Gutachten werden meist dann benötigt, wenn es unangenehm wird: Vor Gericht oder wenn sonst ein Konflikt droht, zur Klärung der Frage rechtmäßiger Einfuhr (Zoll) oder wenn der Wert eines Gegenstandes oder gar dessen Versicherungswert festzustellen ist. Handelt es sich um einen Streit zwischen Käufer und Verkäufer, so geht es bei Kunst meist um die beiden folgenden Fragen:

  • Ist das Werk echt oder falsch?
  • War der Verkaufspreis angemessen?

Beim Erwerb, davon kann ausgegangen werden, waren sich Käufer und Verkäufer noch einig. Das Stück wurde übergeben und der vereinbarte Kaufpreis bezahlt. Anlass der Verunsicherung ist häufig das vernichtende Urteil Dritter nach dem Erwerb, hier kurz skizziert mit den Vokabeln " Brennholz", "Flohmarktware", "Airport- Art", "alles falsch". Der diese Vokabeln benutzende Personenkreis ist klein, es sind kaum mehr als eine Handvoll. Gemeinsame Merkmale sind: männlich und weiß. Das Alter scheint eine gewisse Rolle zu spielen, denn die meisten sind älter als sechzig Jahre alt.

Ist das Werk echt oder falsch?

In einem Prozess reduzierte die Klägerseite diese Frage auf die prägnante Formel "authentisch und kultbenutzt", denn der Wert eines Objektes wird bei der sogenannten Traditionellen Afrikanischen Kunst (TAK) gern in direkter Abhängigkeit von der Authentizität gesehen. Dahinter steht die Echtheitsdefinition: "von einem afrikanischen Künstler in Afrika für den Kult gearbeitet und im Kult benutzt". Der französische Galerist Henri Kamer hat diese Formel im Jahr 1974 in seinem Artikel "De l'Authenticité des Sculptures Africaines" formuliert. Was einfach und logisch klingt, ist leider wissenschaftlich unbrauchbar, da nur in sehr wenigen Fällen beweisbar. Die Herstellung eines Objektes ist fast nie dokumentiert (meist sind es dann keine gesuchten, teuer bezahlten Sammelobjekte), und die Verwendung in einem Kult kann zwar durch Benutzungsspuren wahrscheinlich sein, beweisbar ist sie jedoch ebenfalls höchst selten. Die Definition der Authentizität liefert in Bezug auf die Herstellung für und die Nutzung im Kult keine prüfbaren Kriterien, macht daher einen Beweis unmöglich und erzeugt ein "Authentizitäts-Dilemma" (siehe Kunst&Kontext 01, S. 42 ff ).

Sammler und Händler sehen dieses logische Dilemma eher selten und ersetzen eine für Dritte nachvollziehbare Beweisführung durch den Glaubenssatz: "Durch jahrzehntelange Erfahrung sehe ich das."

Dieses optimistische Statement mag für den Erwerb oder Verkauf eines Stückes reichen, vor Gericht sind Glaubenssätze seit dem Ende der Inquisition jedoch etwas aus der Mode gekommen. Der Gutachter steht vor einer schweren Aufgabe, wenn die Frage echt oder falsch zu beurteilen ist. Denn es kann vor Gericht nicht darum gehen, ob selbsternannte Päpste und/oder eine große Gemeinde mehrheitlich ein Stück für echt oder falsch halten, sondern es geht um den objektiv nachprüfbaren Beweis dieser Eigenschaft.

Gottes-Urteil oder Gutachten?

