Offenbar ist es Hans Himmelheber als einzigem Völkerkundler gelungen, einen nicht merkantil tätigen Lobi-Bildhauer des 20. Jahrhunderts zu dokumentieren, nämlich den auf ivorischem Dorf-Terrain lebenden Biniaté – während eines nur wenige Tage dauernden Aufenthaltes im Lobi-Land! (1)

Himmelheber betrachtete es noch als selbstverständlich, eigene Recherchen im Busch durchzuführen.

Ihm nachfolgende Ethnologen "forschten" ausweislich des von ihnen publizierten Materials (inklusive selbst gefertigter Landkarten) vornehmlich in der burkinischen Provinz-Metropole Gaoua sowie unmittelbar entlang der Pisten, die die größeren burkinischen Orte des Pays lobi miteinander verbinden. Sie bedienten sich derselben "Führer" oder "Informanten" und besuchten gemeinsam mit ihnen die immer selben (bequem zu erreichenden) Wahrsager/ Altarbesitzer.

Und ganz offensichtlich fragten sie diese noch nicht einmal nach der Herkunft ihrer Divinations- und/oder Altarskulpturen

Anderenfalls hätte sich daraus vielleicht ein Besuch bei dem einen oder anderen für den Kult tätigen Bildhauer, möglicherweise sogar eine Dokumentation ergeben.

Wie moderne Forscher das Pays lobi explorierten, sei am Beispiel Daniela Bognolos veranschaulicht.

Die "Wissenschaftlerin" präsentiert in ihrer Publikation aus dem Jahre 2007 das Foto einer Frau, die neben einem Altar sitzt (2). Die gleiche Abbildung findet sich bereits in der Diplomarbeit Bognolos aus dem Jahre 2000 und ist dort folgendermaßen untertitelt: "Baniona Sib mit dem Altar ihres ältesten Sohnes" (3). Das Altar-Couple und dessen Bildhauer sind nicht erwähnt.

In Wirklichkeit zeigt das Foto die im Januar 2011 verstorbene Mananhienan aus Helo (15 Kilometer nördlich von Gaoua, direkt am Straßenrand gelegen) neben ihrem eigenen Altar in ihrer eigenen Kemenate. Ihr Familienname lautete auch nicht "Sib" (wie der ihres Mannes Dankun), sondern "Da". Ihr ältester Sohn, Hounonièté, natürlich ebenfalls ein "Da", besaß überhaupt keinen eigenen Schrein.

Der verwaiste Altar Mananhienans, dessen Holzfigurenpaar vom benachbarten Bildhauer Yirimbar (Cousin der Verstorbenen und ebenfalls ein "Da") geschnitzt worden war, befand sich im Dezember 2012 noch immer an derselben Stelle, wo er auf seine "Reaktivierung" durch deren älteste Tochter wartete.

Im Vorwort zu ihrer Diplomarbeit behauptet Bognolo, dass sie bei mehr als 130 "traditionellen Bildhauern" gewesen und es ihr gelungen sei, 37 "Stil-Heimstätten" (foyers stylistiques) zu identifizieren, von denen 27 noch heute "aktiv" seien.

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Fotogalerie Die Exploration der Lobi-Bildhauer

Kunst und Kontext 2/2013 (Ausgabe 06). Seite 36-41. Fotos: Petra Schütz, Detlef Linse

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Abb. 1: Altarraum mit Couple von Kidinté, Kaolin-Beopferung

Foto: Petra Schütz, Detlef Linse

Abb. 2: Wohnhaus einer Lobi-Familie

Foto: Petra Schütz, Detlef Linse

Abb. 3: Der Bildhauer Koulkité

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Abb. 4: Altar in einer Wohnraumecke mit Couple von Koulkité

