Gefäße gehören zu den ältesten Kulturbegleitern der Menschheit überhaupt. Alle Kulturen haben Behältnisse entwickelt. Sie dienen dazu, das Leben "einfacher" zu gestalten: Mit ihrer Hilfe ist es den Menschen möglich geworden, etwas zu behalten, aufzubewahren, zu ordnen – und damit unter Kontrolle zu bringen. Ein Behälter ist deshalb ein Artefakt, das als das Produkt einer spezifi schen Kultur angesehen werden muss.

Es kann, über seine Funktion hinaus, etwas aussagen – etwas, das für den außerhalb dieser Kultur Stehenden nicht unbedingt auf den ersten Blick erkennbar ist. Ein Muster auf einem Gefäß z. B. kann den sozialen Status und das Prestige ausdrücken, das dem Besitzer des Gefäßes in seiner Gemeinschaft zukommt. Auch können Behälter genutzt werden, um kollektive wie persönliche Erinnerungen zu bewahren.

Die Art der Gefäßbenutzung lässt bisweilen Rückschlüsse zu, wofür die kopa der Suku im Kongo ein gutes Beispiel bilden. Der hier gezeigte Doppelbecher (Abb. 2) gehörte zu den Regalien eines regionalen Oberhauptes, wurde besonders verwahrt und vererbt, durfte ohne Erlaubnis des Besitzers nicht berührt werden und wurde nur aus dem besonderen Anlass der Einsetzung eines Oberhauptes öffentlich gezeigt.1 Allerdings gehört das Wissen um den Gebrauch dieses besonderen Gefäßes eher zu den Ausnahmen, denn nur in seltenen Fällen wurden Gefäße, vor allem diejenigen des täglichen Gebrauchs, ausführlich dokumentiert.

Holzgefäße sind Produkte eines alten, spezialisierten Handwerks. Allein die Herstellung der Höhlung war und ist nicht jedem Schnitzer gegeben. Sie braucht Erfahrung. In Ruanda beispielsweise waren Schnitzer in der Lage, durch Klopfen auf die Gefäßwand festzustellen, ob die erforderliche Stärke schon erreicht war oder ob es galt, noch etwas abzuhobeln.2 Das entsprechende Werkzeug wurde extra für den Gefäßschnitzer hergestellt, etwa gebogene Klingen zum Aushöhlen.

Eine unüberschaubare Vielfalt an Formen begegnet einem bei den Objekten, die den kulturellen Reichtum Afrikas in dieser Hinsicht noch erweitert. Die afrikanischen Kulturen haben alles hervorgebracht, was auch aus anderen Kulturen und Zeiten bekannt ist: menschen- und tiergestaltige Trinkgefäße, Schalen und Schüsseln, Becher, Tassen und Krüge, Mischgefäße, Transportbehälter, Milchgefäße, Schnupftabakbehältnisse, Mörser und Fettbehälter – die Aufzählung ließe sich verlängern, etwa um Gefäße für den rituellen Gebrauch. Das alles sind Gründe genug, sich für sie zu interessieren. Und dennoch: Holzgefäße stehen nicht im Mittelpunkt des Interesses für afrikanische Kunst. Eine chinesische Keramik sieht man ohne weiteres als der "Kunst" zugehörig an, für ein afrikanisches Holzgefäß gilt das offenbar nur eingeschränkt. Das Sammeln alter Holzgefäße ist deshalb herausfordernd: Das Angebot ist begrenzt, die Literatur übersichtlich, die Kenntnis um die Objekte zumeist gering. Doch gerade das macht es so reizvoll!

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Fotogalerie VOM SAMMELN ALTER AFRIKANISCHER HOLZGEFÄSSE

Kunst und Kontext 2/2013 (Ausgabe 06). Seite 31-35. Fotos: Walter Hinghaus, Stephan Laude, Hagen Immel

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Abb. 1: Milchlöffel (orutuo) der Herero, südliches Afrika

Wohl 1. Hälfte 20. Jh.; H: ca. 11,0 cm (liegend), B: ca. 11,7 cm, L: ca. 32,0 cm, Gewicht: 196,0 g. Der Löffel diente dem Schöpfen von Milch aus dem Milchgefäß (ehoro).

