Regen – wir haben es fast schon vergessen – bedeutet Leben. Dunkle Wolken bringen den ewigen Kreislauf in Gang. Wir Menschen sowie die Tiere und Pflanzen, von denen wir abhängen, bevölkern einen schmalen Landstrich unseres Planeten, eingepfercht zwischen roter Erde und schwarzen Himmel. Auf dieser Erdschicht errichten viele der ländlichen Basotho Südafrikas und Lesothos Lehmbauten, an deren Wände Frauen mit Ockerfarben und Pigmenten wunderschöne Muster malen. Roter Ocker ist die wichtigste Farbe, genannt letsoku, "das Blut der Erde". Um ihn zu sammeln, machen die Basotho lange Pilgerreisen. Die Wandmalereien sollen die Ahnen erfreuen und sie zugleich um Regen bitten. Ihre Schönheit stellt ferner einen Beweis für weibliche Tugenden und gute Haushaltsführung dar.

Wenn die Ahnen besänftigt sind und es Frieden auf Erden gibt – ein Zustand der Reinheit, der "Weiße" – dann sorgen sie, die mit "Schwärze" assoziiert werden, für Regen. Friede und Glück sind Konnotationen von Weiß, welches das Licht und mithin die spirituelle Erleuchtung symbolisiert. Hingegen ist Schwarz die Farbe der Ahnen, der "Schatten", deren schützende Dunkelheit Übeltäter am Sehen hindert. Düstere, schwere Regenwolken haben somit einen großen nutzbringenden Effekt.

Regen ist, wie roter Ocker, das "Blut" der Erde, welches wie Menstruationsblut zyklisch fließt, um Fruchtbarkeit zu garantieren. Der Regen füllt die Flüsse, die gleichsam die ‚Venen' der Erde bilden. Blut und Wasser sind "Ahnenspeise": Wenn die Ahnen das Blut der Tiere "riechen", die ihnen zu Ehren geopfert werden, so erheben sie sich aus der Erde, in der sie ruhen, und kommen zusammen, um mit den Lebenden zu feiern. Opferblut schafft Gemeinschaft.

Der Regen als Folge erhörter Gebete wäscht die vergänglichen Farben aus den Wänden wieder heraus. Doch in der nächsten Saison wiederholt sich der Kreis, sofern erneut alles gut geht, es erneut Frieden, khotso, gibt.

Khotso! ist der traditionelle Gruß der Basotho, mit dem sie einander segnen.

Khotso, Pula, Nala – Friede, Regen, Reichtum – bilden, in dieser Reihenfolge, aus Sicht der Basotho die Kausalkette zu einem idealen Zustand der Welt.

Sowohl archäologische Überreste Jahrhunderte alter Siedlungen als auch historische Berichte über erste koloniale Begegnungen mit verschiedenen Sotho-Tsawana-Völkern belegen, dass diese Wanddekorationen eine lange Tradition haben. Die südlichen Sotho, die Basotho, formten sich im frühen 19. Jahrhundert zu einer Nation und gaben die traditionelle, an einen Iglu erinnernde Architekturform zugunsten zylindrischer Häuser mit Kegeldächern aus Stroh allmählich auf. Diese übernahmen sie von den Sotho- Tswana-Völkern der trockeneren nördlicher gelegenen Gebiete.

Beide Häuserformen sahen keine Fenster vor. Doch im 20. Jahrhundert verdingten sich viele Basotho als Arbeiter auf den Farmen der Weißen. Und von dort adaptierten sie rechteckige Häuser, deren Dächer hinter einer Brüstung von der Fassade schräg nach unten abgingen. Diese späte Architekturform mit ihren breiten, glatten Oberflächen eignet sich ideal für Wandmalereien. Die Fassade wird oftmals von Türen und Fenstern durchbrochen, und das Haus wächst, unterteilt wie eine Schilfrohrfläche, indem zusätzliche Wohnungen mit jeweils eigener Haustür seitlich angebaut werden. Die Symbolik der ursprünglichen Bauarchitektur – des Iglus – blieb trotz der Anpassungen erhalten. Das Haus symbolisiert die Gebärmutter und ist den Frauen zugehörig. Die Tür und – seit dessen Einführung – auch das Fenster versinnbildlichen eine Vagina. Die Wandöffnungen sind das Wichtigste. Sie werden häufig mit Mustern in den drei heiligen Farben verziert: dem Schwarz der Ahnen und der Regenwolken, dem Weiß, das für Reinheit und den Frieden unter den Völkern steht, und dem Rot der Erde und des Blutes, welches das Irdische mit dem Geistlichen verbindet.