Foto: Petra Schütz, Detlef Linse

Abb. 5: Altar in einer Wohnraumecke mit Couple des verstorbenen Djédarte

Foto: Petra Schütz, Detlef Linse

Abb. 6: Die Wahrsagerin Tchoitinenan

Foto: Petra Schütz, Detlef Linse

Abb. 7: Altarraum mit Statuen von Gninthôté

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Abb.8: Detail

Foto: Petra Schütz, Detlef Linse

Abb. 9: Altarraum mit Skulpturen von Kpadjissiré

Foto: Petra Schütz, Detlef Linse

Abb. 10: Schreinhaus

Foto: Petra Schütz, Detlef Linse

Abb. 11: Schreinhaus Nakins mit selbst gefertigten Skulpturen

Foto: Petra Schütz, Detlef Linse

Abb. 12: Im Vordergrund Erstling von Nakin, dahinter aktuelle Figuren

Foto: Petra Schütz, Detlef Linse

Abb. 13: Der Bildhauer Nakin

Foto: Petra Schütz, Detlef Linse

Abb. 14: Der Bildhauer Kidinté

Foto: Petra Schütz, Detlef Linse

Abb. 15: Der Bildhauer Dilunthé

Foto: Petra Schütz, Detlef Linse

Abb. 16: Der Bildhauer Dépité arbeitet an einer Bêtise

Foto: Petra Schütz, Detlef Linse

Abb. 17: Divinationsfiguren

Foto: Petra Schütz, Detlef Linse

Abb. 18: Couple von Bokpan

Foto: Petra Schütz, Detlef Linse

Nur stellt sie in dem fast 300 Seiten umfassenden Werk keinen einzigen Bildhauer vor. Es gibt weder eine Textzeile noch ein Foto zu diesem Vorwort-Thema. In ihrem achtseitigen Glossar am Ende taucht das Wort "thetel" (Schnitzer, Bildhauer) ebenfalls nicht auf.

Sie zeigt lediglich einige Gesamtansichten nicht näher spezifizierter Altäre (s. o.) sowie auf vier Seiten ein paar Abbildungen von Skulpturen, die aber nicht in situ fotografiert wurden, sondern aus Museen bzw. Büchern stammen. (4)

In ihrer fantasiereichen "Lobi"-Publikation aus dem Jahre 2007 (5) kreiert Bognolo sodann Künstler-Stammbäume und -Ahnentafeln, die bis ins frühe 19.Jahrhundert zurückreichen, sowie eine Ikonografie diverser regionaler ("Heimstätten"-)Stile – wiederum allein manifestiert durch Sammlungsfotos.

So will sie aufzeigen, dass Sikiré und die Bildhauer seines Umfeldes im Birifor-Stil geschnitzt hätten (6), und verweist hierzu auf eine Lérousique-Statue von Sikiré und eine Maternité von Lunkéna – beide aus Privatsammlungen. (7)

Sikiré und Lunkéna, die in Gaoua – nach westlichem Geschmack – für den Handel schnitzten, stammten beide ursprünglich aus Gongombili, bei dem es sich nicht, wie gemeinhin behauptet wird, um ein südlich von Gaoua gelegenes Dorf handelt, sondern um ein großes, teils schwer zugängliches Département, das sich bis fast zur ivorischen Grenze erstreckt und zwischen den Départements Midebdo und Kampti liegt.

In der gesamten Region findet sich kein einziges Birifor-Dorf.

Gleichwohl begründet Bognolo ihre These – nicht nachprüfbar – mit der entfernten genetischen Abstammung Sikirés von einem angeblichen Birifor-Meisterschnitzer namens Sona, der Mitte des 19. Jahrhunderts in einem Dorf namens Gbôkhò Gbalâthi stilbildend tätig gewesen sei und dessen Sohn Okuena den jungen Sikiré in die "Geheimnisse verschiedener Hölzer" eingeweiht (initiiert) habe. So sei es gekommen, dass auch Lunkéna und weitere Künstler aus dem Umfeld Sikirés in Gaoua diesen Stil fortgeführt hätten, was man vor allem an den "anatomischen Details" und der "Körperhaltung" sehen könne. (8)

Das Pays lobi ist ein Land ohne schriftliche Zeugnisse, da – bis in die heutige Zeit – außerhalb größerer Orte kaum jemand zur Schule gegangen ist. Selbst noch die bislang von uns recherchierten Künstler und Wahrsager des 21. Jahrhunderts können die Eintragungen in ihren eigenen Pässen nicht lesen, keiner von ihnen kennt sein Geburtsdatum oder erkennt sich auf einem Foto. In dieser Region ohne Strom und fließendes Wasser bilden noch heute Feste und Märkte in fußläufiger (!) Reichweite die nahezu einzigen "Kontaktbörsen".

Ein anrührendes afrikanisches Sprichwort lautet: "Wenn jemand stirbt, geht eine ganze Bibliothek unter". Jeder nimmt sein gesamtes Wissen mit ins Grab – und wird selbst rasch zur (Dorf-)Legende, weil nichts über ihn dokumentiert ist, ja noch nicht einmal ein Grabstein mit seinem Sterbedatum existiert.