Foto: Walter Hinghaus

Abb. 2: Doppelbecher (kopa) der Suku, D.R. Kongo, wohl vor 1945; H: 5,5 cm, B: 8,7 cm, Gewicht: 55,0 g

Foto: Stephan Laude

Abb. 3: Fettbehälter (ebur) der Turkana, Kenia, 20. Jh.; H: 20,0 cm, B: 13,5 cm, Gewicht: 430,0 g

Foto: Stephan Laude

Abb. 4: Trinkbehälter (ibole) der Turkana. Kenia, 20. Jh.; H: 28,0 cm, B: 9,0 cm, Gewicht: 205,0 g.

Der Behälter diente gleichzeitig als Verschluss eines Sauermilchgefäßes (akurum).

Foto: Stephan Laude

Abb. 5: Milchbehälter (ndogondo) der Shi, D. R. Kongo/Ruanda/Burundi, 20. Jh.;

H: 20,0 cm, B: 14,0 cm (Korpus), L: 26,0 cm (m. Stiel), Gewicht: 404,0 g. Gefäße dieser Art können einen hölzernen Deckel gehabt haben. Die Verzierung weicht von der älterer Gefäße ab.

Foto: Stephan Laude

Abb. 6: Mischgefäß (ndogondo) der Shi, D. R. Kongo/Ruanda, 20. Jh.; H: 10,0 cm, B: 11,5 cm (Korpus), L: 19,3 cm (m. Tülle), Gewicht: 177,0 g

Foto: Stephan Laude

Abb. 7: Längliche Schale (ndogondo) der Shi, D. R. Kongo/Ruanda/Burundi, wohl 1. Hälfte 20. Jh.; H: 9,5 cm, L: 23,9 cm (m. Stiel), Gewicht: 226,0 g.

Es handelt sich wahrscheinlich um ein Biergefäß.

Foto: Stephan Laude

Abb. 8: Schale auf einer Säule mit zwei durchbrochenen Griffen, Hemba, D. R. Kongo, 20. Jh.; H: 21,0 cm, B: ca. 14,0 cm, Gewicht: 900,0 g

Die Bedeutung bzw. Funktion des Gefäßes ist bislang nicht geklärt.

Foto: Stephan Laude

Abb. 9: Fleischschale (olucuba) der Nyoro, Uganda, wohl 1. Hälfte 20. Jh.; H: 13,0 cm, B: 10,4 cm, L: 25,5 cm, Gewicht: 391,0 g

Foto: Stephan Laude

Abb. 10: Gefäß mit länglicher Tülle und Stütze der Nkoya, Western Province, Sambia, 20. Jh

H: 10,0 cm, B: 20,0 cm (Korpus), L: 33,4 cm (m. Tülle), Gewicht: 423,0 g. Das Gefäß diente sicherlich dem Ausschenken einer Flüssigkeit.

Foto: Walter Hinghaus

Abb. 11: Milchgefäß (?), unbestimmte Ethnie, Sudan (?), 20. Jh.; H: 42,5 cm, B: 15,5 cm, Gewicht: 1338,0 g

Foto: Stephan Laude

Abb. 12: Gefäß mit länglicher Tülle und Gesicht, unbestimmte Ethnie (wohl Shi), D. R. Kongo/Ruanda, 20. Jh.; H: 17,0 cm, B: ca. 14,5 cm, Gewicht: 456,0 g

Auf dem Gefäß wurden – wohl außerhalb des Zwischenseengebietes – das Gesicht und ein Standring mit Kuhdung modelliert.

Foto: Stephan Laude

Abb. 13: Löffel der Senufo (Rückseite), Elfenbeinküste, 20. Jh.; L: 27,5 cm, B: 7,5 cm, Gewicht: 80,0 g

Die Muster und Zeichen weisen mit ihrer Unterseite zum Stiel hin.

