Es war im Jahre 1911, als der Geologe und Geograf Johannes Elbert erstmals von "höchst interessanten Grabdenkmälern" berichtete, die er 1909 während seiner Sunda-Expedition entdeckt hatte – beim Durchqueren der Insel Buton von Pasarwajo nach Bau-Bau im heutigen Sulawesi (Elbert 1911). Diese Denkmäler bestanden aus "prächtigen, bis 2 m hohen, aus einem Stamm verfertigten Holzpfeilern – genannt maïàsa, maïèsa or maïnjàsa – welche oben in kleinen Häuschen auslaufen, auf denen sich in einigen Orten noch ein ebenfalls aus dem Vollen geschnitztes kleines Segelboot befindet" (Abb.1). Die Stelen waren in 1 bis 1,5 Meter hohen Hügeln aus Korallenfelsblöcken verankert, welche die Gräber der Verstorbenen überdeckten. Zwei dieser Stelen mit Booten wurden von Elbert im Dorf Kombeli gesammelt und befinden sich heute im Museum der Weltkulturen in Frankfurt (Cipolletti 1989). Ein nächstes Mal wurden die Grabstelen im Jahre 1925 vom damaligen Direktor des Museums für Völkerkunde in Leiden (NL), Hendrik H. Juynboll, erwähnt (Juynboll 1925). Das Museum erhielt 1916 eine Stele mit Boot von der damaligen Royal Batavian Society of Arts and Sciences aus Jakarta, Indonesien. Erst 1985 erfolgte ein weiterer Bericht zu diesen Stelen durch Johan W. Schoorl, Professor für soziale Anthropologie an der Universität Amsterdam. 1981, während seiner Feldforschung auf Buton über den dortigen Glauben an die Wiedergeburt, entdeckte er im Dorf Hendeya "wooden graveside poles decorated with wood carvings", die er mayasa nannte (Schoorl 1985). Das letzte Zeugnis dieser Grabstelen datiert aus dem Jahre 1992. Basierend auf den Schriften von Elbert beauftragte das Museum für Völkerkunde Dresden Volker Schneider mit einer Feldforschung zum Thema Mayasa Grabstelen auf der Insel Buton. Ausgehend von Pasarwajo durchforstete er das Hochland der Insel und fand die obenerwähnten Dörfer Hendeya und Kombeli. Die Wälder, in denen sich ursprünglich die Gräber mit den Stelen befunden hatten, waren jedoch durch Brandrodung in Gärten und Felder umgewandelt. Nur in Hendeya konnte er noch einige Stelen auffinden und diese vor weiterer Brandrodung retten – sie befinden sich heute im Museum in Dresden. Nach Schneider heißt mayasa in der Sprache der lokalen Laporo-Bevölkerung "Grabstele" oder "Grabstein". Weitere Stelen befinden sich in den Sammlungen des Royal Tropical Institute, Amsterdam (Gortzak et al. 1987), des Hauses der Völker, Schwaz (Österreich), und des indonesischen Nationalmuseums in Jakarta (Haryati 1993).

Gemäß Elbert (1911) befinden sich auf einem Grab immer zwei Stelen, eine am Kopf- und eine am Fußende. Häufig sind die beiden Stelen hinsichtlich Größe, Struktur und Detaillierungsgrad ähnlich konzipiert. In vielen Fällen ist die Stele am Fußende jedoch kürzer und schmucklos und zeigt nur einige Einkerbungen. In mehr südlichen Dörfern (Kombeli, Limbo, Wakahau, Kampong Boegi) unterscheiden sich die Stelen nach dem Geschlecht der Verstorbenen. Stelen auf Gräbern mit weiblichen Verstorbenen sind organischer ausgebildet und verziert und ohne Boote konzipiert. Stelen für männliche Verstorbene zeigen ein butonesisches Segelboot mit Matrosen am Stelenkopf. Nach Elbert (1911) bedeutet das Boot, dass der Verstorbene ein Seemann war. In nördlichen Dörfern (Hendeya, Kongkeongkea) ist am Stelenkopf anstelle eines Bootes ein kopfähnlicher mehrschichtiger Überbau platziert, welcher der Stele einen anthropomorphen Ausdruck verleiht (Abb.2). Stelen für Frauen und Männer zeigen dabei keine signifikanten Unterschiede.