Der Streifzug Bognolos durch die "Stil- Geschichte" liest sich hingegen so, als betrieben die Lobi ein historisches Zentralarchiv. Dort hat sie offenbar die "Meisterschnitzer" der letzten zweihundert Jahre recherchiert und ihnen per Mausklick die ihr passend erscheinenden Skulpturen, die sich heute in westlichen Sammlungen befinden, hinzugegoogelt.

So heißt es auf Seite 60 weiter: "Im frühen 19. Jahrhundert erlangte das Dorf Poyo in der Nähe von Malba anscheinend Bekanntheit durch die gleichzeitige Präsenz zweier talentierter Bildhauer, Wibrika Palé, ein Teébò mit einem Birifor-Vater, und Kipume Youl, ein Birifor mit einem Lobi-Vater. Viele Schnitzer dieser Region, die direkt durch die Arbeiten dieser Meister inspiriert wurden, entwickelten den ‚Poyo'-Mischstil. Der letzte bekannte ‚offizielle' Vertreter des Poyo-Stils, Dyema Palé (ca. 1910 - ca. 1975), war in Minkoro aktiv." Beweis: eine Statue aus der Collection Galaverni. (9)

Die Bildhauer trafen sich also regelmäßig mit ihren Schülern, Kollegen und Mäzenen in ihren zu Künstler-Lofts umgebauten Sukulas, um Stile zu diskutieren, weiterzuentwickeln und zu verfeinern. Ab und zu veranstalteten sie auch Ausstellungen. Kriegerische Buschmänner. In vorkolonialer Zeit. Tief im Gestrüpp.

Absurd? Durchaus. Doch auch die Lobi- Autoren in der Gefolgschaft Bognolos zeigen historische Schnappschüsse kultiviert aussehender Tanga-Träger und schwadronieren über "Ateliers", "Werkstätten", "Meisterschnitzer", "Schulen", Chefs-d'oeuvre", "regionale Stile" oder "Stileinflüsse".

Auf der Basis der Lobi-Saga Bognolos projizieren Schreibtischgelehrte die in ihrem eigenen Kulturkreis üblichen Gepflogenheiten direkt in den Busch.

In Europa besucht man sich gegenseitig in den eigenen vier Wänden, betrachtet und diskutiert die (dekorative) Kunst in den Wohnräumen, holt sich Anregungen, spricht Komplimente und Empfehlungen aus, trifft einander in Galerien. So entstehen "Einflüsse". Die Realität im Busch sieht jedoch anders aus.

Dort wartet der Besucher oder Gast – ganz gleich, ob Fremdling, Kunde oder enger Verwandter – so lange vor dem Haus, bis man auf ihn aufmerksam geworden ist, ihm einen Hocker reicht und ihn an einen schattigen Platz führt. Man hält sich stets im Außenbereich auf und kennt deshalb in aller Regel noch nicht einmal die Altäre, Altarräume oder separaten Schreinhäuser seiner unmittelbaren Nachbarn oder besten Freunde.

Allerdings interessieren diese auch nicht. Denn die in ihnen aufbewahrten Skulpturen sind Kultgegenstände, die der Religionsausübung dienen und mithin jedweder Erörterung oder gar (Kunst-) Kritik entzogen sind. Für die Figuren des Wahrsagers, den man in seinem Divinationsraum konsultiert, und für Außenskulpturen (z.B. Grabstatuen) gilt deshalb nichts anderes.

Der Sakralkunst im Pays lobi wird nicht mehr Beachtung geschenkt als dem Christus-Kreuz in einer bayrischen Amtsstube.

Wenn der Kunde seine beim Bildhauer in Auftrag gegebene(n) Statue(n) abholt, drückt er ihm lediglich das Geld dafür in die Hand. Weder sagt er "danke" noch äußert er sich zur Qualität der Arbeit. Der Künstler hat schließlich nur den Befehl der thila (Götter/ Geister) ausgeführt.

Es sind denn auch einzig und allein diese anspruchsvollen thila, denen die Lobi ihre ungezählten, individuell tätigen Bildhauer verdanken – und ihre große skulpturale Vielfalt!

Von der Zeugungs- und Empfängnisfähigkeit über die Qualität der Ernte bis hin zu Krankheit und Tod wird alles von diesen Wesen beeinflusst. Das Schicksal der gesamten Dorfgemeinschaft hängt von ihnen ab. Und deshalb müssen sie – durch Skulpturen – gnädig gestimmt werden.