Foto: Stephan Laude

Abb. 14: Suppenschüssel mit Tülle, Wum, Nordwest-Provinz, Aghem, Kameruner Grasland, wohl 1. Hälfte 20. Jh. H: 12,0 cm, B: 25,5 cm, Gewicht: 683,0 g

Foto: Stephan Laude

Abb. 15: Schale mit durchbrochenem Griff, Mankon oder Bafut, Nordwest-Provinz, Kameruner Grasland, wohl 1. Hälfte/ Mitte 20. Jh

H: ca. 11,0 cm, B: 28,0 cm (Korpus), L: 38,0 cm (m. Griff ), Gewicht: 1208,0 g

Foto: Hagen Immel

Meinen beiden ersten Gefäßen begegnete ich bewusst vor einigen Jahren in einer Galerie. Sie standen dort lange, und auch ich brauchte lange, bis ich sie erwarb. Einerseits war ich von ihren Formen fasziniert, andererseits auch verunsichert, denn über die Objekte wusste der Galerist wenig zu sagen. Auch ihm gefielen die Formen. Begeisterung, Neugier und Interesse obsiegten und sind zu einem andauernden Sammelantrieb geworden. Die "Magie" der Gefäße, die ich empfinde, rührt aus ihrem hohen Symbolgehalt, der eng mit verschiedenen Aspekten des Lebens verbunden ist. Die Auswahl, die ich treffe, ist geleitet von der Idee, nicht das Spektakuläre zu suchen, sondern im Gewöhnlichen, Unbeachteten das Spektakuläre zu finden. Freilich muss man sich darüber im Klaren sein, als Sammler einem anderen Kulturkreis anzugehören, denn unweigerlich fließen ästhetische Kriterien aus diesem in die Auswahl ein, ohne dass man sich dessen immer bewusst ist. Das Auge sucht und findet immer das Vertraute … Keineswegs geben die in der Sammlung vereinten Objekte deshalb einen repräsentativen Querschnitt dessen wieder, was als afrikanische "Gebrauchskunst" gelten mag, es ist nur ein Ausschnitt, der meinen Form- Kriterien entspricht.

Die Sammlung hat ihren geografischen Schwerpunkt im östlichen (einschließlich des Kongo) und südlichen Afrika, ergänzt um einige Objekte aus Westafrika. Einen großen Raum nehmen Gefäße von Hirtennomaden und Viehhaltern ein, deren Lebensform hölzernen Gefäßen den Vorrang einräumt. Bei Sesshaften sind in starkem Maße Terrakotta-Gefäße anzutreffen. Es zeigt sich, dass bestimmte Regionen Afrikas auch mit Blick auf Gefäße sehr "ergiebig" sind. So stammen einige Objekte der Sammlung aus dem Süden Äthiopiens, dem Norden Kenias und Ugandas. Diese Region wird von Viehhaltern geprägt, sodass es vor allem Milch- und Fettgefäße sind, die von dort kommen (Abb. 3 und Abb. 4). Das abgebildete Fettgefäß zeigt eine typisch afrikanische Reparatur. Obwohl die Gefäße der Turkana nach der Herstellung reichlich mit Fett eingerieben werden, um Risse zu verhindern, kommt es dennoch vor, dass sie reißen. Das Gefäß dann nicht wegzuwerfen, sondern es zu reparieren – in diesem Fall zu "nähen" und den Riss zusätzlich mit Harzen oder anderen Substanzen zu verschließen – bezeugt zweierlei: die Wertschätzung des Gefäßes, dessen Herstellung mühsam ist, und die Vermeidung von Energieaufwand für die Erstellung eines Ersatzgefäßes. Eine andere, vermutlich jüngere Art der Reparatur ist die Verwendung von Aluminiumstreifen, die auf den Riss genagelt und ggf. zusätzlich mit Harz oder dergleichen abgedichtet werden.

