkulturen in Basel. Kaufmann empfahl, mich an Ben Burt vom Department of Africa, Oceania and the Americas des British Museum zu wenden. Burt mailte daraufhin, dass sich tatsächlich eine Farnfigur von den Salomonen im Fundus des British Museum befinde (Abb. 5), der Experte auf dem Gebiet sei aber David Atkin, Managing Editor, Comparative Studies in Society and History University of Michigan.

Atkin hatte in den frühen 1980er-Jahren das Kwaio Cultural Centre auf Malaita geleitet und antwortete, dass zu dieser Zeit dort Farnfiguren entstanden seien, darunter die Figur des British Museum, die von Nene`au So`ogeni geschnitzt wurde. Solche Figuren seien in Malaita ‚kultisch' verwendet worden:

"Mit ihnen wurden bestimmte Ahnen verehrt. Oder sie dienten – als Repräsentanten bestimmter Ahnen – der Abwehr wilder Geister und bösen Zaubers, die einem unterwegs begegnen oder ins Dorf eindringen könnten." Die Letzteren würden otofono genannt. (Anm. 3)

Atkin wies aber auch darauf hin, dass meine Figuren nicht sehr "malaitian" aussähen. Tatsächlich erscheinen die im Kwaio Cultural Center entstandenen Figuren wesentlich realistischer. Und: Sie wirken eher harmlos, wenn man sich anschaut, mit welcher Beiläufigkeit sich Folofo'u im August 1979 bei der Eröffnung des Kwaio Cultural Centre neben einer Figur des Schnitzers Arimae of Furi'ilae ablichten ließ (Abb. 6).

Berichte eines Augenzeugen

Der zweite Wissenschaftler, der sich an mich wandte, war der junge niederländische Ethnologe Frans-Karel Weener: Ich solle ihm einfach die Bilder der Figuren zuschicken, er wisse jemanden, der sich auskenne. Tatsächlich erhielt ich daraufhin von dem Pater Jan Snijders, der von 1954 bis 1970 auf den Salomonen als Missionar gearbeitet hatte, ein ausführliches Feedback. Er war von 1956 bis 1967 auf Malaita tätig gewesen, verantwortlich für die Missionsstationen in Dala (Kwara'ae-Distrikt), und schrieb:

"Ich kann Dir (=Frans-Karel Weener) auf jeden Fall bestätigen, dass diese Skulpturen aus Baumfarn von den Salomoninseln stammen. Die rechte erkenne ich direkt. Solche Pfähle konnte man zu meiner Zeit überall finden. Die linke ist eine andere Geschichte mit dem ‚barocken' Schwung und dem wilden, unvollendeten oberen Teil, der sehr spannend, um nicht zu sagen einmalig, aber sicher authentisch ist. Hier war ein salomonischer Künstler tätig, der nicht nur das traditionelle Muster berücksichtigt hat, sondern noch einen Schritt weiter gegangen ist."

Ergänzend und als Bestätigung für die Erklärung von David Atkin: "Die Skulpturen kamen bei Wohnhäusern für Familien, bei Männerhäusern, aber vor allem bei Festhäusern, d.h. Häusern, die speziell für das Halten von Festen gebaut wurden, vor. Festhäuser konnte man auch in verlassenen Dörfern antreffen. Die Skulpturen verkörpern Urahnen und andere Geister, gute oder schlechte." (Anm. 4) Gesehen hatte er solche Figuren auf Makira (früher San Cristoval), südlich von Malaita.