In der Regel drängt sich ein wathil (persönlicher Gott) seinem Besitzer oder seiner Besitzerin ganz einfach auf. Die Lobi schildern dies häufig so:

Mitten im Busch sei man auf einmal von einem herumliegenden Eisengegenstand geblendet worden. Da einem die Sache seltsam vorgekommen sei, habe man einen Wahrsager konsultiert und von diesem sodann erfahren, dass dies eine Begegnung mit dem wathil gewesen sei, der die Errichtung eines Opfer-Altares verlange. Andere Lobi berichteten von einem ähnlichen Erlebnis im Traum. Zur Grundausstattung des vom wathil geforderten Altares, der nun sogleich in einer Ecke des Wohnraumes angelegt und vom Wahrsager "geweiht" sowie mit "Kräften" ausgestattet werden muss, gehören ein Holzfiguren-Paar, eine Schlange und ein Chamäleon aus Metall sowie ein zweiteiliges Gefäß aus Ton. (Abb. 4 + 5)

Die Lobi erläutern das stets so:

Das Figuren-Paar fungiere als eine Art elterlicher Ratgeber für die Schlange und das Chamäleon, die als die eigentlichen (gefährlichen) Akteure die elterlichen Beschlüsse in Taten umsetzten. In das Gefäß (thil blo) müsse man Wasser und Kauri-Schnecken für den wathil geben.

Immer dann, wenn der wathil es verlangt, wird dieses Schrein- Ensemble mit Blut, Hirsebier, klarem hochprozentigem Alkohol oder zerkauter Kolanuss übergossen beziehungsweise bespuckt. Dies kann einmal täglich oder auch nur einmal jährlich geschehen. In einigen Regionen des Lobi-Landes (z.B. Gongombili und Kampti) müssen Altäre zusätzlich einmal im Jahr vor der Maisernte mit Kaolin beopfert werden. Anderenfalls darf der als gefährlich geltende Mais nicht gegessen werden. (Abb. 1, 7 + 8)

Während sich der eine wathil mit der beschriebenen "Grundversion" eines Schreines zufrieden gibt, verlangt der andere das Anlegen gleich mehrerer Altäre – vor dem Haus, in dessen Innerem und auf dem Dach – mit immer neuen Holzfiguren. Seine Sucht nach Skulpturen kann im Einzelfall derart ausufern, dass die Errichtung eines Altarraumes (Abb. 1, 7 und 9) oder gar mehrerer separater Schreinhäuser erforderlich wird. (Abb. 10 bis 12)

Oftmals ordnet der wathil auch noch zusätzlich an, dass sich sein Besitzer (selten: seine Besitzerin) als Wahrsager (buor) betätige (Abb. 6). Wahrsager sind keine Hellseher, sondern Helfer in konkreten Notfällen (bei persönlichen Problemen, Konflikten, Erkrankungen), und werden häufig – auch von Leuten aus der Stadt – konsultiert.

Zur Ausübung dieser Tätigkeit bedarf es noch einmal besonderer (zumeist kleiner) Divinationsfiguren, in die die thila schlüpfen, um dem Wahrsager Anweisungen für seinen Klienten zu erteilen (Abb. 17). Sofern auch der Kunde einen wathil besitzt, wird ihm in der Regel aufgegeben, seinem Altar eine weitere Holzskulptur (bateba) hinzuzufügen.

Während für die Anfertigung der Sakralgefäße (thil boula) Töpferinnen zuständig sind, die sich in der Menopause befinden (gefährliche Tätigkeit!), und die Metall-Tiere vom Schmied hergestellt werden, bedarf es zum Schnitzen der Holzskulpturen des Bildhauers (thetel).

Wie der Altarbesitzer (thildaar) und der Wahrsager (buor) ist der thetel in erster Linie Hackbauer, übt er sein Schnitzhandwerk also lediglich im Nebenberuf aus, weil sein Vater oder sein wathil ihn (z.B. im Traum) dazu bestimmt haben.

Diese Zusatztätigkeit verlangt ihm eigentlich Unzumutbares ab: Sie behindert ihn bei seiner zum Broterwerb erforderlichen Feldarbeit und bringt dabei aber kaum etwas ein – im Schnitt nur etwas mehr als zwei Euro für ein kleines Holzfigurenpaar. Aber der göttlichen Bestimmung darf er sich nicht widersetzen!

