Leserbrief von Thomas Oppermann
ZU Ethnologische Sammlung der Universität Göttingen (#Kunst&Kontext 02, S. 60-61)

Sehr geehrter Herr Dr. Schlothauer,

es freut mich, dass Sie den beklagenswerten Zustand einer der wertvollsten Südseesammlungen der Welt in Ihrem Magazin so ausführlich dargestellt haben.

Ich stimme Ihnen zu, dass die Stadt Göttingen und die Landesregierung Niedersachsen in den vergangenen Jahren jämmerlich mit dem Kulturerbe umgegangen sind: Das Institut für Ethnologie der Universität Göttingen verfügt über Kunst- und Kulturschätze außereuropäischer Völker, die weltweit einzigartig sind. Vor allem zwei Sammlungen, die der Göttinger Naturforscher Johann Friedrich Blumenbach (1752 bis 1840) erwerben konnte, genießen in der Fachwelt überaus hohes Ansehen und bilden das Herzstück der völkerkundlichen Sammlung der Georgia Augusta: zum einen die Baron-von-Asch-Sammlung, die aus Kulturdokumenten der arktischen Regionen von Sibirien und Alaska besteht, zum anderen die auf den berühmten englischen Kapitän James Cook und seine wissenschaftlichen Begleiter Georg und Johann Reinhold Forster zurückgehende Südseesammlung.

Die kostbaren Sammlungsgegenstände sind in dem während der 1930er-Jahre gebauten Institutsgebäude am Göttinger Theaterplatz untergebracht, das in keiner Weise den heutigen Ansprüchen und dem immensen Wert der Sammlungen entspricht.

Während meiner Zeit als Wissenschafts- und Kulturminister Niedersachsens habe ich deshalb Pläne für einen Museumsneubau und eine Kulturmeile zwischen dem Deutschen Theater und dem Ethnologischen Museum vorangetrieben. Gemeinsam mit dem damaligen Präsidenten der Universität Göttingen, Prof. Dr. Horst Kern, habe ich im Jahr 2002 einen Architektenwettbewerb für Ideen zur Sanierung und zum Ausbau des Instituts für Ethnologie am Theaterplatz ausgeschrieben.

Am meisten überzeugte die Jury der Entwurf von Jochen Brandi, der eine Idee seines Vaters Diez Brandi aufgriff und verfeinerte. Das Besondere an diesem Entwurf war, dass er die Bauhaus-Ästhetik des Gebäudes bewahren und in eine neue Kulturmeile einbetten wollte. Der Innenhof wäre mit einem Glasdach zu einer repräsentativen Halle mit umlaufenden Galerien umgestaltet und das gesamte Gebäude um einen viergeschossigen Neubau erweitert worden. Dieser Neubau sollte sich entlang des Walls in Richtung Deutsches Theater erstrecken und einen Hörsaal, die Bibliothek und weitere Seminarräume beherbergen.

Mit dieser Lösung hätte sich die Fläche, die der Ethnologie in Göttingen für Forschung, Lehre und die Präsentation ihrer bedeutenden Sammlungen zur Verfügung steht, verdoppelt. Das Institut für Ethnologie, das über drei Gebäude verstreut war, wäre am Theaterplatz an prominenter Stelle in der Stadt zusammengeführt worden.

Als der Präsident der Universität und ich diesen Plan Ende August 2002 der Öffentlichkeit vorstellten, schien die Umsetzung dieser Pläne zum Greifen nah. Im Rahmen der Hochschulbauförderung sollten sich der Bund und das Land Niedersachsen die veranschlagten Kosten von 5,1 Mio. EUR teilen. Die Grundsteinlegung war für Sommer 2003 geplant, der Bau sollte innerhalb von zwei Jahren abgeschlossen sein.

Leider konnte ich diese Pläne nicht mehr verwirklichen, da ich nach der verlorenen Landtagswahl im Jahr 2003 aus dem Amt des Ministers für Wissenschaft und Kultur ausschied. Die Landesregierung aus CDU und FDP hat die wenige Wochen nach dem Wahltag vorgesehene Grundsteinlegung für einen Anbau abgesagt. Seitdem wurde immer wieder versprochen, in Göttingen ein neues Ethnologisches Landesmuseum zu errichten, um die Sammlungen zu bewahren und mit völkerkundlichen Beständen aus anderen Landesmuseen zu ergänzen. Auch der damalige Ministerpräsident Christian Wulff hat bei seinem Besuch in Göttingen im Juni 2009 erklärt, die langjährigen Pläne, ein Landesmuseum für Ethnologie in Göttingen zu errichten, gehörten „in die Kategorie dessen, was verwirklicht werden muss“ (Göttinger Tageblatt vom 27. Juni 2009). Diesen Ankündigungen sind aber keine Taten gefolgt. Die Feierlichkeiten zum 275. Jubiläum der Göttinger Georg-August-Universität im vergangenen Jahr wären ein sehr guter Anlass gewesen, dass der Kriegsgott Kuka ilimoku endlich ein angemessenes Dach über den Kopf bekommt.

