Die Freude über die Geburt eines Kindes ist eine doppelte. Zum einen ein Willkommen an den neuen Weltbürger, zum anderen die Freude darüber, dass alles gut gegangen ist. Wichtig bei uns, aber noch viel mehr in jenen Teilen der Welt, wo die Geburtshilfe von traditionellen Hebammen und weiblichen Familienmitgliedern durchgeführt wird, ähnlich wie bei uns in früheren Zeiten. Ohne moderne Geburtshilfe ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind während oder nach der Geburt stirbt, etwa siebenmal und die Sterblichkeitsrate im Kindbett etwa fünfzehnmal höher als bei uns. Da die Frauen in diesen Regionen mehr Kinder bekommen, ist die absolute Wahrscheinlichkeit, das Kindbett nicht zu überleben, noch größer. Noch nicht erwähnt ist das Geburtstrauma bei Kind und/oder Mutter mit häufig ernsthaften Folgen. Glücklicherweise werden auch die ärmsten Gebiete unser Erde inzwischen allmählich etwas besser durch die moderne Geburtshilfe erreicht. Ein Beispiel ist die kleine Entbindungsstation in Koundou, mit der auch die präventive Schwangerschaftsbetreuung einen großen Schritt vorwärts gemacht hat (Abb.1).

Fotogalerie ein-ausblenden

Fotogalerie Geburten und ihre Darstellung in auSSereuropäischen Kulturen

Kunst und Kontext 2/2013 (Ausgabe 06). Seite 61-75. Fotos: Siehe Bildunterschriften

Durch Klick auf Vorschaubilder öffnet sich Vollbild.

Abb. 1: Eröffnung der Entbindungsstation in Koundou, Mali, 2012

Foto: www.dogonvrouweninitiatief.nl

Abb. 2: Halbsitzende Geburt. Zaramo (Tansania), 1950

Foto: Susan Purdin/The IRC

Abb. 3: Ankunft im Krankenhaus, nördliches Uganda

Foto: Project Anoopam Sanjivani Health Awareness

Abb. 4: Transport in einer Hängematte, Gujarat (Indien)

Foto: www.jantoo.com

Abb. 5: Karikatur „Glückwunsch, Drillinge“
Foto: nike.lotekk.net/archives/ntag/pregancy
Abb. 6: Neolithische Felszeichnung der Pilbara, Australien, um 16 000 vor Chr.

Foto: Welcome Library

Abb. 7: Halbliegende Geburt, Rom, um 300 nach Chr.

Foto: Thorwald, Jürgen : Heelmeesters, Den Haag, 1962, S. 213 und 97

Abb. 8: Halbliegende Geburt, Luristan, um 500 vor Chr.

Foto: barakatgallery.com

Abb. 9: Halbliegende Geburt, Costa Rica, um 600 vor Chr.

Foto: art.com/products/p9788647658-sa-i5571965/pre-columbian-statuette-of-a-woman-giving-birth.htm?sorig

Abb. 10: Stehende Geburt, Präkolumbianisch

Foto: Lefèber 1984, S. 30, 31, 30, 6, 28

Abb. 11: Stehende Geburt, Apache (USA), Ende 19. Jahrhundert

Foto: Plosz, Heinrich und Bartels, Max 1905, S. 113, 137, 79

Abb. 12: Majolika Schale, Italien, 16. Jahrhundert

Foto: Lefèber 1984, S. 30, 31, 30, 6, 28

Abb. 13: Stehende Geburt, Afrika, um 1885

Foto: Unicef 1995

Abb. 14: Hockende Geburt in einem Medizinischen Lehrbuch

Foto: Privatsammlung, Foto Marchinus Hofkamp

Abb. 15 a und b: Hockende Geburt auf einem Hauspfosten, Timor

Foto: Dumbarton Oaks Research Library

Abb. 16: Hockende Geburt, Tlazolteotl, Göttin der Azteken, um 1 400 nach Chr.

Foto: visualizingbirth.org/the-goddess-kali-and-a-posture-for-birth

Abb. 17: Geburt der Welt durch die Göttin Kali (Indien), um 800 nach Chr.

Foto: karnatakatravel.blogspot.nl

Abb. 18: Hockende Geburt, Tarakeshwara Tempel, Indien, um 1 700 nach Chr.

Foto: nike.lotekk.net/archives/ntag/pregancy

Abb. 19: Hockende Geburt, Europa, 20. Jahrhundert

Foto: Thorwald, Jürgen : Heelmeesters, Den Haag, 1962, S. 213 und 97

Abb. 20 links: Hockende Geburt, Ägypten, 2 500 vor Chr.

Foto: nike.lotekk.net/archives/ntag/pregancy

Abb. 21; Hockende Geburt, Hathor Tempel in Dendera (Ägypten), 100 vor Chr.