Zickzacklinien, welche verflochtene Dreiecke in Schwarz und Weiß voneinander abgrenzen, sind mit dem fernen Schöpfer verbunden, den die Menschen nicht anzusprechen wagen. Hauptzeichen des Schöpfers sind Blitze, die als Zickzack-Linien am Himmel erscheinen.

Die meisten Wandmuster, wenngleich nicht alle, zeigen Pflanzenformen. Die Basotho-Frauen konnten noch Mitte des 20. Jahrhunderts viele der Pflanzenmotive konkret bezeichnen. Seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts sprechen sie aber nur noch pauschal von "Blumen"-Design. Frauen sind – wie die gesamte menschliche Schöpfung – mit der Vegetation verbunden. Nach dem Schöpfungsmythos der Basotho sind die Menschen aus Schilfsamen hervorgegangen. Während die Männer sich um das Vieh kümmern, sind die Frauen für die Kultivierung der Böden und das Sammeln wilder Früchte zuständig. Die Blume symbolisiert die enge Beziehung der Frau zur Pflanzenwelt.

Eine der wichtigsten Techniken zur Verzierung der Wände bildet das Einbringen von Gravuren in den nassen Lehmputz mittels eines Stocks oder eines Kamms oder eines ähnlich spitzen Gegenstandes. Diese Methode heißt litema und wird DEE-tay-ma ausgesprochen. Das Wort ist linguistisch verwandt mit dem Verb "kultivieren" und betont so, dass die Frauen nicht nur in den Lehmboden hineinhacken, sondern auch in die Lehmwand. Die symbolische Verknüpfung ist von so grundlegender Bedeutung, dass der Ausdruck litema selbst dann verwandt wird, wenn es sich um bloße Wandbemalung ohne Gravuren handelt.

Mittels Gravur entstehen parallel zueinander verlaufende Farbfelder oder –flächen, die an Äcker erinnern, die mit der Hacke sorgfältig "auf Linie" gezogen wurden. Da die Sonne, die ja auch mit dem fernen Schöpfer verbunden ist, alltäglich über den Himmel wandert und sodann im Laufe des Jahres ihre Spur verändert, wandeln sich demgemäß auch die Linien auf den Hauswänden und Äckern durch Licht und Schatten. Die Kultur bildet das Echo der Natur, gefangen im Wechsel. Gleichsam einem Landschaftsgemälde steht das Wandbild für den Acker.

Abgesehen von den Tür- und Fensteröffnungen werden auch andere Übergänge betont: die mit rotem Ocker angestrichene Grundlinie, an der das Haus auf die Erde trifft, die an den Himmel stoßende Dachspitze, die in ihrer Verzierung bisweilen an ein perlenbesetztes Stirnband erinnert, sowie die Ränder und Ecken des Baukörpers.

Bestimmte Dekor-Motive sind aus weiblichem Aufputz oder sozialem Kontext entlehnt sowie nach ihnen benannt. Etwa die kunstvoll von Metallfäden durchzogenen Frisuren. Oder die lesira, ein Schleier aus Schilfgras für Initiantinnen. Oder das Brett für ein Spiel namens marabaraba, das dem "Dame"- Spiel ähnelt. Oder zum Trocknen und Gerben abgepfählte Rinderhäute: Die Herstellung weichen, wertvollen Leders ist nach Auffassung der Basotho vergleichbar mit der Initiation Heranwachsender. Hier und da repräsentieren die Wandverzierungen auch solche Dinge wie die Sonne, Berge oder Spinnweben. Neuerdings sieht man zuweilen auch Tier- oder sogar Landkarten- Motive.