Des Weiteren teilte Pater Snijders mit:

"Weil die Figuren mit Tod und Krankheit in Verbindung gebracht wurden, nahm man sie nicht mit, wenn ein Dorf aufgelassen wurde, sondern ließ sie an Ort und Stelle zurück. Meiner Vermutung nach werden Skulpturen dieser Art seit 40, 50 Jahren nicht mehr für den Kult hergestellt. Sie werden aber mit Sicherheit auch nicht kopiert – aus Angst vor den Geistern, die man damit unter Umständen herbeirufen würde. Die Bewohner der Salomonen würden denken: Lasst die schlafenden Geister in Ruhe; man weiß nie, was passiert, wenn man die dunkle Vergangenheit aufweckt. Sie würden nicht so einfach eine klassische alte Geisterfigur herstellen, wie Sie anscheinend eine besitzen. Und wenn doch, dann würde man sie zumindest nicht an Touristen verkaufen. Denn sie wäre geweiht und würde Furcht erregen. Ich gehe davon aus, dass die gerade Skulptur, die Sie besitzen, eine wirklich alte Geisterfigur ist. Die andere könnte neuer sein – ganz absichtlich anders gemacht als die ‹echte›. Und deshalb harmlos.» (Anm. 5)

Solche ‚harmlosen' Figuren sind wohl auch die Werke, die für das Kwaio Cultural Center entstanden sind.

Den vorläufig letzten Puzzlestein fand schließlich Christian Kaufmann in einem Buch aus dem Jahr 1908, publiziert von dem Missionar George Brown: In Simbo und Ruviana (Salomonen) fotografierte Skulpturen, die aussehen, als seien sie aus Baumfarn. (Abb. 7)

Damit lässt sich das Fazit ziehen:

• Baumfarn-Skulpturen besitzen auf den Salomonen eine Tradition, die zumindest bis in die 1950er-Jahre zurückreicht, wahrscheinlich aber noch älter ist.

• Sie flankierten Wohnhäuser für Familien, Männerhäuser, vor allem aber Festhäuser.

• Die Skulpturen verkörpern Urahnen und Geister.

• Zusätzlich standen sie bei Schreinen am Wegesrand, wo Opfergaben dargebracht wurden und die Figuren dazu dienten, wilde Geister und bösen Zauber fernzuhalten.

• Wurde ein Dorf verlassen, blieben sie zurück.

• Von den beiden besprochenen Figuren scheint die mit der Echse von der Formensprache her traditionell zu sein, die andere eine moderne (und dadurch harmlose?) Interpretation.

• Traditionelle Figuren werden wohl nicht für den Handel geschnitzt, da dies unberechenbare spirituelle Kräfte herbeirufen könnte.

Und meine ganz persönliche Botschaft: Es lohnt sich, nachzuforschen und dranzubleiben. Denn wie antwortete mir Anthony Meyer, nachdem ich ihn über meine Erkenntnisse informiert und ihm voller Begeisterung gesagt hatte: "Hey Anthony, there is a story behind it!"? "There is always a story behind it…"

Text: Ingo Barlovic
Übersetzung der Mails aus dem Englischen: Ingo Barlovic, Petra Schütz

Abbildungen:

1: Ingo Barlovic
2, 3, 4: Christian Mitko , München
5: Leider fehlen die Rechte für die Online-Veröffentlichung
6: ©Roger Keesing Papers , MSS 427, Mandeville Special Collections Library, UC San Diego Libraries
7: Brown, George: Pioneer-Missionary and Explorer: An Autobiography, London 1908, hinter S. 400

Anmerkungen:

1: Persönliche Mitteilung von Christian Kaufmann vom 30. Juni 2012
2: Kaufmann , Christian : Kunst aus Vanuatu , Basel , 1997
3: E-Mail von David Atkin vom 21. August 2012
4: E-Mail des Paters Jan Snijders vom 31. Juli 2012
5: E-Mail des Paters Jan Snijders vom 20. August 2012

Vielen Dank an Ingo Barlovic und Petra Schütz.

Autoren
Ingo Barlovic
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

BAUMFARN-FIGUREN VON DEN SALOMONEN? - Einem Mysterium auf der Spur; Ingo Barlovic, Petra Schütz; 2015; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-05-2013/614-baumfarn-figuren-von-den-salomonen

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