Eine weitere Objektgruppe stammt aus dem Zwischenseengebiet, also jenem Gebiet zwischen dem südlichen Victoriasee, dem Kiwu- und dem nördlichen Tanganjikasee, zu dem Ruanda, Burundi, teilweise Uganda und Tansania sowie der östliche Kongo gehören. Wohl aus Äthiopien kommend, ließen sich hier einst die viehzüchtenden Tutsi (Hima) nieder und prägten diese Region kulturell. Hier sind es nicht Nomaden, sondern Königreiche, die über einen jahrhundertelangen Zeitraum das Leben der Menschen und ihre Geschicke beeinflussten. Ein außerordentlich hoch entwickeltes Schnitzhandwerk ist bei den Tutsi und den Shi am westlichen Ufer des Kiwusees zu Hause, das gewiss durch die Bedürfnisse der Königshöfe in der Region beflügelt wurde (Abb. 5, Abb. 6 und Abb. 7). Dass auch andere Völker "drumherum" des Schnitzens kundig waren, zeigt eine komplexe Gefäßform wie die den Hemba zugeschriebene Schale (Abb. 8) oder die Fleischschale der Nyoro aus Uganda. Dieses Gefäß (Abb. 9) ist ein gutes Beispiel für verschlüsselte Botschaften: Die Form der Beine erinnert an die eines Chamäleons und greift damit einen Mythos der Nyoro auf, demzufolge die ersten Menschen das Aussehen von Chamäleons hatten. Die Anzahl der Beine wiederum verweist auf den sozialen Rang des Benutzers. Gefäße mit neun Beinen waren ausschließlich dem König vorbehalten, die "Neun" war die heilige Zahl der Nyoro. Das abgebildete Gefäß mit seinen vier Beinen wurde also von einem Oberhaupt niederen Ranges benutzt.

Das Ethnologische Museum Berlin hat einen großen Bestand an Holzgefäßen, die ich im Jahre 2008 untersuchen konnte.

Mein Interesse galt Ostafrika, z.B. den Sammlungen von Richard Kandt in Ruanda und Paul Kollmann am Victoriasee. Die Objekte des Museums und einige aus meiner eigenen Sammlung bildeten schließlich das Anschauungsmaterial für meine Studie über "Holzgefäße des ostafrikanischen Zwischenseengebietes", die im Jahre 2009 erschien.3

Die Forschung geht davon aus, dass das Zwischenseengebiet ein Zentrum war, wo Bantu-Bauern sowie Nilosaharanisch und Kuschitisch sprechende Völker aus dem heutigen Sudan einander begegneten und es so zu einem Austausch von Fertigkeiten und Kenntnissen bei Feldbau, Eisenbearbeitung und Viehzucht kam. Solcherart ausgestattet, fand dann eine lang anhaltende Wanderung der Bantu in den Süden des Kontinents statt (und teilweise wieder zurück) und mit ihr ein "Kulturtransfer". Jedenfalls gibt es eine Fülle von gemeinsamen Merkmalen bei Rinderzüchtern im östlichen und südlichen Afrika.

Deshalb bildet das südliche Afrika einen weiteren Sammlungsschwerpunkt. Milchlöffel wie der abgebildete (Abb. 1) finden sich – der Form nach als "Schalen mit Stiel"– bei den Shi im Zwischenseengebiet und weiter nordöstlich bei den Pokot und Turkana. In meiner Studie "Über afrikanische Milchgefäße" bin ich der Bedeutung von Milchgefäßen, einer eigenen Gefäß-Gruppe, in verschiedenen Kulturen Ost- und Südafrikas nachgegangen.4

Eine der kompliziertesten und zugleich spannendsten Fragen ist die nach der "Wanderung" von Formen. Dass die Swasi ihre Milch- und Essgefäße teilweise denen der Zulu nachempfunden haben, ist augenfällig – sie waren im Süden des Swasilandes dem direkten kulturellen Einfluss der Zulu ausgesetzt und überdies durch Heiraten verbunden. Warum aber finden sich geometrische Gefäßverzierungen aus dem Zwischenseengebiet auch auf Gefäßen im südlichen Afrika? Ist es der Tatsache geschuldet, dass geometrische Kunst seit Jahrtausenden weltweit verbreitet ist? Oder sind die Muster "gewandert"? Die Verzierung mit Dreiecken, deren Spitzen nach unten weisen, findet sich z. B. auf einer aus Sambia stammenden Schale der Nkoya mit einer auffällig langen und gestützten Ausguss-Tülle (Abb. 10). Eine scharf geschnittene, an einen Vogelschnabel erinnernde Tülle ist auch von Gefäßen der Shi im östlichen Kongo bekannt (Abb. 06). Bei einem Händler in Südafrika stieß ich auf eine sambische Regierungskarte, aus der immerhin hervorging, dass die Nkoya irgendwann nach 1500 n. Chr. aus der Gegend des Lualaba-Flusses im Kongo in ihre nachmaligen Siedlungsgebiete in der heutigen Western Province Sambias einwanderten. Trotzdem ist es schwierig, solche Migrationen als direkten Beweis für Beeinflussungen der Formen anzusehen. Auch im Falle von Mehrfachschalen stellt sich diese Frage. Sie sind im Zwischenseengebiet bei den Tutsi ebenso bekannt wie bei den Zulu, Swasi und Lozi im südlichen Afrika, wenngleich ihre Formen im Detail nicht identisch sind. Haben Volksgruppen aus dem Süden die Form nach Norden gebracht, oder wurde sie von dort nach Süden transferiert? Solche Fragen stellen sich – und bleiben vielleicht ohne Antwort.