Als ich in den frühen Achtzigerjahren, auf dem Höhepunkt des Apartheid-Regimes, damit anfing, die Wandmalereien der Basotho aufzuzeichnen, fand ich Häuser vor, die mit den Farben der verbotenen ANC-Partei bemalt waren oder mit Karten und Slogans, die zum politischen Wandel aufriefen. Das dominierende Motiv war allerdings damals (wie auch heute) die stilisierte Blume.

Vielfarben-Muster werden durch das Vermischen pulverisierter Farbpigmente mit billiger Kalktünche oder gar Maismehl erzielt, wobei die "Maismehl-Lösung" besondere symbolische Bedeutung dadurch erlangt, dass Mais als Hauptnahrungsmittel der Bewässerung durch Regen in ganz besonderem Maße bedarf.

Bildmotive entstehen für gewöhnlich ganz einfach dadurch, dass Bakterien-Muster in gegenläufigen Richtungen nebeneinander gesetzt werden. Die auf diese Weise erzeugten Dekors schwingen und vibrieren geradezu, vor allem dann, wenn sie farbig sind. Die alternierende Dominanz unterschiedlicher Bildelemente rückt ständig die Figur-Grund-Beziehung ins Bewusstsein. Dieses visuelle Äquivalent zu zwei gleichzeitig gedachten, jedoch gegenläufigen Gedanken, dieses Charakteristikum verbindet die Wandmalerei mit anderen meditativen Kunstformen, die den Betrachter dazu einladen, über die verbal nicht zu fassenden Berührungspunkte zweier ineinander übergehender Bereiche nachzusinnen. Diese Vibration oder Alternation unterstreicht zudem, dass die "Blumen" an den Wänden nicht einfach nur schön und anziehend sind, sondern auch tiefgründig und spirituell.

Wie andere südafrikanische Völker auch verwenden die Basotho zur Beschwörung übersinnlicher Kräfte keine Masken oder Figuren. Neben den Wandbemalungen gibt es aber noch eine weitere (architektonische) Kunstform, die der Ahnenverehrung dient: Die Ablage aus Ton, raka, die im Hausinneren errichtet wird.

In den Iglus, damals, gab es immer in der hintersten, dunkelsten Ecke eine niedrige Ablage aus Ton, auf der unterschiedliche irdene Gefäße standen, die sowohl Fruchtbarkeit als auch diverse Ahnen versinnbildlichten, wie beispielsweise Töpfe für die Getreidegärung. Mit der Einführung der rechteckigen Bauweise glichen die Basotho-Frauen auch die Gestalt der Ton-Ablagen an, indem sie kunstvolle Lehmkonstruktionen ersannen, die wie die Anrichten mit Tellerbord in westlichen Küchen und Speisezimmern ("Welsh dressers") aussehen; selbst deren filigran zurechtgeschnittene Papierauflagen sind in Lehm nachempfunden.

Die symbolische und religiöse Bedeutung der Ton-Ablage wurde auf die Lehm-Anrichte übertragen. Auf ihr steht nunmehr das Familiengeschirr, mit dem die Ahnen angerufen und geehrt werden. Und immer dann, wenn man einem der Gefäße etwas zu essen oder zu trinken entnimmt, träufelt man – zum Zeichen der Ahnenverehrung – ein wenig davon auf den Boden.

Raka und litema bilden mithin die wichtigsten religiösen Kunstformen, bleiben jedoch gemeinhin unbekannt, weil die Objektbesessenheit afrikanischer Kunstsammlungen sie außen vor lässt.

Eine weitere architektonische Besonderheit, die essentielle Bedeutung in der religiösen Kunst der Basotho einnimmt und ebenfalls nicht gesammelt werden kann, bildet der lapa (lelapa). Bei ihm handelt es sich um den häuslichen Innenhof oder Vorplatz, der von einem hohen Schilfzaun (seotloana) umgeben ist. Vor allem in vorkolonialer Zeit, als Wohnbauten lediglich dem Schlafen dienten, fanden im lapa nahezu alle sozialen Kontakte statt. Seine Bedeutung geht aus einer Äußerung des Theologen Gabriel Setiloane, einem Sotho, hervor: "Die Missionare, die Tempel und Altäre suchten, wurden zunächst in die Irre geleitet. Ins tiefe Innere der Basotho-Religion drangen sie erst durch, als sie Menschen in ihrem lapa erlebten. Er bildet den Altar, auf dem das gesamte Familienleben stattfindet."