Foto: nike.lotekk.net/archives/ntag/pregancy

Abb. 22: Gebärstuhl, Athen (Griechenland), 4. Jahrhundert vor Chr.

Foto: archeolog-home.com/pages/content/childbirth-and-c-sections-in-bioarchaeology.html

Abb. 24: Gebärstuhl, Lutus Sutra (Chin) China, 1 000 nach Chr.

Foto: Starobinski 1965, S.21

Abb. 25: Gebärstuhl, Mesopotamien, 1 300 nach Chr.

Foto: nike.lotekk.net/archives/ntag/pregancy

Abb. 26: Gebärstuhl, Indien, 1 500 nach Chr.

Foto: Museum für Völkerkunde, Berlin

Abb. 27: Gebärstuhl, Moche-Kultur Peru, 500 nach Chr.

Foto: Plosz, Heinrich und Bartels, Max 1905, S. 113, 137, 79

Abb. 28: Liegende Geburt, Abraham Bosse, Niederlande, 17. Jahrhundert

Foto: wikimedia.org/wiki/File:Eucharius_Rößlin

Abb. 29: Gebärstuhl, Deutschland, 16. Jahrhundert

Foto: Wellcome Library

Abb. 30: Gebärstuhl, Frankreich, 18. Jahrhundert

Foto: nike.lotekk.net/archives/ntag/pregancy

Abb. 31: Gebärstuhl, Nordamerika, 19. Jahrhundert

Foto: Lefèber 1984, S. 30, 31, 30, 6, 28

Abb. 32: Stehend-hängende Geburt, Apachen, Ende 19. Jahrhundert

Foto: Lefèber 1994, S. 36, 35, 37.

Abb. 33: Sitzende Geburt, Hutu (Ruanda), um 1970

Foto: Lefèber 1994, S. 36, 35, 37.

Abb. 34 a: Halbsitzende Geburt, Tschokwe (Angola), um 1900 (?)

Foto: foto Marchinus Hofkamp

Abb. 34 b: Halbsitzende Geburt, Tschokwe (Angola), um 1900 (?), Detail

Foto: foto Marchinus Hofkamp

Abb. 35: Halbsitzende Geburt, Bronze, Kameruner Grasland

Foto: Melchior 1950, S. 251, 230

Abb. 36: Halbliegende Geburt, Antonio Vasquez Yojcom, Maya (Guatemala), rezent

Foto: artemaya.com/newsletter_13.htm

Abb. 37: Seitlich liegende Geburt, Afrika, rezent

Foto: Unicef 1995

Abb. 38: Kniende Geburt, Bernard Zinsou (Benin), rezent

Foto: Bernard Zinsou, Benin

Abb. 39: Kniende Geburt, Zulu (Südafrika), 1960, rezent

Foto: Lefèber 1984, S. 30, 31, 30, 6, 28

Abb 40 a: Urhobo, kniend, um 1900, rezent

Foto: Plosz, Heinrich und Bartels, Max 1905, S. 113, 137, 79

Abb 40 b: Urhobo, kniend, um 1900, rezent, Detail

Foto: Plosz, Heinrich und Bartels, Max 1905, S. 113, 137, 79

Abb. 41: Kniende Geburt, Kom-Boro Tempel, um 50 vor Chr.

Foto: schoolhouseranch.blogspot.nl/2010/11/cruising-nile.html

Abb. 42: Kniende Geburt, Cleopatra, vor Chr.

Foto: Lefèber 1984, S. 30, 31, 30, 6, 28

Abb. 43: Kniende Geburt, Zypern, um 500 vor Chr.

Foto: fr.wikipedia.org/wiki/Fichier:NAMA_Accouchement_1.jpg

Abb. 44: Kniende Geburt, Costa Rica, 1000-1400 nach Chr.

Foto: nike.lotekk.net/archives/ntag/pregancy

Abb. 45: Kniende Geburt, Mexiko, präkolumbianisch

Foto: the-great-learning.com/greenman-mx1.htm

Abb 46: Stehende Entbindung, Lobi, Burkina Faso, 20. Jahrhundert

Foto: Scanzi 1993, S.87

Abb. 47: Geburt im Vierfüßlerstand, Ashanti (Ghana)

Foto: Lefèber 1994, S. 36, 35, 37.