Die Ethnologischen Sammlungen sind in einem inakzeptablen Zustand, wie die SPDLandtagsfraktion seit Jahren immer wieder kritisiert hat. Gemeinsam mit der Göttinger Landtagsabgeordneten Dr. Gabi Andretta will ich dafür werben, dass die neu gewählte Rot- Grüne Landesregierung eine angemessene Präsentation der Ethnologischen Sammlungen ermöglicht.

Mit freundlichen Grüßen

Thomas Oppermann

Mitglied des Bundestages

Leserbrief von Werner Zintl
ZU Das Ethnologische Museum des 21. Jahrhunderts - ein Humboldt- Forum (HuF) ? (#Kunst&Kontext 02, S. 60-61)

Zeitgemäßes ? Humboldt-Forum

Anlässlich einer Ausstellung über das Volk der Bamana (Mali) vor ein paar Jahren im Rietberg-Museum Zürich fragte ich in meiner Ratlosigkeit die zufällig anwesende Kustodin, ob es denn überhaupt zulässig sei, diesen großen boli, eine besonders heilige Altarfigur der Bamana, in einem Museum unter Plexiglas zu zeigen. Sie gab zu, die gleichen Bedenken zu hegen.

Bei der Eröffnungsveranstaltung fragte sie deshalb den Botschafter von Mali, der sein Sektglas auf der Plexiglashaube abgestellt hatte. Dieser zerstreute lachend unsere Bedenken: Der boli sei ein trivialer Gegenstand, der erst zurückgebracht an seinen ursprünglichen Ort und von seiner Gemeinde verehrt seine sakrale Bedeutung und magische Kraft zurückerlange.

Artefakten und Reliquien von vornherein eine magische Energie zuzuschreiben ist also obsolet. Diese Kraft entfaltet sich erst bei deren Verwendung im Kult. In diesem höchst verantwortlichen Bereich bewegen sich Museumskuratoren bei der Auswahl von Objekten für Ausstellungen.

Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich am 5. November 2012 in den Nachrichten eines Privatsenders ein Interview mit den beiden für die Einrichtung des Humboldt-Forums verantwortlichen „Schloss-Designern“ Philipp Teufel und Ralph Appelbaum sah. Beide wirkten verständlicherweise etwas ratlos bei diesem so anspruchsvollen Auftrag, Museumsbesuchern Einblick in die Weltanschauungen außereuropäischer Kulturen zu bieten.

Es kann bei diesem Projekt nicht nur um den laienhaft-neugierigen Blick der Ethnologen oder den ästhetischen der Kunstsachverständigen gehen, sondern Rechnung getragen werden muss auch dem Respekt vor der tiefen spirituellen Authentizität von Artefakten. Besonders davon sind wir Sammler ja ergriffen und deshalb auch bereit, viel Geld in diese Objekte zu investieren.

Seit Esoterik und Fanatismus sich den religiösen Bereich gegenseitig streitig machen, ist Spiritualität einerseits in aller Munde und andererseits als Schlagwort sinnentleert. Der Schweizer Willy Obrist hat in einem Vortrag im Jahr 2010 in Zürich Spiritualität „ganz allgemein als das Bemühen verstanden, richtig, d.h. der menschlichen Natur entsprechend zu leben. Es geht somit um eine existenzielle Einstellung. Dies im Unterschied zur objektivierenden Einstellung, bei der man sich zu erkennen bemüht, wie die Welt ist und funktioniert. Objektivierend eingestellt sind unsere Schulsysteme und Forschungseinrichtungen“. In seinem Buch „Die Mutation des Europäischen Bewußtseins“ schildert Obrist anschaulich und schlüssig die Entwicklungsstufen von der archaischen, die noch überall auf der Welt (Amerika!) verbreitet ist, zur fortgeschrittensten in Europa. Denn hier haben vor allem Freud und Jung den Quantensprung initiiert: Alle Spiritualität findet sich in uns und kann nicht mehr in ein Jenseits oder eine Geisterwelt projiziert werden, wodurch wir noch unermesslich mehr Verantwortung übernehmen müssen. Die oft gehörte Forderung, den angeblich veralteten und kolonialen „Eurozentrismus“ aufzugeben, ist nicht zu erfüllen, da die Entwicklung unseres Bewusstseins ohne unser Zutun unaufhaltsam und eigengesetzlich voranschreitet.

Um die Artefakte im Humboldt-Forum stimmig präsentieren zu können, müssen die Verantwortlichen diese Realitäten klar vor Augen haben.

Vielen Dank an Dr. Werner Zintl und Thomas Oppermann.