Im lapa nahm man früher auch die Mahlzeiten zu sich, und die kleinen Portionen für die Ahnen ließ man auf diesen geheiligten Grund fallen. Einige Sotho-Tswana- Gemeinden vergruben hier ihre weiblichen Ahnen und betonten so die besondere symbolische Beziehung zwischen Frau und häuslicher Architektur. Noch heute finden bedeutende religiöse Feste im lapa statt.

Bei den Initiationsfeiern für Frauen werden die Initiantinnen nacheinander mit den drei heiligen Farben bemalt, beginnend mit Schwarz. Während der "Ausbildungszeit", in der sie mit vielen traditionellen weiblichen Aufgaben, darunter dem Weben von Grasmatten, vertraut gemacht werden, greift auch ihre Kleidung architektonische Elemente auf: Sie tragen einen Schleier aus Schilf (lesira), der das Gesicht genauso abschirmt wie der Schilfzaun (seotloana) den lapa. Um die Hüften tragen sie dicke Spiralreifen (likholokoane), die so aussehen wir die schweren Stützpfeiler der Schilfzäune. Von den likholokoane heißt es, dass sie keinen Anfang und kein Ende hätten, weshalb das Böse keinen Zutritt finde; sie bilden Metaphern für den ewigen Kreislauf. Die Initiantinnen werden komplett mit einer weißen Lehmschicht (phepa) bedeckt, und ihre Beine versieht man mit Gravuren, deren Muster so aussehen wie diejenigen der litema, die um den Hauseingang (symbolische Vagina) verlaufen. Durch dies und vieles andere mehr wird die Identifikation der Frau mit ihrem Haus symbolisch untermauert.

Zu den Abschlussfeierlichkeiten, die im lapa einer Lehrermeisterin oder einer Förderin der Initiationsschule stattfinden, werden die Initiantinnen mit rotem Ocker, dem Blut der Erde, angemalt. Dies ist das Zeichen dafür, dass sie fruchtbar und dazu bereit sind, sich fortzupflanzen. Weiße Pünktchen auf ihren Haaren symbolisieren Saatkörner.

Diese jungen Frauen haben nunmehr ihre Verbindung zur Erde, zum Blut und zum Regen verinnerlicht – und zur Pflanzenwelt: Sie sind bereit zu blühen.

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Fotogalerie Die Wandmalereien der Basotho

Kunst und Kontext 2/2013 (Ausgabe 06). Seite 4-8. Fotos: Gary van Wyk (VanWykGary @ aol.com)

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Abb. 1: Wandmalerei von M. Radebe, 1988

Foto: Gary van Wyk (VanWykGary @ aol.com)

Abb. 2: Wandmalerei von Maria Msiya, 1992

Foto: Gary van Wyk (VanWykGary @ aol.com)

Abb. 3: Wandmalerei von Florina Tsotesi, 1992

Foto: Gary van Wyk (VanWykGary @ aol.com)

Abb. 4: Wandmalerei von Mamozwake Kwaaiman, 1992

Foto: Gary van Wyk (VanWykGary @ aol.com)

Abb. 5: Wandmalerei von Alina Tsotesi, 1992

Foto: Gary van Wyk (VanWykGary @ aol.com)

Abb. 6: Das Heim von Mmaoupa Shabangu, 1988

Foto: Gary van Wyk (VanWykGary @ aol.com)

Abb. 7: Das Haus von Malgowa Mofokeng, 1990

Foto: Gary van Wyk (VanWykGary @ aol.com)

Abb. 8: Initiationsfeier

Foto: Gary van Wyk (VanWykGary @ aol.com)

Abb. 9: Heilerin

Foto: Gary van Wyk (VanWykGary @ aol.com)