Abb. 48: Geburt im Vierfüßlerstand, Lehrbuch

Foto: Unicef 1995

Abb. 49: Geburt im Vierfüßlerstand, Europa, rezent

Foto: nike.lotekk.net/archives/ntag/pregancy(?) ODER telegraph.co.uk(?) (Abb. 49 ist doppelt aufgelistet)

Abb. 50: Geburtsfetisch der Fon, Benin

Foto: (Keine Angabe)

Abb. 51: Geburtsfetisch der Dogon, Mali

Foto: (Keine Angabe)

Abb. 52: Püppchen der Zaramo, Tansania

Melchior 1950, S. 251, 230

Abb. 53: Sankt Anna , um 1200

Foto: (Keine Angabe)

Vorher mussten dort gebärende Frauen in Kindsnöten mindestens zehn Kilometer auf einer Tragbahre transportiert und dann noch 250 Meter eine steile Felsenwand hinaufgeschleppt werden, um endlich in der kleinen Klinik von Sangha anzukommen. Sehr viel Anstrengung und Schmerz, aber vor allem ein oft dramatischer Verlust von Zeit. Denn die Chance einer erfolgreichen Geburt sinkt nach etwa einer Stunde Presswehen schnell.

Natürlich findet sich nicht überall und in jedem Entwicklungsland so ein steiler Berg vor einer Entbindungsklinik, aber auch in günstigerem Umfeld ist Zeitverlust noch immer ein gefürchteter Gegner (Abb. 3).

Dabei denke ich an meine Zeit als Tropenarzt im Kongo (1973-75). Wie dort die Frauen im Krankenhaus ankamen, nachdem sie stundenlang in einer Hängematte getragen worden waren (Abb. 4).

Man wagt sich nicht vorzustellen, was sich schon daheim abspielte: Häufig war es harter Druck der Hebamme auf die Gebärmutter, um das unwillige Kind herauszudrücken, sowie das Einreiben der Vagina mit allerlei Heilkräutern und magischen Blättern, um das Kind zu locken. Das Herzchen klopfte noch manchmal, aber das Baby überlebte die lange Dauer der Entbindung meistens nicht. Es gelang mir damals nur mit viel Mühe und Überzeugungskraft, die im Krankenhaus arbeitenden Hebammen zu lehren, wie der Physiologie der natürlichen Entbindung durch einfache Mittel etwas nachgeholfen werden kann. Der Grund war, dass die Hebammen meine westliche, für sie neuartige Denkweise nicht verstanden, denn diese war das Spiegelbild ihrer Ideen. Sie sahen primär nicht die Frau als wirkende, das Kind hinaustreibende Kraft, nein, es war das Kind selbst, das seinen Weg nach draußen suchen musste. Und wenn das nicht gut gelang, war der Grund der Wille oder die Kraft des Kindes. Dessen Wille war beeinflussbar durch Heilkräuter und magische Rituale, aber seine Kraft nicht. Und wenn das Kind nach Stunden des Pressens geboren war, schlaff bei der Mutter lag und nicht atmete, da war ihre Schlussfolgerung: "Sieh mal, was für ein schlaffes Kind das ist, wir sagten es schon!". Damit schien auch eine Reanimation sinnlos und unerwünscht, denn: "Wer wünscht sich so ein schlaffes Kind, das kann niemals etwas Gutes werden!".

Diese konträre Vorstellung des Gebärens, dass die Aktivität des Kindes den Fortgang der Geburt bestimmt, beschränkt sich nicht auf das Volk der Azande im Kongo. Ein ähnlicher Gedanke findet sich z. B. bei den Tohono O'odham-Indianern in Südost-Arizona, die damals noch Papagos genannt wurden: "Die Papagos Indianer stellen sich vor, dasz der Charakter des Fetus einen guten Teil Schuld an einer etwa vorkommenden Verzögerung bei der Entbindung trage; je bedeutender die letztere sei, umso besser, wenn Mutter und Kind sterben, als dass zum Schaden des Volkes eine solche Nachkommenschaft das Licht der Welt erblicke."1

Versuche, das Kind mit Wohlgeruch in der Nähe des mütterlichen Genitales aus der Gebärmutter zu locken oder mit Gestank in der Nähe der mütterlichen Nase, um das Kind nach unten zu verjagen, finden wir in der europäischen Geschichte z. B. im 17. Jahrhundert oder zur Zeit des Hippocrates in Griechenland.2 Auch hier der Gedanke, dass die Befreiungsaktivität des Kindes die Hauptrolle spielt. Vierhundert Jahre nach Hippocrates lesen wir in dem Protoevangelium des Jakobus über den Willen des Kindes: "Auf dem Esel reiste die hochschwangere Maria, bis sie sagte: ,Jozef, heb mich von diesem Esel, denn das Kind in mir drängt und will erscheinen'." Allerdings müssen wir gar nicht so weit in die Vergangenheit zurück, um ähnlich umgekehrte Gedanken z.B. in den Niederlanden zu begegnen. "Mehrfach wurde mir bei der Geburt eines asphyctisches (durch Mangel an Sauerstoff ) Kindes versichert, es sei kein Wunder, dass die Entbindung so lange dauerte, da das Kind selbst nicht mitarbeiten konnte."3

Und heute, in unserer Zeit? Die werdende Mutter, deren Geburtstermin überfällig ist, kann man über das Kind in ihrem Bauch seufzen hören: "Es hat offensichtlich noch keine Lust, herauszukommen, es liebt noch die Wärme drinnen". Doch unsere Hebammen wissen es glücklicherweise besser.