Die Zusammenarbeit mit Museen ist auch für den Sammler von Gefäßen sehr wichtig. Nicht nur wegen vergleichbarer Objekte, die dort vielleicht etwas umfänglicher dokumentiert vorhanden sind, sondern auch wegen der Formen. Gefäße des ausgehenden 19. oder frühen 20. Jahrhunderts mit später entstandenen Gefäßen zu vergleichen kann hinsichtlich der Beibehaltung oder Veränderung von Formen aufschlussreich sein. Denn es gibt durchaus einen Formen-Kanon, der im Laufe der Zeit von Volksgruppen entwickelt wurde und diesen zugeordnet werden kann.

Leider funktioniert diese Zuordnung nicht immer. Oft ist die kulturelle Verflechtung verschiedener Ethnien so groß, dass eine eindeutige Zuordnung fragwürdig erscheint. Abbildung 11 zeigt ein hohes Gefäß auf einem Fuß mit einem ungewöhnlicherweise in das Gefäß hinein gearbeiteten Griff, das sowohl in Ost- als auch Südafrika verortet wird. (Für gewöhnlich ragen Griffe oder Henkel deutlich von der Gefäßwand ab.) Auf der dem Griff gegenüber liegenden Seite befindet sich ein aus der Gefäßwand herausragender, nach unten leicht spitz zulaufender Vorsprung, dessen unterer Teil so steil zur Gefäßwand hin gearbeitet ist, dass man mühelos die Fingerspitzen "einhaken" kann. Das Gefäß ist schwarz gefärbt, die Außenseiten mit leicht erhabenen, großflächigen Rechtecken verziert. Der Verkäufer war der Auffassung, es handele sich um ein (möglicherweise rituelles) Gefäß aus dem Sudan. Ich bekam, je länger ich es betrachtete, Zweifel an der Herkunftsangabe, fühlte ich mich doch an die Milchgefäße (ithungas) der Zulu im südlichen Afrika erinnert.

Fachleute des Grassi Museums für Völkerkunde zu Leipzig waren der Meinung, es handele sich um ein Melkgefäß aus dem Südsudan. Ein ebenfalls zurate gezogener Galerist in Südafrika erklärte hingegen, es sei ein Gefäß der Zulu oder einer verwandten Ethnie; es seien durchaus Milchgefäße auf Füßen beobachtet worden, auch seien Höhe und Gewicht identisch mit den Maßen klassischer Milchgefäße – die allerdings keinen Fuß haben. Ich habe mich letzterer Auffassung angeschlossen – bis zum Beweis des Gegenteils! Das Gefäß auf Abbildung 12 ist ein Sonderfall. Bei dem Behälter handelt es sich eindeutig um ein Gefäß der Shi aus dem Zwischenseengebiet. Kandt hatte seinerzeit festgehalten, dass der Name der Gefäße mit Ausguss ndogondo laute. Typisch ist die dünne Gefäßwand, die Verzierung mit Rinnen und Ketten umlaufender senkrecht hängender Kerben (oder Dreiecke) unterhalb der Gefäßöffnung, die Ballonform des Gefäßes und der scharfe, kantige Ausguss. Völlig ungewöhnlich hingegen ist das Gesicht, das wohl später, ebenso wie der Standring, aus Kuhdung modelliert wurde. Dies bedeutet, dass dieses Gefäß mit großer Wahrscheinlichkeit irgendwo bei Viehhaltern – zu denen auch die Shi gehören – verwendet wurde. Vielleicht hat jemand zum persönlichen Vergnügen dieses Gefäß verziert, vielleicht enthält es eine verschlüsselte Botschaft, vielleicht ist es "gewandert" und außerhalb des Zwischenseengebietes verziert worden: Dieses Gefäß hat ein Gesicht, aber keine nachvollziehbare Geschichte.