In den Schriften von Klägern finden sich z.B. Sätze wie der folgende: "Der renommierte Galerist und Experte sagte, dieses Stück ist falsch, es wurde nie im Kult benutzt". Im ungünstigen Fall lagen dem Experten lediglich Fotos der Stücke vor, was einer Beurteilung auf dem Niveau des Kaffeesatz Lesens entspräche. Rechtsanwälte schreiben dann gern "Zeugnis Galerist …", was bedeutet, dass dieser Kunsthändler vom Gericht als Zeuge geladen werden soll, um eine Aussage über das Stück zu treffen, das er in Wirklichkeit dort aber erstmals zu sehen bekommt. Im günstigen Fall konnte der Händler-Experte das Objekt zuvor betrachten und verewigt nun sein Werturteil schriftlich. Auch wenn diese Schriftstücke dann gern mit dem Titel "Gutachten" verziert sind, genügen sie selten denjenigen formalen Ansprüchen, die in Wirtschaft und Technik an ein Gutachten gestellt werden. In sehr vielen Fällen beschränkt sich die Argumentation auf Sätze wie: "Nach eingehender persönlicher Beurteilung lässt sich die Figur ohne Weiteres in eine Reihe von Fälschungen einordnen. Das Objekt ist eine zweifellos in jüngster Zeit für den Kunstmarkt hergestellte Fälschung." Oder: "Die uns vorliegende Figur wurde im Stil der … für den westlichen Kunstmarkt gefertigt. Bei dieser Arbeit handelt es sich um eine eindeutige Fälschung." Argumentation wird durch eine Einschätzung ersetzt und um den Satz ergänzt, dass sie von einem "international renommierten Afrika-Experten" stamme. Erstaunlich, denn gerade ein Experte mit zahlreich veröffentlichten Fachwerken sollte wissenschaftlich argumentieren und gewöhnt sein, die Beweisführung nachvollziehbar vorzutragen. Wissenschaftstheoretisch gesehen sind die oben genannten Sätze dem Typus ‚Gottes- Urteil' zuzuordnen, da sich die Beweisführung im Wesentlichen auf die Person des Urteilenden beschränkt bei implizierter Unfehlbarkeit derselben. Wir befinden uns in der Welt des Glaubens und können von den tausendjährigen Traditionen und Erfahrungen profitieren, die davon ausgehen, dass allein Gott unfehlbar ist, der einzelne Mensch aber fehlbar. Hält der fehlbare Mensch sich für unfehlbar, so kommt er Gott gefährlich nahe; warum freiwillig der Gefahr aussetzen, wenn wir uns altersbedingt ohnehin der letzten Instanz nähern.

TAK-Gutachter Mangelware?

Immer wieder kommt es vor, dass Gerichte verzweifelt einen Gutachter suchen. Geschuldet ist dies dem Recht des Klägers wie des Beklagten, in einem Prozess einen Sachverständigen wegen Befangenheit ablehnen zu dürfen. Sieht sich der Gutachter selbst als befangen an, dann muss er den Auftrag sogar ablehnen.

Derzeit gibt es nur einen einzigen von der IHK öffentlich vereidigten und bestellten Sachverständigen "für schwarzafrikanische Kunst" in Deutschland.

Deshalb verzichten die Gerichte notgedrungen in den vorgenannten Fällen auf einen entsprechend qualifizierten Gutachter und bestellen stattdessen Galeristen oder Auktionatoren, die vor Gericht ihre Meinung vortragen und so über authentisch, echt und falsch entscheiden. Als Marktteilnehmer genügen diese jedoch auf keinen Fall der Berufsethik, wie sie z.B. von Behrend Finke, dem Vorsitzenden des Verbandes Unabhängiger Kunstsachverständiger e.V. (www.vuks.de), formuliert wird. Der Kunstsachverständige soll "neutral sein, nach bestem Wissen und Gewissen urteilen und es sich nicht zu leicht machen". Wirtschaftliche Eigeninteressen sind nach Meinung des Verbandes nicht mit der Forderung nach Neutralität vereinbar, d.h. entweder Gutachter oder Händler/Auktionator. Dass ausgerechnet Gerichte diese Unabhängigkeit des Gutachters nicht einfordern, ist aus der Not heraus verständlich, jedoch als Dauerlösung nicht akzeptabel. Des Weiteren besteht die Frage, ob ein Gutachter ohne Zusatzausbildung überhaupt seiner Aufgabe gerecht werden kann..Wer Gutachten in Wirtschaft und Technik kennt, weiß, dass deren Qualität direkt abhängig ist von der Weiterbildung der Gutachter. Das Institut für Sachverständigenwesen e.V. (www.ifsforum.de) in Köln veranstaltet Fachseminare mit Themen zum formalen Aufbau von Gutachten, Versicherungsfragen, Berufsethik, Verhalten vor Gericht, etc. Mindestens die TAK-Gutachter, die in Gerichtsverfahren mitwirken, sollten eine entsprechende Aus- und Weiterbildung nachweisen können und außerdem öffentlich vereidigt und bestellt sein. Zu überlegen ist weiterhin, ob eine digitale Version eines jeden Gutachtens zentral gesammelt werden sollte, um die Qualitätskontrolle und wissenschaftliche Auswertung zu ermöglichen. Diese Gutachten wären dann auch für alle zukünftigen Sachverständigen verfügbar.

Qualitätskriterien für TAK-Gutachten - ein Vorschlag

Ein Gutachten sollte übersichtlich gegliedert sein, Beurteilungskriterien benennen sowie eine nachvollziehbare Beweisführung und Bewertung beinhalten. Im Gesamturteil sollten eventuelle Unsicherheiten und Einschränkungen formuliert sein. Das Objekt ist standardisiert zu fotografieren, z.B. Skulpturen von allen vier Seiten (90° Drehung), oben und unten. Außerdem sind Detailfotos der im Text behandelten Merkmale erforderlich. Mit den unten genannten Gliederungspunkten sind einige Fragen verbunden, die möglicherweise erfordern, dass der Gutachter in Teilbereichen weitere Spezialisten hinzuzieht, z.B. bei der Analyse von Pigmenten, der Bestimmung der Holzart, der Suche nach Vergleichsstücken.