Natürlich ging es auch im Kongo meist gut bei den Geburten. Dann war die Freude der Mutter über den ersten Schrei des Kindes zu hören, der gleich von ihr beantwortet wurde, immer wieder: WÈÈÈÈ – èèèèèè - WÈÈÈÈ – èèèèèè - WÈÈÈÈ – èèèèèè – usw. Es war rührend, mit anzusehen, wie die afrikanischen Mütter von Beginn an das Band mit ihrem Kind erspürten und aufbauten. Körperliche und sprachliche Kommunikation ist dort tief verwurzelt. Da können wir wieder viel lernen, denn bei uns fragen sich junge Mütter noch: "Hört es schon, wenn ich etwas sage?", oder nach einem Monat: "Sieht er schon etwas?".

Eine Geburt ist dort, wie bei uns vor etwa fünfzig Jahren, allein eine Frauenangelegenheit. Hier hat sich viel verändert, verglichen mit einer Karikatur aus den 1960er-Jahren: Der im Korridor wartende Mann, dem berichtet wird, dass er Drillinge bekommen hat (Abb. 5). Heute hat der Mann seinen Platz am Kopfende des Geburtbettes seiner Frau, um ihr beizustehen.

Viele Männer fühlen sich dort hilflos, weil sie physisch nichts beitragen, nur psychisch unterstützen können. Das ist nicht einfach, ist doch das Gebären eine einsame Spitzenleistung der Frau, eine Leistung, die nicht misslingen darf, schon gar nicht in einem so genannten Entwicklungsland. Am Rande erwähnen möchte ich die bei uns manchmal zu weit reichende ‚Emanzipation'. Also den Mann, der am Fußende stehend seine Videokamera auf das Genital seiner Frau richtet, um später die Bilder der Familie und Freunden zu zeigen. Ist das die Emanzipation? Oder gibt die Kamera dem werdenden Vater, der sich in dieser Situation unwohl fühlt, einen Grund, um sich nicht mit der Entbindung und seiner Frau beschäftigen zu müssen? Er versteckt sich hinter seiner Kamera, schafft Distanz und ist dabei auf der falschen Seite des Bettes.

Liegende und stehende Geburtsdarstellungen

Interessanterweise sind Darstellungen der Geburt in der Kunst, vor allem in der tribalen Kunst, auffallend selten. So vielen Fruchtbarkeitssymbolen wir begegnen in Form von Brüsten, schwangeren Bäuchen, Phalli und Vulven, so wenige Abbildungen von Gebärenden konnte ich in Afrika, Amerika und Asien finden. Erst der Moment gleich nach der Geburt, also die Mutter mit ihrem Kind, ist wieder häufig dargestellt. Ersten Geburtsabbildungen begegnen wir auf Felszeichnungen vor über 18 000 Jahren in Australien. Zwei Frauen, eine hochschwanger und eine, die in diesem Moment ihr Kind gebärt, wahrscheinlich in stehender Haltung (Abb. 6).

Geht das, stehend gebären? Bei uns in Europa gebären die Frauen (halb-)liegend, wie auf einem anderen neolitischen Bild wahrscheinlich aus der Sahara (Abb. 6 rechts) sowie auf einem römischen Relief (Abb. 7) oder auf eine alten Brosche aus Iran (Abb. 8) zu sehen ist.

Auch eine präkolumbianische Terrakotta-Figur aus Costa Rica (Abb. 9) zeigt die für uns so vertraute Haltung, ebenso wie eine präkolumbianische Figur, aus der das Kind herausrollt (Abb. 10).

Eine Zeichnung stellt dar, wie bei den Apache-Indianern am Ende des 19. Jahrhunderts die Geburt im Stehen von zwei Helfern unterstützt wurde (Abb. 11). Offensichtlich war diese Gebärweise weit verbreitet.

Und auch in unserer Region kannte man die Geburt in stehender Haltung, wie auf dieser italienischen Majolika-Schüssel des 16. Jahrhunderts zu sehen ist (Abb. 12).

In dem Büchlein "Traditionelle Hebamme in der Dritten Welt" findet sich das Bild einer Frau, die stehend, unterstützt durch andere Frauen, gebärt, mit dem Kommentar, irgendwo in Afrika um 1885 (Abb. 13).