Abb 10: Nyaduwe Motloung, 1992

Foto: Gary van Wyk (VanWykGary @ aol.com)

Anmerkungen zu den Abbildungen

Abb. 1: Dieser von M. Radebe gemalte Türeingang setzt die Farben Schwarz und Weiß sowie Blau des Himmels effektvoll gegen die blutrote Erde ab. Weiße Dreiecke bilden zum einen entlang der Oberkante eine Zickzack-Linie und bewegen sich zum anderen von den sonnenähnlichen Motiven auf jeder Seite der Tür strahlenförmig weg. Zickzacke bedeuten Blitze und bilden somit überaus heilige Zeichen des fernen Schöpfers. Dagegen ist die Sonne Sinnbild menschlicher Genese und lebenspendender Kraft. Das «Stirnband»- Fries zeigt Dreiecke, Rauten sowie Spiral- oder Sichelmuster, die wohl auf Keimblätter anspielen sollen. Wandgemälde von M. Radebe, 1988.

Abb. 2: Auch das Muster dieser Seitenwand wurde mithilfe heiliger Farben, rotem Ocker und Weiß, gestaltet. Wie die meisten Wanddekors der Basotho lässt das Muster zwei Deutungsmöglichkeiten zu. Ein Motiv ist ein strahlenförmiges Blumendesign, das sich beispielsweise rechts vom Fenster befindet. Ein anderes soll einen großen Diamanten darstellen (lozenge). Einen solchen kann man zum Beispiel an der linken Seite der Wand erkennen, wo eine Ecke des Diamanten die Mitte der weißen Grenzlinie berührt, die an der linken Kante hochläuft. Die Wanddarstellung bildet – wie ein beschauliches Mandala – eine Metapher für fundamentale Daseins- und Identitätsfragen, zum Beispiel nach der Beziehung zwischen dem Irdischen und dem Göttlichen oder nach dem Werden und Vergehen. Wandmalerei von Maria Msiya, 1992.

Abb. 3: Das Haus von Florina Tsotetsi weist sowohl gemalte als auch eingravierte Wandbilder auf. An der Seitenwand hat sie in gegenläufige Richtungen Linien aus dem nassen Lehmputz herausgekämmt, wodurch hervortretende Muster entstanden sind. Diese litema-Form symbolisiert das Hacken der Böden besonders deutlich, auf Sesotho durch das Verb tema ausgedrückt. Die Wand steht für das Feld, und genauso wie dieses verändert sie ihr Erscheinungsbild unter dem Einfluss von sich wandelndem Licht und Schatten. Litema versinnbildlicht, dass Bodenbearbeitung und Wandverzierung den Frauen zugehörig ist. Auf der Vorderseite des Hauses greifen Spinnennetz- und Blumen- Motive ineinander. Haus und Eingang sind von den drei heiligen Farben umrandet. Fenster existieren noch nicht, denn es dauert lange, bis sich ein junges Paar einen Fensterrahmen leisten kann. Wandmalerei von Florina Tsotesi, 1992.

Abb. 4: Diese Seitenwand weist ein zentrales Samenmotiv sowie Verzierungen an den Ecken auf. Der Diamant in der Mitte des Samenkorns ist vermutlich dem Spielkarten-Logo auf den handelsüblichen Maissäcken entlehnt. Mais bildet das wichtigste Grundnahrungsmittel und das Logo somit ein Symbol für reiche Ernte. Die Pastellfarben werden durch das Vermischen preiswerter Pulver- mit Kalkfarbe gewonnen. Dies ist ein etwas ‚modernerer' Ansatz, mit dem die Ahnen ebenfalls erfreut werden sollen, auf dass sie Regen und Überfluss bringen. Ein wichtiger Bestandteil der Wanddekoration ist die Farbe Weiß, die Frieden und Ruhe symbolisiert. Die Segnung der Basotho "Khotso, Pula, Nala" soll dieselbe Kausalkette in Gang setzen wie die Wandmalereien: Friede, Regen, Reichtum. Wandmalerei von Mamozwake Kwaaiman, 1992.