Ausgehend von einer anthropomorphen Erscheinung stellt der "Rumpf" der Stele ein traditionelles Pfahlbauhaus mit einer Leiter zum erhöhten Eingang dar (Abb.3). Die wirklichkeitsgetreue Nachbildung des Holzbaus imitiert Details wie diagonale Eckverstärkungen der Tragbalken des Fußbodens (Abb.4). Ähnliche Eckverstärkungen sind auch in der Mittelebene des kopfähnlichen Überbaus angebracht – letzterer kann deshalb als stilisiertes Haus interpretiert werden. Im Flachrelief sind den Pfahlbau bewohnende Menschen und Tiere geschnitzt. Nach Schoorl (1985) stellen diese die Seelen der Verstorbenen und Reittiere (Pferde gemäß Schneider) für den Weg zum Himmel dar (Abb.3). Die Darstellungen auf einander gegenüberliegenden Stelenseiten sind identisch und zeigen einerseits Eingang mit Leiter und Bewohnern (Abb.4) und andererseits ein Reittier unter dem Haus. Unter dem Pfahlbau ist auf allen vier Seiten ein Gong mbololo angebracht; wenn die Seelen in den Himmel batula eintreten, wird dieser geschlagen. Die Seelen sind dabei in der Farbe des Todes – weiß – gekleidet, wenn sie sich Gott kawasana ompu nähern. Dies könnte erklären, warum die mayasa weiß bemalt wurden.

Die vorstehenden Erläuterungen und Interpretationen von Elbert und Schoorl sind mehr oder wenig konsistent, sie sind jedoch nicht sehr tiefgreifend und basieren nicht auf einer Analyse der Kosmologie und Glaubensvorstellungen der lokalen Bevölkerung. Die Laporo sind eine Untergruppe des Cia-Cia Volkes. Malaysische Immigranten von Johore errichteten im 15. Jahrhundert das Königreich Buton. Ab dem 16. Jahrhundert begann die Islamisierung der Bevölkerung, und ein Sultanat entstand, das bis zur Gründung der Republik Indonesien im Jahre 1960 unabhängig blieb. Die Cia- Cia sind heute Muslime, der Glaube an übernatürliche Kräfte und Wesen und dabei insbesondere an Ahnengeister ist im Dorfleben jedoch immer noch präsent.

Die grundlegende Konzeption der Kosmologie und der Glaubensvorstellungen unter den Völkern Indonesiens ist mehr oder wenig ähnlich (Stöhr and Zoetmulder 1965). Zwei Arten von Seelen werden unterschieden, die unter den Begriffen "Lebensseele" und "Totenseele" zusammengefasst werden können und beide dem Menschen innewohnen. Erstere ist mit dem Leben verbunden, sie kommt von Gott und geht beim Tod dorthin zurück – um anschließend wiederzukehren. Die Totenseele steigt nach dem Tod in einem Seelenboot von der Mittelwelt in die Oberwelt (den Himmel) auf, wo sie sich in einen Ahnengeist transformiert (Schwartzberg 1994). Nach Schoorl (1985) glaubt man in Hendeya an die Wiedergeburt und an zwei Arten von Ahnengeistern: die arwah kasar, die an den Körper des Verstorbenen im Grab gebunden bleiben, sowie die arwah halus, die in den Himmel steigen und nach einer gewissen Zeit wiederkehren. Die Drei-Stufen-Kosmologie – Unter-/ Mittel-/Oberwelt – ist im Weiteren, gemäß Sato (1991), auch im Aufbau der traditionellen Pfahlbauten wie folgt symbolisiert (in derselben Reihenfolge): Unterbau / Wohngeschoss (über dem erhöhten Boden) / Dachaufbau.

Basierend auf diesem spirituellen Hintergrund könnte die Konzeption und Funktion der mayasa Grabstelen wie folgt interpretiert werden: Die zwei Seelen (Lebens-/ Totenseele) oder Ahnengeister (arwah kasar / halus) könnten die Präsenz von zwei mayasa pro Grab erklären. Im Falle der ungleichen mayasa wäre demnach die größere Stele mit Überbau eher mit dem in den Himmel aufsteigenden Ahnengeist arwah halus verbunden, während der andere, im Grab verbleibende Ahnengeist arwah kasar den kleinen ungeschmückten Pfosten bewohnen würde. Der Aufbau der mayasa scheint im Weiteren der Drei-Stufen-Kosmologie zu entsprechen: der Unterwelt (unterer im Grab verankerter Stelenteil bis und mit Unterbau des Pfahlbauhauses), der Mittelwelt (Wohngeschoss des Pfahlbauhauses), sowie der Oberwelt (Dachaufbau des Pfahlbauhauses und kopfähnlicher mehrschichtiger Überbau). Das Boot am Stelenkopf ist wohl weniger mit dem Beruf des Verstorbenen verbunden – es symbolisiert eher das Seelenboot, mit dem die Totenseele oder der eine Ahnengeist in die Oberwelt aufsteigt.

Die mayasa Grabstelen auf der Insel Buton in Sulawesi könnten demzufolge als Abbild der komplexen Kosmologie und Glaubensvorstellungen der lokalen Laporo Bevölkerung eingeordnet werden. Die erfolgreiche Integration all dieser Aspekte und Beziehungen in den Aufbau und Ausdruck dieser Skulpturen ist bemerkenswert. Das Verschmelzen von eigentlich zwei Darstellungen der Drei-Stufen-Kosmologie – auf der globalen Stelenebene (Unter-/ Mittel-/Oberbau) und der Ebene des Pfahlbauhauses (Unterbau/ Wohngeschoss/Dach) – kann als einmalig und außerordentlich bezeichnet werden. Die mayasa Grabstelen sind nicht nur auf allen vier Seiten durch Schnitzereien verzierte Holzpfosten, sondern räumliche Darstellungen von bewohnten Pfahlbauten. Die Drei- Stufen-Darstellung transformiert die mayasa Grabstelen zudem zu abstrakten anthropomorphen Skulpturen mit Kopf (Überbau), Rumpf (Mittelbau) und Beinen (Unterbau), die auch durch ihre künstlerische Qualität überzeugen. Es ist zutiefst zu bedauern, dass diese Kultur und Tradition heute verschwunden ist.