Hockende Geburtsdarstellungen

Im Kongo sah ich zufällig bei den Azande eine hockende Gebärhaltung, bei der die Mutter im Rücken durch eine andere Frau gestützt wurde. Eigentlich sollten die Frauen auf Anweisung der Mobutu-Regierung nur noch in Krankenhäusern in abendländisch- liegender Haltung gebären, ursprünglich eine koloniale, belgische Vorschrift. Die Hebammen verwendeten ein normales westliches Bett, nicht unsere heutigen Geburtsbetten, nein, ein normales Bett mit Gummidecke und tiefer Senke. Frauen, die weit entfernt von einem Krankenhaus wohnten, ignorierten diese Vorschrift. Wenn sie aber in der Nähe wohnten, konnten sie das nicht. Und wenn die Entbindung schneller ging als erwartet, dann wurde ein Bote mit der Bitte, die Frau zu holen, ins Krankenhaus geschickt. Der ankommende Wagen wurde dann oft schon von dem Mann erwartet, der mit dem Schimmer eines Öllämpchens den Weg wies. Neben ihm seine Frau, die ihr Kind schon geboren hatte, sowie die Schwiegermutter mit dem Baby in den Armen und einer Pflanzenfaser um die Nabelschnur. Manchmal war die Mutter noch zu Hause und das Kind noch nicht geboren, dann durfte der Arzt auf seinen Knien feststellen, wie weit es war und ob ein Transport ins Krankenhaus noch zu verantworten war.

Eine Hockhaltung ist gut möglich, aber nur wenn die Hocke eine vertraute tägliche Haltung ist. Und so sehen wir eine im westlichen Stil gezeichnete Abbildung dieser Geburtshaltung in einem medizinischen Lehrbuch in Afrika (Abb. 14).

Eine hockende Haltung können wir Abendländer nicht lange durchhalten. Mein niederländisch-indonesischer Anatomielehrer erläuterte uns, welche Besonderheit es einem Javaner ermöglicht, stundenlang und bequem gehockt sitzen zu können, und uns Europäern nicht. Die Ursache ist ein kleiner Formunterschied der Fußwurzelknochen. Talus und Calcaneus, die beiden größten Fußwurzelknochen, greifen in etwas anderer Art ineinander. Die Hockhaltung einer gebärenden Frau ist deutlich auf einem Hauspfosten von der Insel Timor zu erkennen (Abb. 15).

Ein Detail gefällt mir an diesem Pfosten besonders: Das brütende Huhn oben, auf dessen Rücken ein Dachbalken ruht. Es verweist auf den Nachwuchs, der unterwegs ist, während unten bei der gebärenden Frau von dem Kind noch gar nichts zu sehen ist. Aber der gewölbte Bauch ist offensichtlich, und die Handhaltung deutet auf ‚pressen'. Das ist außergewöhnlich, denn normalerweise ist der Moment der Kindsaustreibung abgebildet. Wenn man die Darstellungen der Hockentbindung resümiert, dann zeigt sich, dass diese Haltung an vielen Orten der Welt verbreitet war. Zwei weitere Beispiele sind die Aztekische Göttin Tlazolteotl (Abb. 16) und die Hindu Göttin Kali (Abb. 17).

Nicht nur Göttinnen, auch Frauen von niedriger Abstammung gebären im Hocken, wie man auf einem Relief des Tarkeshwar Tempel sehen kann (rechts in Abb. 18).

Gut zu erkennen ist, wie die Frau im Rücken durch eine andere Frau gestützt wird. Eine dringend notwendige Stütze, die in mehreren Szenen dargestellt ist.

In diesem Zusammenhang hat mich die folgende moderne, europäische Skulptur besonders beeindruckt: Eine einsam gebärende Frau, die ihren Rücken gegen einen breit wurzelnden Baum stützt (Abb. 19)

Gebärstuhl

Das älteste Bild einer hockend gebärenden Frau kennen wir aus Ägypten. Dargestellt sind Fußerhöhungen, auf denen sie sitzt, um so dem kommenden Kind mehr Raum zu lassen (Abb. 20, links). Ein weiteres Bild im Tempel von Hathor zeigt eine Art von Stuhl ohne Sitz, aber mit Rückenstütze und Armlehne, an denen sich die Frau festhält (Abb. 21).

Die alten Griechen kannten eine Art Gebärstuhl mit einer Aussparung zwischen den Beinen, auf dem die Frau halb sitzen konnte (Abb. 22). Dieses Sitzmöbel konnte in der Höhe variieren. Auch zuzeiten der Römer wurde dieses verwendet, wie die Abbildung eines römischen Fassadenelementes (Abb. 23) zeigt, und etwa tausend Jahre später finden wir es auf einer Abbildung sehr viel weiter entfernt, in China (Abb. 24). Ebenso im 13. Jahrhundert in Mesopotamien (Abb. 25), im 15. Jahrhundert auch in Indien (Abb. 26) und etwa zeitgleich in Mittel-Amerika (Abb. 27).