Im Falle eines Auftrages durch einen thildaar oder einen buor geht der thetel des Abends ganz alleine in den Busch zu dem Baum, dessen Äste er verwenden möchte, und holt in einem ritualisierten Akt die Genehmigung der zuständigen Geister zum Schneiden des Gehölzes ein.

Am nächsten Tag, vor oder nach der Feldarbeit, begibt er sich dann mit dem frisch geschlagenen Holz an seinen angestammten Schnitzplatz – fast immer ein schattiges Plätzchen unter einem Baum – und nimmt sein Werk in Angriff, das er so anfertigt, wie es der wathil des Kunden zuvor bestimmt hat. Anzahl, Größe und Körperhaltung der Skulptur(en) sind genau festgelegt, bisweilen auch Holzart und Schnitztechnik.

Er benutzt zur Bearbeitung des Holzes einfachste Werkzeuge – in der Regel nur einen Beitel und ein gewöhnliches Messer oder stattdessen eine bloße Klinge. (Abb. 13 bis 16)

Handelt es sich – zum Beispiel im Falle einer bedrohlichen Erkrankung – um eine eilige Bestellung, so gerät der thetel womöglich unter Zeitdruck. Das berechtigt ihn jedoch nicht, den Schnitzauftrag zurückzuweisen; eher hat die Qualität der Skulptur zu leiden. Der Bildhauer Nakin (Abb. 13) hat sich deshalb etwas Pfiffiges ausgedacht: Er lässt sich vom Kunden das Geld für die Figur(en) vorstrecken, damit er während seiner künstlerischen Tätigkeit einen Feldarbeiter bezahlen kann, der ihn auf dem Acker vertritt. Eine Ausbildung zum Bildhauer gibt es nicht. Ein Lobi wird – bisweilen erst als Erwachsener – dazu berufen und legt sogleich los. Manche sagen, ihr eigener wathil habe sie das Schnitzen gelehrt, andere geben an, es sich beim Vater/Onkel/Freund abgeguckt zu haben.

Auf "Schablonierer" mit hohem Wiedererkennungswert stößt man ebenso wie auf multitalentierte Kreativ-Künstler, die ständig etwas Neues ausprobieren – sowohl nördlich von Gaoua (Richtung Ghana) als auch südlich von Kampti auf ivorischem Terrain (über die Birifor ist ein Artikel in Vorbereitung).

Bisweilen wird der Tatendrang des Schnitzers durch spezielle Wünsche des wathil seines Klienten gebremst. Dann muss der runde Formen bevorzugende Künstler auch mal ein "kubistisch angehauchtes" Opus abliefern.

So erhielt der Bildhauer Bokpan den Auftrag, ein Figurenpaar in unterschiedlichen Stilen zu fertigen: die Frau rundlich, den Mann eckig. (Abb. 18)

Wer einen (verstorbenen) "anonymen Schnitzer" anhand typischer persönlicher Stilmerkmale identifizieren möchte, muss deshalb immer bedenken, dass dabei etliche seiner Werke durchs Raster fallen (können), weil er entweder ein großes künstlerisches Spektrum aufwies oder immer mal wieder spezielle Wünsche des wathil zu erfüllen hatte.

Der Versuch, Skulpturen anhand regionaler Stilmerkmale zu klassifizieren, muss mangels zuverlässig dokumentierter Vergleichsstücke scheitern.

"Foyers stylistiques" kann es allerdings auch zu keinem Zeitpunkt gegeben haben; die im gesamten Pays lobi, selbst bei den Birifor, einheitlich gepflegten Traditionen (s.o.) widersprechen den Mutmaßungen Bognolos diametral.

Wie sie überhaupt auf diese kam, hat die Expertin in ihrem Artikel "Djetó! Fais attention!" aus dem Jahre 1997 (10) sogar selbst mitgeteilt:

Sie habe das "Glück" gehabt, Gbonlaré Youl, den derzeitigen "Meister" der "Schule" von Gbôkhò Gbalâthì ("maître sculpteur de cette grande école"), kennenzulernen, der sie in die Materie der regionalen Schnitzer-"Schulen" eingeweiht habe. Gbonlaré zufolge sei deren erklärtes Ziel die von den Ahnengeistern geforderte Homogenität des Schnitzstils einer Heimstätte. Deshalb sei ein "Maître" stets streng darauf bedacht, dass seine "Schüler" die vom Schulgründer vorgegebenen Schnitzregeln beachten. Um die Kontinuität des Stils dem Wunsch der thila entsprechend zu gewährleisten, berufe er auch immer frühzeitig seinen "offiziellen Nachfolger".