Ein wenig anders verhält es sich mit einem Löffel der Senufo (Abb.13), der von einer Senufo-Frau mitgebracht wurde, die zu Beginn der 1990er-Jahre zu Gast bei Karl-Heinz Krieg war.

Der Löffel ist nicht nur seiner Herkunft, sondern auch seiner Form wegen interessant. Auf der Rückseite wird anscheinend eine Geschichte anhand eingeritzter Zeichen und Symbole erzählt, die dem Löffel eine anrührende, sehr persönliche Note gibt. Leider ist ihr Inhalt, wenn es denn einen gibt, ebenso unbekannt wie die ursprüngliche Verwendung des Löffels mit dem sehr kurzen, vorderseitig mit geometrischen Ritzmustern verzierten Stiel. Das Beispiel zeigt, wie sehr Gebrauchsgegenstände geschätzt und zu Trägern persönlicher Gestaltung werden können – und wie schnell auch das geringste Wissen über ein Objekt verloren gehen kann.

Das Alter eines Holzgefäßes zu bestimmen ist leider nicht einfach. Man kann aus den Benutzungsspuren, aus Patina und Oberflächenbeschaffenheit, gewisse Schlüsse ziehen; Vergleiche mit Objekten in Museen sind sehr hilfreich. Man ist aber auch auf andere Informationen angewiesen, etwa wann und wo etwas gesammelt wurde. Abbildungen in der Literatur helfen weiter. Gelegentlich lassen sich aus Details, z. B. der Form von Griffen, ungefähre Rückschlüsse auf die Entstehungszeit ziehen, was aber eine vertiefte Kenntnis und Erforschung der materiellen Kultur, der das Gefäß entstammt, voraussetzt. Datierungen wie: "wohl 1. Hälfte 20. Jh." oder "Mitte 20. Jh." erklären sich so. Gefäße sind vielleicht in einem noch höheren Maße "geschichtslos" als andere Objekte. Sie sind aus dem Gebrauchszusammenhang herausgerissen und kaum oder gar nicht dokumentiert. Doch haben sie eine "Persönlichkeit", die aus ihrer Form und der Benutzung resultiert. Denn manche Oberfläche verwandelt sich nach langer Benutzung in eine zerklüftete Landschaft.

Dies offenbart sich bei einer Objektgruppe aus dem Kameruner Grasland. Vor einigen Jahren fand ich eine hochwandige Schüssel mit einem halbrunden Boden und einfacher Verzierung (Abb. 14), die dem Grasland zugeschrieben war – aber das Grasland ist groß! Das dickwandige Gefäß ist innen ganz blank gescheuert, weist eine dunkle Patina auf, und die Gefäßwand ist an mehreren Stellen durchbrochen. Ich wandte mich an Hans Knöpfli5 (Schweiz), der mir mitteilte, dass es sich um eine Suppenschüssel aus Wum handele, hergestellt von den Schnitzern, die auch einzigartige Türrahmen herstellten. Als er einmal den Schnitzer eines Gefäßes fragte, ob die geometrische Verzierung der Außenseite eine Bedeutung habe, antwortete dieser ihm: "Für euch Europäer muss alles eine Bedeutung haben. Ich will mich einfach beim täglichen Gebrauch des Gefäßes an seiner Schönheit freuen."