Auch in Europa waren Gebärstühle nicht unüblich. Natürlich wurden die Kinder auch im Bett zur Welt gebracht, wie man auf dem folgenden Bild aus dem 17. Jahrhundert sieht (Abb. 28). Aber ab dem 16. bis in das 20. Jahrhundert findet man auch bei uns etliche Abbildungen von Stuhlentbindungen (Abb. 29-31).

Das relativiert die häufig geäußerte Vorstellung, dass das ‚Gebären in liegender Haltung die Beste ist' mit der Begründung, weil wir es immer so gemacht haben'. Es ist also durchaus berechtigt, dass der Widerstand gegen die liegende Gebärhaltung wächst. Ein wichtiges Gegenargument ist, dass im Liegen die Schwerkraft nicht behilflich ist. Ein anderes Argument aus feministischer Sicht lautet, dass die liegende Haltung vor allem der Bequemlichkeit (männlicher) Ärzte dient. Wie könnte ich da widersprechen?

Die hockende Geburt wird für die meisten westlichen Frauen nicht geeignet sein, aber der Gebärstuhl könnte sich als Alternative durchaus etablieren. Kultur ist flexibler, als man denkt. Wer an dieser Flexibilität zweifelt, der kann noch einmal die vorherigen Bilder aufmerksam betrachten. Sicher, ich hatte bemerkt, dass das Gebären eine Frauenangelegenheit war und sich der Mann erst in den letzten fünfzig Jahren beteiligte. Das ist richtig, denn lange hat die viktorianische Moral die Kultur im Geburtsraum geprägt. Aber auf den Abbildungen dieser Zeit (und vorher) sehen wir trotzdem Männer (sicher nicht nur Ärzte), die manchmal richtig bei der Entbindung helfen (Abb. 28, 30, 31). Nicht nur in Europa, sondern auch z.B. bei den Apachen (Abb. 11). Diese Zeichnung berührt durch die maximal unterstützende Rolle des Mannes bei der Entbindung. Offensichtlich war die Geburt etwas, das Frau und Mann gemeinsam vollbrachten! Wäre diese Geburtsvariante auch für uns geeignet? Wohl eher nicht, denn erstens sind nur wenige westliche Männer dafür kräftig genug und zweitens kann die Position der Hebamme auf der Rückseite verwirrend sein, wenn man diese nicht gewohnt ist. Und was machten die Apachen im Falle der Abwesenheit des Mannes, zum Beispiel während der Jagd? Dann halfen sich die Frauen, wie im folgenden Bild dargestellt (Abb. 32), mit einer Hebevorrichtung, die nicht sehr praktisch aussieht. Übrigens kann aus den Grashalmen (Abb. 11) gefolgert werden, dass Entbindungen bei den Apachen auch draußen stattfinden konnten.

Geburtsdarstellungen in Afrika

Geburtsdarstellungen auf Figuren, Reliefs und Malereien haben wir bisher in Ägypten, Griechenland, Rom, Indien, China und Amerika nachweisen können. Waren diese schon nicht zahlreich zu finden, dann wird es nun in Afrika noch karger. Aber es gibt sie, so z. B. eine Terrakotta der Hutu (Abb. 33). Die Frau sitzt auf einer kleinen Anhöhe, also einer Art von Gebärstuhl

Auch auf dem Foto eines Stuhles der Tschokwe ist in einem Rahmen eine halbsitzend gebärende Frau auf einem Bett zu sehen. Das Kind befindet sich schon fast vollständig außerhalb des Mutterleibes (Abb. 34).

Eine authentische Darstellung, obwohl dieser Stuhl deutlich europäische Einflüsse aus dem 17. Jahrhunderts zeigt. Ein afrikanisches Geburtsbett finden wir dann auch bei einer Bronze-Figur des Kameruner Graslandes, auch hier die Frau in halbsitzender Haltung (Abb. 35). Das Bett war aus einer speziellen Holzart anzufertigen.

Ein ostafrikanisches Geburtsbett sehen wir auf einer Zeichnung von Adolf Melchior, einem Frauenarzt, der seine Reiseerzählungen selbst illustrierte (Abb. 2). Eine halbsitzend gebärende Frau der Zaramo in Tanganjika (Tansania) auf einem einheimischen Bett, unterstützt durch andere Frauen.

Halbliegende und kniende Geburtsdarstellungen

Ein Bett ist etwas Schönes, selbstverständlich, aber es gibt viele Völker, die gar keines haben. Nur eine Schlafmatte auf dem harten Boden, wie auf dem folgenden Bild so schön gezeigt, eine augenscheinlich gemütliche Szene in Guatemala. Gemütlich? Mit so vielen Anwesenden, von denen nur zwei beteiligt sind, in diesem kleinen Raum, und dann die Frau, die sich in ihren Schmerz buchstäblich verbeißt, mir scheint das nicht so gemütlich (Abb. 36). Liegend, auch halbliegend auf einer harten Schlafmatte zu gebären, das geht natürlich, wenn man gewohnt ist, so zu schlafen. Auch auf der Seite liegend, wie in einem afrikanischen Bildungsbüchlein (Abb. 37).

