Sogenannte Kopfskulpturen sind Ikonen der Lobi-Kunst. Die zwischen rund 25 und 50 Zentimeter hohen Holzskulpturen bestehen lediglich aus einem geschnitzten Kopf, der auf einem Stab aufsitzt (Abb. 1). In der Literatur wird diese Skulpturenform in verschiedene funktionale Klassifikationen speziell eingeordnet (Keller 2013). Himmelheber zeigt dazu zwei von Biniaté Kambiré geschnitzte Kopfskulturen auf einem seiner Außenaltäre (Himmelheber 1966, S.72 f.), wobei der eine in einem Lehmhügel steckt (Abb. 2). Der Altar sollte Biniatés Familie gute Hirseernten bescheren und wurde nach der Ernte jeweils mit Hirsebier und Hühnerblut beopfert. Meyer ordnet Kopfskulpturen (yuo) den sogenannten außergewöhnlichen Personen (ti bala) zu (Meyer 1981, S. 95). Durch das Abweichen des Aussehens vom menschlichen Vorbild sollen sie mit außergewöhnlichen Fähigkeiten und Kräften versehen sein. Sie würden vor allem zur Abwehr von Hexerei und Schadenzauber eingesetzt.

Kopfskulpturen waren (im Jahre 1980) nicht überall verbreitet, in Meyers Aufenthaltsgebiet Wourbira kannte man sie wohl nicht, sie existierten hingegen fünfzehn Kilometer weiter nördlich sowie in der Gegend von Kampti und Midebdo und in Regionen der nördlichen Elfenbeinküste. Antongini/Spini zeigen ein Foto des Schrein-Innenraumes von Hopale Hien mit u.a. einer Kopfskulptur (Antongini/Spini 1981, S. 169). Der Kopf soll alle Ahnen repräsentieren und zu diesen den Kontakt herstellen.

Bosc bezeichnet Kopfskulpturen als thilbou yo, deren Funktion ihm unbekannt sei (Bosc 2004, S. 29), und zeigt einen Außenaltar mit einer Kopfstatue von Sikiré Kambiré (S. 26), allerdings ohne nähere Bezeichnung (ein Detail ist in Meyer 1981, S. 128, zu sehen, Foto ursprünglich von Suyeux 1953/55). Gemäß Bognolo befinden sich Kopfskulpturen auf Außenaltären des Milkuur, eines Schutz-thil, der früher mit der Tradition der Blutrache verbunden gewesen sei (Bognolo 1998, S. 161-167, 2007, S. 36-39, 2008, S. 11-14). Die Kopfskulptur beherberge den khele, eine gefährliche Macht, die bei einer Tötung vom Opfer freigesetzt werde. In jedem Menschen lebe ein Doppel, thuu, das nach dem Tod weiterbestehe und eine gut- oder bösartige Kraft thil ausüben könne (Bognolo 2008, S.11). Stirbt jemand eines unnatürlichen Todes, so werde dies als Strafe der Ahnen angesehen. Die vom freiwerdenden Doppel ausgeübte Kraft, in diesem Falle khele genannt, sei dabei besonders gefährlich. Der Milkuurdar, der selbst Tötungen vorgenommen habe (z.B. bei Stammesfehden), beherrsche die Kraft des Milkuur; bei seiner Initiation werde der Kopf (bei Bognolo baathil, "Kraft des Endes") in den Erdhügel geschlagen. Bognolo reproduziert zunächst ein Foto von Himmelheber (1966, S.72, Abb. 3 links) und bezeichnet Biniatés Außenaltar als einen Altar des Milkuur (Bognolo 2007, S. 38). Erst in einer späteren Publikation zeigt sie ein eigenes, im Jahr 1993 in Lokar aufgenommenes Foto eines sog. Milkuur-Altares mit einem in einen Erdhügel gesteckten Kopf (Bognolo 2008, S.11). Die Elemente Tötung–khele– Milkuur–Kopfstatue werden in der Literatur unterschiedlich in Zusammenhang gebracht. Allein der Bezug Tötung–khele wird oft detailliert diskutiert (u.a. in Labouret 1931, S. 441 ff, Traore 1949, S. 82, Bonnafé/Fiéloux 1984, S. 83 ff, Père 1988, S. 328, sowie Cros 1990, S. 213 ff ). Cros präzisiert, dass das Doppel thuu möglicherweise aus zwei Komponenten bestehe: einer unsterblichen Komponente, die zum Ahnenstatus führen könne, sowie einer sterblichen Komponente, die quasi die Lebenskraft verkörpere, die jedoch als schädliche Kraft khele bei einer Tötung freigesetzt werde (Cros 1990, S. 123). Durch die Reinigungszeremonie werde der Mörder (der eine "legitimierte" Tötung begonnen hat, z.B. bei einer Stammesfehde) zum Kheldar (und nicht zum Milkuurdar).