Gbonlaré wird mit den Worten zitiert, dass sein Großvater, der Meisterschnitzer Okuena, den Bildhauer Sikiré in Gbôkho Gbalâthi als Schüler aufgenommen habe, es dann aber später, vermutlich wegen dessen zu häufiger Ausritte mit den Weißen, zum Bruch gekommen sei. Der Gbôkho Gbalâthi-Stil werde nun mit ihm, Gbonlaré, aussterben, da seine Söhne kein Interesse am Schnitzen hätten. (11)

In den Text eingefügt ist ein Foto, das laut Bildunterschrift den Meisterschnitzer Gbonlaré in seinem thildu in Gbôkho Gbalâthi im Jahre 1997 zeigt. (12)

Zur Erheiterung der thila handelt es sich bei der abgebildeten Person tatsächlich um den im Jahre 2004 verstorbenen Schnitzer Bolaré aus Bonko (unweit Gaoua). Bolaré, von dem es, wie von Tyohepthé aus Bakpulona, allgemein heißt, dass er – außer für sich selbst – sein ganzes Leben lang nur für Händler geschnitzt habe. Gemeinsam mit seinen Söhnen Matoiné und Nata sowie dem Nachbarn Kouakou – allesamt im immer selben Bolaré-Stil. Wie clever von Bolaré, merkantile Massenanfertigung als identitätsstiftenden Befehl der Ahnengeister zur Vereinheitlichung des Stils zu tarnen!

Als wir Kouakou am 25.11.2010 besuchten, arbeitete dieser gerade an einer typischen Bolaré-Statue und gab ohne Umschweife zu, seit jeher ausschließlich für Haussa-Händler – im Bolaré-Stil – tätig gewesen zu sein; er könne sich nicht erinnern, jemals für den Kult geschnitzt zu haben. Matoiné und Nata kämen auch bald wieder, sie arbeiteten zurzeit als Ernte-Helfer in Côte d'Ivoire.

Welcher Mär ist hier eine bekannte Ethnologin aufgesessen? Und welchen Legenden außerdem noch? Und wie viel Seemannsgarn hat sie selbst hinzugesponnen? Die satirisch anmutende Exploration der Bildhauer durch Daniela Bognolo hat die Rezeption der Lobi-Plastik in verheerender Weise beeinflusst: Eine Holzskulptur gilt nicht als das Werk eines individuellen Künstlers, sondern als ein Stereotyp aus dem Atelier eines Meisters mit mehr oder minder begabten Schülern.

Anscheinend hat Daniela Bognolo die in Bonko, Bakpulona, Latara, Tambili und anderorts anzutreffenden Händler-"Workshops" irrtümlich für Ausläufer vormaliger Künstler-"Heimstätten" gehalten.

Doch das renommierte Rietberg Museum soll Bognolo allen Ernstes als Kuratorin für die Ausstellung "Afrikanische Meister - Kunst der Elfenbeinküste" im Jahre 2014 angeheuert haben.

ANMERKUNGEN, Fußnoten

  • 1 Himmelheber, Hans: Figuren und Schnitztechnik der Lobi, Elfenbeinküste, In: Tribus – Veröffentlichungen des Linden-Musuems, Nr. 15, Stuttgart 1966, S. 63-87
  • 2 Bognolo, Daniela: Lobi, Mailand 2007, S. 12 (englische Ausgabe)
  • 3 Bognolo, Daniela: L'ancêtre inachevé, Paris 2000, S. 113
  • 4 Ebd., S. 87, 234, 240, 247
  • 5 Bognolo, Daniela: a.a.O., S. 55 ff
  • 6 Ebd., S. 59 f
  • 7 Ebd., Bildtafeln 13 und 14
  • 8 Ebd., S. 60
  • 9 Ebd., Bildtafel 2
  • 10 Bognolo, Daniela: Djetó! Fais attention! In: Journal des africanistes, 1997, Band 67, Heft 1, S. 123-133
  • 11 Ebd., S. 132
  • 12 Ebd., S. 127

Text und Fotos: Petra Schütz und Detlef Linse
Lobi-Informationen: www.schuetz-linse.de

Vielen Dank an Detlef Linse und Petra Schütz.

Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

Die Exploration der Lobi-Bildhauer-Auf den Spuren einer Realsatire; Detlef Linse, Petra Schütz; 2016; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-06-2013/746-exploration-der-lobi-bildhauer

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