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Fotogalerie MAYASA GRABSTELEN AUF DER INSEL BUTON IN SULAWESI

Kunst und Kontext 1/2013 (Ausgabe 05). Seite 50-51. Fotos: JOHANNES ELBERT. ? SCHNEIDER.

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Abb.1: Gräber mit je 2 Mayasa in Kombeli, Foto Elbert (1911)

Foto: JOHANNES ELBERT

Abb.2: Grab in Hendeya, Foto Schneider (1992)

Foto: ? Schneider

Abb.3: Pfahlbau in Hendeya, Foto Schneider (1992)

Foto: ? Schneider

Abb.4: Detail

Foto: ?

Text: Thomas Keller

Literatur

• CIPOLLETTI, MARIA SUSANA (1989). BUTON - EIN HAUS FÜR DEN TOTEN. IN: LANGSAMER ABSCHIED - TOD UND JENSEITS IM KULTURVERGLEICH. MUSEUM FÜR VÖLKERKUNDE, FRANKFURT AM MAIN, BAND 17: 34-45.
• ELBERT, JOHANNES (1911). DIE SUNDA-EXPEDITION DES VEREINS FÜR GEOGRAPHIE UND STATISTIK ZU FRANKFURT AM MAIN. FEST-SCHRIFT ZUR FEIER DES 75JÄHRIGEN BESTEHENS DES VEREINS. BAND 1, VERLAG HERMANN MINJON, FRANKFURT AM MAIN, S. 175-232, TAFEL XX-XXIII, KARTE NO. 3.
• GORTZAK, HENK JAN, ET AL. (1987). BUDAYA-INDONESIA, KUNST EN CULTUUR IN INDONESIË. TROPENMUSEUM, EXHIBITION CATALOGUE, AMSTERDAM.
• HARYATI, SOEBADIO (1993). ART OF INDONESIA. VENDOME PRESS, NEW YORK.
• JUYNBOLL, HENDRIK HERMAN (1925). SÜD-CELEBES (SCHLUSS), SÜDOST- UND OST-CELEBES UND MITTELCELEBES (ERSTER TEIL). KATALOG DES ETHNOGRAPHISCHEN REICHSMUSEUMS LEIDEN. BUCHHANDLUNG UND DRUCKEREI, VORMALS E. J. BRILL, BAND XVIII, VOL. II.
• KELLER, THOMAS (2012). MAYASA STATUARY. KELLER TRIBAL ART, LULLY VD, SCHWEIZ.
• SATO, KOJI (1991). TO DWELL IN THE GRANARY: THE ORIGIN OF THE PILE-DWELLINGS IN THE PACIFIC (MENGHUNI LUMBUNG: BEBERAPA PERTIMBANGAN MENGENAI ASAL - USUL KONSTRUKSI RUMAH PANGGUNG DI KEPULAUAN PASIFIK). ANTROPOLOGI INDONESIA, UNIVERSITY OF INDONESIA, NO. 49: 31- 47.
• SCHOORL, JOHAN W (1985). BELIEF IN REINCARNATION ON BUTON, S.E. SULAWESI, INDONESIA. IN: BIJDRAGEN TOT DE TAAL-, LAND- EN VOLKENKUNDE. PUBLISHED BY: KITLV, ROYAL NETHERLANDS INSTITUTE OF SOUTHEAST ASIAN AND CARIBBEAN STUDIES, LEIDEN, DEEL 141/1: 103-134.
• SCHWARTZBERG, JOSEPH E. (1994). COSMOGRAPHY IN SOUTHEAST ASIA. IN: CARTOGRAPHY IN THE TRADITIONAL EAST AND SOUTHEAST ASIAN SOCIETIES, EDITED BY HARLEY J.B. AND WOODWARD D. UNIVERSITY OF CHICAGO PRESS, S. 701-740.
• STÖHR, WALDEMAR; ZOETMULDER, PIET (1965). DIE RELIGIONEN INDONESIENS. W. KOHLHAMMER VERLAG, STUTTGART.

Vielen Dank an Prof.Dr. Thomas Keller.

Autor
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

MAYASA GRABSTELEN AUF DER INSEL BUTON IN SULAWESI (Auszug aus dem Buch des Autors "Mayasa Statuar", 2012); Prof.Dr. Thomas Keller; 2016; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-05-2013/645-mayasa-grabstelen-auf-der-insel-buton-in-sulawesi

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