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Fotogalerie Lobi Statuary-zur Bedeutung der Kopfskulpturen

Kunst und Kontext 2/2013 (Ausgabe 06). Seite 46-48. Fotos: Thomas Keller, Hans Himmelheber

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Abb. 1: Kopfskulptur der Lobi, 26.5 cm

Foto: Thomas Keller

Abb.2: Kopfskulptur der Lobi mit abgestuftem “Körper“, 42 cm

Foto: Thomas Keller

Abb. 3: Kopfskulpturen der Lobi auf Außenaltar von Biniaté Kambiré, 1965

Foto: Hans Himmelheber

Abb. 3b: Kopfskulpturen der Lobi auf Außenaltar von Biniaté Kambiré, 1965, Detail

Foto: Hans Himmelheber

Abb. 4: Erhobene Lobi-Skulpturen während eines Tanzes

aus Film: Jacques Dumas

Abb. 5: Kopfskulptur der Fon (Zeremonialstab), 41 cm

Foto: Thomas Keller

Nie wird in all diesen meist ethnologischen Forschungsarbeiten ein Bezug zu Milkuur oder Kopfstatuen hergestellt. Andererseits berichten Antongini/Spini von einer im Jahr 1976 beobachteten Initiation des kranken Kobulte zum Milkuurdar zwecks dessen Heilung (Antongini/Spini 1981, S. 152 f ). Während der Initiation wurde sein Altar des Milkuur errichtet; die zahlreichen Abbildungen dieses Altares zeigen keine Kopfstatue. Auch wird kein Bezug zu einer Tötung oder zu khele hergestellt. (Weitere sog. Milkuur-Altäre ohne Kopfstatuen bei Antongini/Spini 1981, S. 177, und Meyer 1981, S. 32, Foto Suyeux 1953/55.) Bognolo stellt zuerst nur den Bezug Milkuur–Kopfstatue her (Bognolo 1993, S. 91) und zeigt später eine Abbildung mit einer Kopfstatue auf einem Innenaltar (Bognolo 1997, S. 127). Die eingangs erwähnte Verbindung khele–Tötung mit Milkuur–Kopfstatue auf Außenaltar erfolgt 1998 und wird 2007/2008 wiederholt. Es erstaunt dabei, dass Bognolo als Beleg für ihre von der übrigen Literatur abweichende Darstellung (2007) zuerst auf eine fremde Fotografie ausweicht – diejenige von Himmelheber, die den Altar von Biniaté Kambiré zeigt. Dieser Altar scheint aber aufgrund der oben wiedergegebenen Beschreibung von Himmelheber in keinem Zusammenhang mit einer Tötung oder Milkuur zu stehen. Im Weiteren legt Bognolo ihre Quellen nicht offen. Deshalb kann nicht beurteilt werden, inwiefern ihre ohne Einschränkung formulierte Darstellung und das gezeigte Foto (Bognolo 2008, S. 11) statistisch aussagekräftig und somit signifikant für das gesamte Lobi-Gebiet sind. Angesichts der Vielfalt und Heterogenität der Kulte, wie sie beispielsweise von Labouret und Père eindrücklich geschildert wurde (Keller 2011), der von Meyer erwähnten geografischen Einschränkungen der Verbreitung von Kopfskulpturen sowie der oben zitierten widersprechenden ethnologischen Arbeiten scheint die von Bognolo gezogene Verbindung Tötung– khele–Milkuur–Kopfstatue allenfalls ein lokales Phänomen darzustellen und nicht für das ganze Lobi-Gebiet zutreffend zu sein. Wie bei den anderen bei Lobi-Skulpturen anzutreffenden Körperhaltungen lässt sich zudem auch bei der Kopfskulptur kein eindeutiger Zusammenhang zwischen Ikonografie und Funktion herstellen. Kopfskulpturen sind offenbar auf Außen- und Innenaltären zu finden, und ihre spezifische Funktion kennen nur der Wahrsager sowie sein Klient und variiert, je nach Wahrsager, lokal und zeitlich (Keller 2013).

Wie schon bei den Körperhaltungen "sitzend-gelähmt" und "hochgestreckte Arme" (Keller 2013) scheint es zielführender, die Lobi-Ikonografie hinsichtlich des Ursprungs der Gesten/Körperhaltungen zu untersuchen, anstatt diese nach Funktionen zu gliedern. Blier unterscheidet in ihrer Klassifikation von Gesten und Körperhaltungen in der allgemeinen afrikanischen Kunst u.a. "alterations as gestural expression" (Blier 1982, S. 32). Sie zeigt, dass Körper-Abwandlungen oder -Deformationen in der afrikanischen Skulptur weit verbreitet und nicht Lobi-spezifisch sind. Der Stab unter dem Kopf könnte diesbezüglich als abstrahierter/ deformierter Körper aufgefasst werden – häufig ist die Breite entlang der Achse entsprechend auch spindelähnlich variabel (Abb. 1) oder in Einzelfällen abgestuft, mit abgesetztem "Hals" (Abb. 2). Kopfskulpturen finden nicht nur bei den Lobi Verwendung (Fouchet 1966), sie sind zum Beispiel auch bei den Fang in Gabun, den Sukuma in Tansania oder aus Stein und Terracotta bei den früheren Bura in Niger zu finden. Kopfskulpturen sind auch Teil der Ikonografie der Fon im südlichen Benin (Abb. 5 und Hübner 1996, S.87, Brosthaus 2008, S. 42 f ). Wie bei den Sukuma werden sie bei den Fon als Zeremonialstäbe eingesetzt, der Stab unter dem Kopf dient dabei als Handgriff. Während Zeremonien oder Tänzen in den Händen gehaltene Figuren sind auch bei den Lobi in dem Film von Jacques Dumas im Jahr 1972 zu sehen (Abb. 4). Eine weitere, an sich naheliegende Interpretation der Kopfskulptur – nebst einem Kopf auf einem deformierten Körper oder Stab zum Einstecken in den Altar – könnte deshalb auch eine (ursprüngliche?) Verwendung in Zeremonien mit dem Stab als Handgriff sein. Dies ist natürlich nicht belegt, bis ein entsprechendes Foto gefunden wird – aber wohl nicht spekulativer als die Zuordnung zu anderen spezifischen Funktionen.

