Da afrikanische Kunstwerke vorwiegend kultisch verwendet werden, taucht zwangsläufig die Frage nach ihrem religiösen oder magischen Kontext auf. Detailinformationen hierüber erweisen sich aber häufig als zweifelhaft oder unverständlich, sodass eine Klärung der Grundbegriffe Kult, Religion und Magie als notwendig und sinnvoll erscheint.

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Kunst und Kontext 2/2013 (Ausgabe 06). Seite 76-77. Fotos: Maciej Rusinek

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Abb. 1: Hemba, Bananenesser mit Pelzschurz

Foto: Maciej Rusinek

Abb. 2: Baule, Colon-Figur

Foto: Maciej Rusinek

Abb. 3: Hemba, Affenmaske (soko mutu)

Foto: Maciej Rusinek

Abb. 4: Baule, Maskenkopf aus Bronze

Foto: Maciej Rusinek

Bei einem Blick in die ethnologische Literatur überrascht die Vielfalt und Verschiedenheit der dargebotenen Definitionen. Jeder Ethnologe von Rang kocht seine Süppchen nach eigenen Rezepten, was diese Wissenschaft insgesamt als pubertär und weit von einem Reifegrad entfernt ausweist. Wenn schon die Fachleute sich keinem wissenschaftlichen Common Sense verpflichtet fühlen, sieht man als Laie erst recht keine Notwendigkeit, sich an irgendwelche Vorgaben gebunden zu fühlen. Und so definiere auch ich – selbstverständlich nach Sichtung und Auswertung des historischen Materials – im Folgenden privat, was ich für plausibel halte. Ich bin mir durchaus bewusst, dass ich hierbei fremde Gedanken plündere. Aber schließlich stehen wir alle auf den Schultern unserer Vorfahren.

Bei der Definition von Kult erlaube ich mir zwei Ungeheuerlichkeiten. Zum einen setze ich die Begriffe Kult, Ritus und Ritual gleich, und zum anderen verzichte ich auf die bei den meisten Ethnologen übliche Einbeziehung von Transzendenz.

Kult (Ritus, Ritual) ist körperliches und sprachliches Handeln, das außerhalb des alltäglichen Geschehens stattfindet, durch strikte Beachtung von Regeln gekennzeichnet ist und keinen rationalen Zwecken dient.

Erkenntnisgrundlage dieser vierteiligen Definition ist eine ähnliche Begriffsbestimmung von Fritz Kramer im Wörterbuch der Ethnologie, das Bernhard Streck herausgegeben hat, die jedoch meines Erachtens unvollständig ist. Einmal fehlt dort das Charakteristikum des nicht Alltäglichen, zum andern vermisse ich dort das Momentum der Striktheit bei der Regelbeachtung. "Qui cadit a syllaba, cadit a causa." Die in anderen Kultdefinitionen zu findenden Bezüge zu Symbolen, Sozialstrukturen, Lebensprinzipien und Transzendenzen sind allesamt nicht signifikant und daher überflüssig. Reflexionswürdig erscheint allenfalls die von Johan Huizinga aufgestellt interessante These, wonach Kulte Spiele sind, mit der sich Adolf Ellegard Jensen in "Mythos und Kult bei Naturvölkern" auseinandergesetzt hat. Sie bedarf hier jedoch keiner Erörterung, weil sie zum Verständnis eines kultischen Kontextes nichts oder wenig beitragen kann.

Religion ist der mehr oder weniger institutionalisierte Glaube an sinnlich nicht wahrnehmbare und wissenschaftlich nicht nachweisbare Mächte oder Kräfte, mit denen man rituell kommunizieren kann (1). Die einschlägigen Riten erlauben zwar die Äußerung persönlicher und gemeinschaftlicher Wünsche, jedoch bleibt deren Erfüllung aufgrund absoluter Abhängigkeit des Menschen von diesen Mächten und Kräften unsicher (2). Außerhalb der Riten sucht man sich das Wohlwollen dieser Mächte und Kräfte durch die Einhaltung bestimmter Regeln zu sichern. Auch hier bleibt der Erfolg dieser Bemühungen offen (3).

Basis dieser Begriffsbildung ist eine umfassende definitorische Beschreibung von Anton Quack. Mir erscheinen jedoch die von ihm als zugehörig erklärten Lebenserfahrungen, Welterklärungen, Ordnungsvorstellungen und Begleitgefühle für die begriffliche Fixierung überflüssig zu sein. Religion ist mehr oder weniger in das gesamte menschliche Leben integriert, und die aufgezeigten Bezüge sind so offensichtlich und allgemein, dass ihre Hereinnahme in die Definition nicht zweckdienlich erscheint. Das ändert nichts an meiner Wertschätzung für diesen Ethnologen, dessen von mir benutztes Buch "Heiler, Hexer und Schamanen" überaus lesens- und empfehlenswert ist. Dies nicht zuletzt deshalb, weil Quack seine allgemeinen Erläuterungen und Begriffsbildungen in Fallstudien exemplifiziert.

Meine Definition der Religion ist bewusst dreischichtig angelegt, um den Unterschied zur Magie deutlich zu machen, die ebenfalls dreischichtig definiert ist.

Magie ist der mehr oder weniger institutionalisierte Glaube an sinnlich nicht wahrnehmbare und wissenschaftlich nicht nachweisbare Mächte oder Kräfte, mit denen man rituell kommunizieren kann (1). Die einschlägigen Riten begleitet die Vorstellung, dass die Mächte oder Kräfte zur Durchsetzung persönlicher und gemeinschaftlicher Wünsche mobilisiert und manipuliert werden können und diese Wünsche aufgrund einer in den Ritualen erzeugten Abhängigkeit zwangsläufig erfüllen müssen (2). Außerhalb der Riten sucht man sich das Wohlwollen dieser Mächte oder Kräfte durch die Einhaltung bestimmter Regeln zu sichern. Der Erfolg dieser Bemühungen bleibt offen (3).

Der Unterschied zwischen Religion und Magie besteht also lediglich auf Stufe 2. Während Religion von einer totalen Abhängigkeit von übermenschlichen Mächten oder Kräften ausgeht, glaubt Magie, mithilfe bestimmter Rituale diese Mächte oder Kräfte von Menschen abhängig machen und zur Durchsetzung menschlicher Ziele zwingen zu können. Nicht unwichtig erscheint mir, dass außerhalb dieser Rituale die menschliche Abhängigkeit bejaht bleibt.

Die Klärung der vorgestellten drei Grundbegriffe hat mir den allgemeinen Zugang zum kultischen Kontext afrikanischer Masken und Figuren merklich erleichtert.

Text: Hans Rielau
Fotos: Maciej Rusinek

Vielen Dank an Hans Rielau.

Autor
Hans Rielau
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

KONTEXT; Hans Rielau; 2016; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-06-2013/781-kontext

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