Auch die kniende Geburt ist eine gute Alternative, zu sehen auf einem Bild des modernen Künstlers Bernhard Zinsou aus Benin (Abb. 38). Anstelle der Unterstützung im Rücken kann auch ein über den Firstbalken geschlungenes Seil gut helfen, wie hier auf dem Foto einer Entbindung bei den Zulu (Abb. 39). Und eine Figur der Urhobo (Abb. 40). Die Frau trägt wie eine Karyatide ein Tablett, auf dem ein Mann kniet. Oder hängt sie an diesem Tablett, auf ähnliche Weise wie die Zulu Frau mit einem Seil?

Wie zu erwarten kennt man auch in anderen Teilen der Welt die kniende Gebärhaltung. So z. B. zu sehen auf einer ägyptischen Inskription (Abb. 19, rechts), auf einem Relief (Abb. 41) und auf einer Zeichnung, auf der die Entbindung Kleopatras (Abb. 42) dargestellt sein soll. Auch die fünfhundert Jahre ältere Figur aus Zypern (Abb. 43) zeigt eine Entbindung in kniender Haltung. Ebenso wie die beiden Figuren aus Mittelamerika, die eine aus Costa Rica (Abb. 44) und die andere aus Mexiko (Abb. 45).

Möglicherweise ist den Müttern und den ‚Geburtsexperten' beim Betrachten der Bilder aufgefallen, dass bei Geburtsabbildungen sehr oft das Gesicht des Säuglings nach vorne zeigt, also das Kind die Mutter während der Geburt ‚ansieht' (Abb. 8, 9, 10, 17, 27, 35, 42-45). Nur das Kind der Göttin Tlazolteotl (Abb. 16), wird mit dem Hinterkopf nach vorn 'normal' geboren. Was er als Göttersohn dadurch kompensiert, dass er froh in die Welt guckt. Und nur eine tribale Abbildung habe ich finden können, auf der das Kind auf normale Weise nach hinten schaut, eine Figur der Lobi (Abb. 46).

Bei den übrigen Bildern kann man das Gesicht entweder nicht gut erkennen oder das Kind schaut zur Seite, letztere Haltung eine normale Phase jeder Entbindung. Ist es also Zufall oder künstlerische Freiheit all dieser Künstler, dass sie das Kind so oft nach vorne blicken lassen, obwohl die Natur den umgekehrten Verlauf als ‚normal' diktiert? Letzteres scheint mir doch sehr wahrscheinlich. Vielleicht, weil es hübscher ist, auch das Gesicht des Kindes zu zeigen.

Weitere Geburtsdarstellungen

Waren dies nun alle Typen von Gebärhaltungen auf Abbildungen? Nein, eine weitere Variante findet sich in dem Gestell eines Hockers der Ashanti, eine Frau im Vierfüßlerstand, also auf Händen und Füßen (Abb. 47). Praktisch kann man sich das vorstellen wie auf der folgenden Zeichnung eines medizinischen Lehrbuches (Abb. 48). Die Schwerkraft wirkt hier übrigens nicht unterstützend mit.

Zeigen möchte ich in diesem Zusammenhang auch eine moderne Skulptur, naturalistisch, aber auch wieder surrealistisch (Abb. 49). Sie zeigt die Sängerin Britney Spears während der Geburt ihres Sohn Sean. Sie ist offensichtlich hochschwanger, aber der durchgebogene Rücken widerspricht einer Gebärhaltung. Und in welcher Beziehung steht der magische Wolfskopf dazu? (Der Künstler ist Daniel Edwards. Er hat die Figur für "ProLife" gestaltet; tatsächlich wurde Sean mit Kaiserschnitt geboren.)

Geburtsfetische

Von den bisher abgebildeten alten Objekten kennen wir die Funktion meist nicht. Stand z. B. der Hauspfosten von Timor am Hauseingang einer Hebamme? Oder war es ein Fruchtbarkeitszeichen, das man da und dort finden konnte? Auch der Tschokwe- Stuhl und der Ashanti-Hocker werden wohl eine zeremonielle Funktion in Verbindung mit Fruchtbarkeit gehabt haben.

Bei den folgenden drei Objekten kennen wir die Funktion genauer, es sind Geburtsfetische. Zuerst eine Opferschale der Fon aus Benin, die kürzlich im Afrika Museum Berg en Dal (Niederlande) zu sehen war (Abb. 50).