Literatur:

  • A ntongini, Giovanna; Spini, Tito: Il cammino degli antennati, I Lobi dell'Alto Volta, Laterza, Roma-Bari 1981
  • Blier, Suzanne Preston: Gestures in African art, Exh. cat., L. Kahan Gallery, Inc., New York 1982
  • Bognolo, Daniela: Devenir sculpteur chez les Lobi, in: Raoul Lehuard, Collection Arts d'Afrique Noire, Arnouville, 1993, S. 87-93
  • Bognolo, Daniela: Djetó! fait attention! Le "chemin de la sculpture" chez les Lobi du Burkina Faso, Journal des africanistes, Paris, Nr. 67 (1), 1997, S. 123-134
  • Bognolo, Daniela: L'enjeu subtil – le statut de chasseur et guerrier chez les Lobi, in: Chasseur et Guerriers, Edition Dapper, Paris, 1998, 161-187
  • Bognolo, Daniela: Lobi, 5 Continents Editions, Milan 2007
  • Bognolo, Daniela: From ritual to protection: objects in transition, Constellations – studies in African art, Neuberger Museum of Art, New York, Vol. 1, 2008, S. 11-14
  • Bonnafé, Pierre; Fiéloux Michèle : Le dédain de la mort et la force du cadavre – souillure et purification d'un meurtrier Lobi (Burkina/Haute-Volta), Etudes rurales, Editions de l'Ecole des hautes études en sciences sociales, Paris, Nr. 95-96, 1984, S. 63-87
  • Bosc, Julien: Art et culture Lobi, Cat. exp. "Magie Lobi", Galerie Flak, Paris 2004
  • Brosthaus, Karl-Heinz: Skulpturen und Objekte aus der Region des Königreiches Dahomey (Sammlung Schlothauer/ Wilhelm), Exh. cat. Skulpturenmuseum Glaskasten, Marl 2008
  • Cros, Michèle: Anthropologie du sang en Afrique: Essai d'hématologie symbolique chez les Lobi du Burkina Faso et de Côte-d'Ivoire, Editions L'Harmattan, Paris 1990
  • Dumas, Jacques: Les Tribus du Lobi, Atlas Film, 16 mm, 1972
  • Fouchet, Max Pol: La tête – Amérique, Océanie, Afrique, Cat. exp., Galerie J. Kerchache, Paris 1966
  • Himmelheber, Hans: Figuren und Schnitztechnik bei den Lobi, Elfenbeinküste, Tribus, Linden-Museum für Völkerkunde, Stuttgart, Nr. 15, 1966, S. 63-87
  • Hübner, Irene: Geestenkracht, vodun uit West-Afrika, Afrika Museum, Berg en Dal 1996
  • Keller, Thomas: Lobi Statuary, Keller Tribal Art, Lully VD, 2011
  • Keller, Thomas: Lobi Statuary – Neue Publikation zur Kunst der Lobi, Kunst&Kontext, Nr. 1, 2011, S. 32-33
  • Keller, Thomas: Lobi Statuary – Zur Bedeutung der Körperhaltungen, Kunst&Kontext, Nr. 5, 2013, S. 44-46
  • Meyer, Piet: Kunst und Religionen der Lobi, Ausstellungskatalog, Museum Rietberg, Zürich 1981
  • T raore Dominique: Cérémonies de purification chez les Lobi (Haute-Volta), Notes africaines, Institut français d'Afrique noire, Nr. 43, 1949, S. 82

Text: Thomas Keller
Fotos: Thomas Keller (Abb.1 - 2 und Abb.5), Hans Himmelheber (Abb.3)

Vielen Dank an Prof.Dr. Thomas Keller.

Autor
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

Lobi Statuary–zur Bedeutung der Kopfskulpturen; Prof.Dr. Thomas Keller; 2016; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-06-2013/769-lobi-statuary-zur-bedeutung-der-kopfskulpturen

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