Auch ein weiteres Gefäß (Abb. 15) konnte mit seiner Hilfe identifiziert werden. Dieses getreppte, relativ flache Gefäß mit einem auffälligen Griff hielt ich zunächst für eine Art Mörser. Dafür schien mir die Oberfläche des Randes zu sprechen, ferner der einstmals aus dem Holz herausgebrochene und wieder befestigte Griff sowie unerklärbare Beschädigungen im Gefäßinneren. Gegen einen Mörser sprach allerdings die Form, die sich nach oben öffnet, während das gesamte Gefäß auf einer sehr kleinen Standfläche ruht. Hans Knöpfli kannte diesen Gefäßtyp aus eigener Anschauung und stellte fest, dass er vor allem bei den Mankon und Bafut in der Nordwest-Provinz gebräuchlich war und der Herstellung von achu aus der Knolle der colocasia gedient haben könnte. achu (sprich: aschu) "wird nur von den Mankon und den Bafut hergerichtet und oft auch nur von ihnen gegessen. Es sind traditionsgemäß die Frauen, die die Colocasiapflanze anpflanzen, in Ordnung halten, ernten und zubereiten zu Achu." Gesammelt wurde das Gefäß 2006/2007 bei einer alten Frau in einem Ort, der etwa 60 km von Foumban (Nordwest-Kamerun) entfernt liegt.

Trotz vieler offener Fragen – die sich ja auch beim Sammeln anderer afrikanischer Gegenstände stellen – steht die Freude an der großen Formenvielfalt dieser Objekte im Vordergrund, verbunden mit einer tiefen Bewunderung für das Können der Schnitzer, die Funktionalität und Formbewusstsein glücklich miteinander verbanden. Der Sammler muss zwar damit leben, dass sein Objekt oftmals wenig "biografische" Aussagekraft hat. Als aus Zusammenhängen herausgelöstes, ästhetisches Objekt, als das es schließlich Eingang in Sammlungen findet und dort überdauert, gewinnt es aber an Kraft. Das ist nicht wenig. Denn die "Errungenschaften industrieller Kultur" z.B. in Gestalt von Kunststoffbehältern aller Art, erobern den Kontinent. Mit ihnen steht ein bewundernswertes Handwerk, das Zeugnis davon ablegt, dass "Design" keineswegs eine westliche Erfindung ist, in Gefahr, mehr und mehr zu verschwinden – und auch die Formenvielfalt.

Mancher Afrikaner wird sich wundern, dass Holzgefäße Sammler finden, sind doch Plastik- oder Blechgefäße viel praktischer! Ihr geringes Gewicht macht sich auf dem Weg von und zur Wasserstelle bemerkbar, ihr Volumen ist viel größer als das der traditionellen Gefäße, und sie zu ersetzen ist nicht schwierig. Sie machen das Leben einfacher. Aber ihre Herstellung ist nun nicht mehr Bestandteil der Alltagskulturen. Das macht Holzgefäße interessant – für Designer, Keramiker, Kuratoren und alle, die sich an Formen zu erfreuen vermögen.

ANMERKUNGEN, Fußnoten

  • 1 Bourgeois, Arthur P: Suku Drinking Cups, in: African Arts, Nov. 1978, Vol. XII, NO 1, S. 76-77
  • 2 Kandt, Richard: Gewerbe in Ruanda, in: Zeitschrift für Ethnologie, 36 (1904), S. 329-372 (344)
  • 3 Kennert, Christian: Holzgefäße des ostafrikanischen Zwischenseengebietes, in: Baessler-Archiv, Beiträge zur Völkerkunde, Bd. 57 (2009), S. 103-140
  • 4 Erscheint in den "Münchner Beiträgen zur Völkerkunde" (voraussichtlich 2013)
  • 5 Knöpfli, Hans: Grasland. Eine afrikanische Kultur, Wuppertal 2008

Text: Christian Kennert
Fotos: Walter Hinghaus (Abb. 1, 10),
Stephan Laude (Abb. 2-9, 11-14),
Hagen Immel (Abb. 15)

Vielen Dank an Christian Kennert.

Autor
Christian Kennert
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

VOM SAMMELN ALTER AFRIKANISCHER HOLZGEFÄSSE; Christian Kennert; 2016; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-06-2013/745-vom-sammeln-alter-afrikanischer-holzgefaesse

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