A. Material (Herstellung, Gebrauch)

  • Welches Holz wurde verwendet?
  • Wenn an dem Stück weitere Teile befestigt sind, aus welchem Material sind diese?
  • Wie wurde die Oberfläche des Materials behandelt? Bei Farben: welche Pigmente?
  • Weist das Stück Schadstellen und/oder Reparaturen auf?
  • Wo sind welche Gebrauchsspuren sichtbar?

B. Dokumentation der Herkunft

  • Von wem wurde wann, wo und zu welchem Preis das Stück erworben?
  • Was ist zur weiteren Geschichte des Objektes bekannt?
  • Wie ist die Zuverlässigkeit der Informationen zu bewerten?

C. Wertberechnung (Herstellungswert, Vergleichswert)

  • Wie viele Arbeitsstunden, gegliedert nach Materialauswahl, Schnitzen, Oberflächenbehandlung, werden für die Herstellung geschätzt? .
  • Welchen Preis haben vergleichbare Objekte in den letzten Jahren erzielt?

D. Stilistischer Vergleich

  • Welche Merkmale sind typisch/untypisch im Vergleich mit anderen Stücken?
  • Sind die Herkunft und das Alter der Vergleichsstücke gesichert?
  • Mit welcher Wahrscheinlichkeit (in %) wird das Stück als ‚echt' betrachtet?

(Zu beachten ist, dass die Vergleichsstücke, die bei der Stilanalyse verwendet werden, mindestens zum Teil im Museumsbesitz sein sollten, somit das Eingangsdatum und die regionale Herkunft bekannt sind. Dem Sachverständigen muss daher die Arbeit in Museumsdepots möglich sein.)

E. Ethnographische Informationen zur Herstellung und Verwendung des Objekttyps

  • Welche Informationen finden sich in der Literatur und in den Museen zum Objekttyp?
  • Welche Feldfotos zeigen den Objekttyp?

Fotogalerie ein-ausblenden

Fotogalerie GUTACHTEN UND TRADITIONELLE AFRIKANISCHE KUNST (TAK)

Kunst und Kontext 1/2013 (Ausgabe 05). Seite 72-73. Zeichnungen: Janine Heers

Durch Klick auf Vorschaubilder öffnet sich Vollbild.

Abb. 1: (Ohne Beschriftung)

Zeichnung: Janine Heers

Abb. 2: (Ohne Beschriftung)

Zeichnung: Janine Heers

Abb. 3: (Ohne Beschriftung)

Zeichnung: Janine Heers

LITERATUR

  • KAMER, HENRI: DE L'AUTHENTICITÉ DES SCULPTURES AFRICAINES. IN: ARTS D'AFRIQUE NOIRE NR.12 1974, S.

Text: Andreas Schlothauer
Zeichnungen: Janine Heers (Es handelt sich nicht um Abzeichnungen eines realen Vorbildes, sondern um die künstlerische Typenbildung aus vielen Figuren.)

Vielen Dank an Dr. Andreas Schlothauer und JANINE HEERS.

Autoren
Dr. Andreas Schlothauer
https://www.about-africa.de/images/aabilder/kontakt/Andreas-Schlothauer_2011.png
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

GUTACHTEN UND TRADITIONELLE AFRIKANISCHE KUNST (TAK); Dr. Andreas Schlothauer, JANINE HEERS; 2016; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-05-2013/654-gutachten-und-traditionelle-afrikanische-kunst-tak

Nutzungsrechte / Urheberrechte

Beachten Sie die Rechte des / der Urheber! Wenn Sie Artikel übernehmen wollen, fragen Sie nach! About Africa leitet Ihre Anfrage dann gerne an die/den Urheber weiter.

Bei korrekter Zitierweise ist die Übernahme von kleineren TEXT-Ausschnitten ohne Rückfrage erlaubt.

Bilder und andere multimediale Inhalte bedürfen immer der Freigabe durch den/die Urheber.

Disclaimer

Viele Autoren, viele Meinungen! about-africa.de ist nicht verantwortlich für Richtigkeit der angezeigten Inhalte. Wir entfernen natürlich Falsches oder kommentieren im Text, wenn etwas zu hinterfragen ist, jedoch nur soweit wir es beurteilen können oder uns widersprüchliche Ansichten bekannt sind. Wir sind keine Fachleute und sind nicht in der Lage, Fachwissen im Detail auf Richtigkeit zu prüfen. Wir sind jederzeit bereit, Gegenreden zu veröffentlichen.