Eine Schüssel ist mit Eisenstäbchen gefüllt. Sie gleichen mit den aufgesetzten Eisenplättchen kleinen Regenschirmen. Hochschwangere Frauen stecken diese Eisenstäbchen als Opfer für den Gott Gu mit der Bitte in die Schüssel, dass die Entbindung erfolgreich verlaufen möge. Dieser Brauch ist ähnlich bei den Dogon zu beobachten, die einen kleinen Nagel durch ein Eisenplättchen in ihren Geburtsfetisch schlagen (Abb. 51).

Diese kleine Dogon-Figur hat sehr lange Unterschenkel, zwischen denen sich ein Amulettpüppchen befindet, es ist also eine richtige Geburtsdarstellung. Sie diente der magischen Unterstützung der Entbindung4. Wegen der langen Unterschenkel ist die Gebärhaltung nicht eindeutig: stehend? im Hocksitz? Soweit mir bekannt, ist die Gebärungshaltung bei den Dogon meist halbsitzend.

Melchior beschreibt bei den Zaramu den Gebrauch von Gebäramuletten in Form "einer roh geschnitzten Holzpuppe, die durch den mganga (Medizinmann) mit Heilkraft für eine leichte Entbindung aufgeladen war."5 Das gezeichnete Püppchen im entsprechenden Kapitel zeigt höchstwahrscheinlich diesen ,Geburtsfetisch', leider erwähnt Melchior dies nicht explizit (Abb. 52).

Bei genauer Betrachtung der Entbindungsabbildung der Kleopatra (Abb. 42) ist festzustellen, dass die hinter ihr stehende Frau in jeder Hand das Ankh-Zeichen trägt – das ägyptische Symbol von Lebenskraft. Und bei uns: Wie viele Frauen haben mit einem Kruzifix in der Hand ihr Kind geboren oder mindestens mit einem Kruzifix in Sichtweite?

ANMERKUNGEN / Fußnoten

  • 1 Bakker, Cornelis: Volksgeneeskunde in Waterland. Amsterdam 1928, S. 84
  • 2 Ebd.
  • 3 Ebd.
  • 4 Hofkamp, Marchinus: Unexpected Aspects in Dogon Art, Apeldoorn 2012, S. 32
  • 5 Melchior, Adolf: Schoonheid en bijgeloof in Oost-Afrika, Haarlem 1950, S. 32

Literatur

  • Bakker, Cornelis: Volksgeneeskunde in Waterland. Amsterdam 1928
  • Hofkamp, Marchinus: Unexpected Aspects in Dogon Art, Apeldoorn 2012
  • Lefèber, Yvonne: Traditionele Vroedvrouwen in de Derde Wereld, Berg en Dal, 1984
  • Lefèber, Yvonne: Een kind van twee werelden, Berg & Dal, 1994
  • Melchior, Adolf: Schoonheid en bijgeloof in Oost-Afrika, Haarlem 1950
  • Plosz, Heinrich und Bartels, Max: Das Weib in der Natur und Völkerkunde, Leipzig, 1905
  • Scanzi, Giovanni Franco: Lobi Traditional Art, Bergamo, 1993
  • Starobinski, Jean: Geschiedenis van de geneeskunst, Amsterdam, 1965
  • Unicef: Healthy women, healthy mothers: an information guide, New York, 1995

Text: Marchinus Hofkamp
Übersetzung: Marchinus Hofkamp, Andreas Schlothauer

Vielen Dank an Marchinus Hofkamp.

Autor
Marchinus Hofkamp
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

Geburten und ihre Darstellung in außereuropäischen Kulturen; Marchinus Hofkamp; 2016; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-06-2013/780-geburten-und-darstellung-in-aussereuropaeischen-kulturen

Nutzungsrechte / Urheberrechte

Beachten Sie die Rechte des / der Urheber! Wenn Sie Artikel übernehmen wollen, fragen Sie nach! About Africa leitet Ihre Anfrage dann gerne an die/den Urheber weiter.

Bei korrekter Zitierweise ist die Übernahme von kleineren TEXT-Ausschnitten ohne Rückfrage erlaubt.

Bilder und andere multimediale Inhalte bedürfen immer der Freigabe durch den/die Urheber.

Disclaimer

Viele Autoren, viele Meinungen! about-africa.de ist nicht verantwortlich für Richtigkeit der angezeigten Inhalte. Wir entfernen natürlich Falsches oder kommentieren im Text, wenn etwas zu hinterfragen ist, jedoch nur soweit wir es beurteilen können oder uns widersprüchliche Ansichten bekannt sind. Wir sind keine Fachleute und sind nicht in der Lage, Fachwissen im Detail auf Richtigkeit zu prüfen. Wir sind jederzeit bereit, Gegenreden zu veröffentlichen.