Abb. 5: Im Bewusstsein der meisten Basotho sind ihre in der Erde wohnenden Ahnengeister ständig präsent. Diese haben sozusagen Besitz vom Haus und dessen umliegendem Terrain ergriffen. Auf dem Foto hält Alina Tsotesis Sohn während des Spielens plötzlich inne, um forschend durchs Haus zu spähen. Wandmalerei von Alina Tsotesi,1992.

Abb. 6: Ein Blick zwischen zwei Häuser auf dem Grundstück von Mmaoupa Shabangu. Die Trias der heiligen Farben, Rot-Schwarz-Weiß, belebt das Gelände. 1988

Abb. 7: Es besteht ein Zusammenhang zwischen der vitalen Kraft eines Menschen (seriti) und seinem Schatten. Während eines bei den Basotho jährlich stattfindenden Festes namens Go Tiisa Motse appliziert das Oberhaupt einer jeden Heimstätte eine bestimmte Medizin in die Gelenke der Familienmitglieder, um deren seriti zu stärken. Die gleiche Medizin wird dann auch in die Fugen des Hauses eingebracht – eine der vielen Verbindungen, die es im Denken der Basotho zwischen Haus und menschlichem Körper gibt. Auf dem Foto kann man die Tochter von Malgowa Mofokeng zusammen mit ihrem Schatten hinter dem Haus sehen. 1990.

Abb. 8: Während der Initiationsfeierlichkeiten blicken die jungen Frauen sehr düster, wodurch sie Eigenkontrolle, Würde und Ruhe zum Ausdruck bringen. Unterhalb ihrer Nasenlöcher sind weiße Perlenschnüre angebracht, die ruhiges Atmen unterstreichen. Rund um ihre Köpfe ist roter Ocker als Zeichen der Fruchtbarkeit aufgetragen. Diejenigen, welche bereits ein Ki d geboren haben, tragen rote T-Shirts. Weiße Pünktchen auf ihren Haaren symbolisieren Saatkörner. Die Initiantinnen tragen Schilfmatten, die ein Symbol sowohl für die Herkunft der Basotho (Schilfbett) als auch für die Herrschaft der Frauen über den Bodenbewuchs darstellen. An diesen Matten befestigen ihre Verwandten zu der erfolgreichen Prüfung allerlei Geschenke, die vor allem der Schönheit, Pflege und Anmut dienen.

Abb. 9: In der heutigen Zeit sind es in den ländlichen Regionen zumeist die Frauen, welche – direkt von ihren Ahnen oder durch göttliche Bestimmung – zu Heilern und Sehern berufen werden. Diese Form der spirituellen Besitzergreifung kannte man – seit dem Ende des 19. Jahrhunderts – zunächst nur von der Küstenbevölkerung, vor allem den Zulus, und hat sich bis ins Landesinnere ausgebreitet. Auf Sesotho heißen die Geistheiler mathuela, bekannter sind sie aber unter dem Zulu-Namen izangoma (Sing.: sangoma). Sie kommunizieren in Trance mit den Ahnen und verordnen sodann Heilmittel gegen physische, psychische und spirituelle Leiden. Ihre Kleidung ist für gewöhnlich aus rotem Stoff gemacht sowie mit (vorwiegend) weißen Perlen und – bei den Basotho – floralen Motiven bestickt, wie man sie von den Hauswänden kennt.

Abb. 10: Nyaduwe Motloung ritzt den Grundriss für ein Muster in den nassen Mörtel ihres Hauses. Mithilfe eines Kamms oder einer Gabel graviert sie parallel verlaufende Linien in Felder hinein. Indem sie benachbarte Areale mal mit gegenläufigen Zeichnungen versieht, mal diese aneinander angleicht, ergibt sich ein Spiel aus Licht und Dunkel wie bei den kultivierten Feldern, die den litema-Wanddekorationen ihren Namen gegeben haben. 1992.

Text und Fotos: Gary van Wyk (Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!)
Übersetzung: Petra Schütz, Ingo Barlovic

Vielen Dank an Gary van Wyk.

Autor
Gary van Wyk
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

Die Wandmalereien der Basotho; Gary van Wyk; 2016; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-06-2013/736-die-wandmalereien-der-basotho

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