Termin: bis 28.10.2012

Die evangelische Johanneskirche in Saarbrücken versteht sich als "Citykirche": Sie fühlt sich der Ökumene verpflichtet, ist offen für vielfältige kulturelle und gesellschaftliche Aktivitäten. Das Gotteshaus wird zur lebendigen Begegnungsstätte, in der Wissen vermittelt wird, Meinungen ausgetauscht werden, in der aber auch gefeiert werden kann. Im Oktober vergangenen Jahres wurde die Kirche im Herzen der Stadt zum Treffpunkt europäischer und afrikanischer Kulturen. Dreieinhalb Wochen lang waren dort Kunstwerke aus allen Teilen Schwarzafrikas zu bestaunen: Mutter-Kind- Skulpturen, Ahnendarstellungen, repräsentative Bildnisse von Königen und Notabeln, Verkörperungen von Kräften der Natur, Gehilfen von Wahrsagern, Tierdarstellungen, Schutzfiguren, Türen, Hocker und Harfen. Diese fügten sich organisch – als wären sie dafür geschaffen – in den Kirchenraum ein. Während der Altar sich auf Augenhöhe mit den Gottesdienstbesuchern befand, dahinter die Kanzel als schlichtes Rednerpult, bevölkerten die Skulpturen die leicht erhöhte Apsis. Links und rechts der mittleren Sitzreihen standen weitere Exponate – zumeist Paardarstellungen. Die den Skulpturen innewohnende Spiritualität kam in dieser Umgebung gesteigert zur Geltung. Die hölzerne Schar war Zeuge des Gemeindelebens und schien sich sichtlich wohl zu fühlen. Sie nahm an den Gottesdiensten teil, war Anlass für Vorträge und Konzerte, war geduldiger Zuhörer bei dem Trommelkurs für Kinder, und auch sonst drehte sich alles um das Thema Afrika. Der Vortrag "Wie man aus Menschen Neger macht – Koloniale Arbeitserziehung als Hilfsmittel der ökonomischen Ausbeutung" von Anton Markmiller schilderte die Rolle der europäischen Mächte und der großen Glaubensgemeinschaften bei der kolonialen Deformation der afrikanischen Kulturen. Bei Erläuterungen im Anschluss an die Gottesdienste machte sich die Gemeinde mit den spirituellen Vorstellungen der afrikanischen Kulturen vertraut. Spezielle Gruppenführungen brachten Menschen in die Kirche, die schon lange keinen sakralen Raum mehr betreten hatten. Rund um die Skulpturen bildete sich eine große Ökumene. Eines der ausschlaggebenden Motive für diese Ausstellung war der Wunsch, durch das Zeigen der großartigen künstlerischen Leistungen afrikanischer Völker den Respekt vor anderen Kulturen zu wecken. Nicht mit dem Gestus der eurozentrischen Großzügigkeit gegenüber anderen Teilen der Welt, sondern aus der Einsicht geboren, dass in der offenen Welt das Zusammenleben mit dem Fremdartigen gelernt werden muss. Die Gruppen innerhalb der Gesellschaft und die Gesellschaft selbst müssen sich öffnen. Die Wagenburg ist nicht das Modell der Zukunft. Deutschland litt jahrhundertelang unter dem Konflikt der beiden christlichen Konfessionen und unter dem unsäglichen Antisemitismus. Heute müssen wir nicht nur das friedliche Zusammenleben mit den Muslimen, sondern auch dasjenige mit den Anhängern ostasiatischer Religionen und der weiterlebenden Naturreligionen organisieren. Die Kunst Afrikas aller Zeiten gehört zum großen Kosmos der Künste. Die Grundmuster der Figuren, Masken und Gebrauchsgegenstände sind über Jahrhunderte hinweg wiederholt und variiert worden. Dabei sind Epochen und Entwicklungsstufen zu erkennen, es gibt Übernahmen von fremden, außerafrikanischen Elementen, Einflüsse der Ethnien untereinander. Aber die Grundzüge bleiben. Die Bedeutung dieser Kulturen und ihrer Zeugnisse wurde auch von vielen Missionaren erkannt, die zwar für ihren Glauben warben, aber Figuren und Masken nicht zerstörten, sondern mit nach Europa brachten und sie durchaus respektvoll und nicht nur als Trophäen für den siegreichen Glauben behandelten. Die Missionsmuseen berichten noch heute davon. Die Zeugnisse der afrikanischen Kulturen in Museen und Sammlungen belegen die hohe Qualität der Schöpfungen der zumeist anonymen Künstler, und sie zeigen, dass die Künste in eigener – aber auch gleichwertiger – Form überall auf der Welt zu Hause sind. In Saarbrücken haben das die vielen Besucher der Ausstellung mühelos verstanden.

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Fotogalerie EINE AUSSTELLUNG IN DER JOHANNESKIRCHE

Kunst und Kontext 1/2013 (Ausgabe 05). Seite 73. Fotos: Jürg Steiner

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Abb. 1: (Ohne Beschriftung)

Foto: Jürg Steiner

Abb. 2: (Ohne Beschriftung)

Foto: Jürg Steiner

Text: Reinhard Klimmt
Fotos: Jürg Steiner

Vielen Dank an Evangelische Johanneskirche Stuttgart und Reinhard Klimmt.

Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

EINE AUSSTELLUNG IN DER JOHANNESKIRCHE; Evangelische Johanneskirche Stuttgart, Reinhard Klimmt; 2016; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-05-2013/653-afrikaausstellung-johanneskirche-stuttgart

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