I.Barlovic bei seinem Referat vor der Vereinigung der Freunde Afrikanischer Kultur in Göttingen 2008
Ingo Barlovic während seines Vortrags 2008 in Göttingen

Von Gläubigen und Wissenden

Wer mit dem Sammeln afrikanischer Kunst beginnt, und dies gilt häufig auch für andere Sammelgebiete, der fühlt sich zumeist schnell ratlos: Er ist unerfahren und zutiefst verunsichert über die Möglichkeit von Fälschungen. Kurz: Er ist der Prototyp des ‚Jungen Sammlers'.

Das Problem dabei: Wer nicht schnell sein Spezialgebiet findet, auf das er sich mit einer enthusiastischen Ausschließlichkeit stürzt, der fühlt sich oft zehn Jahre später immer noch als ‚Junger Sammler':

  • Er hat noch immer Angst, Fakes zu kaufen.
  • Er hat gelernt, dass ‚Provenienz' nicht wirklich Sicherheit gibt oder zumindest sehr teuer ist.
  • Es fehlt an einer Autorität, deren Wort Gesetz ist. Es gibt zu viele Päpste und Gegenpäpste, die oft genug verschiedener Meinung sind.
  • Experten, die sich berufsmäßig damit befassen, haben ein Eigeninteresse.

Können ihm andere Sammler helfen?

Sammler sind fast alle äußerst zuvorkommend und lehrreich. Aber auch sie haben manchmal Eigeninteressen, weil die Grenzen zwischen Sammler und Händler oft fließend sind. Wichtiger aber: Sammler sind Gläubige, Personen, die der Ansicht sind, sie wüssten, was echt ist und dass sie authentische Stücke erkennen können, während ihrer Meinung nach der andere Sammler nicht dazu in der Lage ist. Dies führt zu kontroversen Einschätzungen über die Echtheit von Skulpturen oder Masken.

In einem Fernsehbeitrag fand ich den Satz "Der buddhistische Mönch sollte wissen, dass er glaubt und nicht glauben, dass er weiß!" Danach gibt es in der Szene für afrikanische Kunst nicht viele buddhistische Mönche...

Und was macht ein Ratloser, der nicht glauben kann? Er wendet sich der Wissenschaft zu und fragt sich, ob sie die Lösung seiner Probleme sein kann.

Naturwissenschaftliche Methoden der Altersbestimmung von Holz

Die Bestimmung eines bestimmten Alters bedeutet bei der afrikanischen Kunst natürlich nicht zwangsläufig, dass ein Stück authentisch ist, also im Kult genutzt wurde: Noch heute werden Stücke hergestellt, die authentisch verwendet werden - und sei es nur die kleine Figur gegen Kopfschmerzen. Dagegen wurden häufig alte Stücke für den Europäer als Souvenir geschnitzt.

Jedoch kann das Wissen um das Alter einer Maske oder Figur ein Beleg für oder gegen die Echtheit sein: Wenn ein Stück aussieht, als wäre es von dem berühmten Meister von Buli, also aus dem vorletzten Jahrhundert, als Alter ergibt sich aber das Ende des letzten Jahrhunderts, dann kann man gewiss sein: Das Stück stammt von einem Kopiervirtuosen aus Kamerun (oder Nigeria, oder der Elfenbeinküste oder...).

Zusätzlich: Fakes mit absichtlich aufgetragener Alterungspatina und mit künstlichen Nutzungsspuren wurden wohl erst nach 1950 in großem Stil hergestellt. Ein authentisch aussehendes Stück, das sich auf eine frühere Zeit datieren lässt, hat große Chancen, ‚echt' zu sein. Damit erscheint die Altersbestimmung von Holz mit naturwissenschaftlichen Methoden für den Sammler als äußerst hilfreich.

Dabei bieten sich als Methoden an:

Die Dendrochronolgie, die bei afrikanischer Kunst aber kaum Aussagekraft hat, da kaum die notwendigen Vergleichmessungen aus der gleichen Region, vom gleichen Holz und aus der gleichen Zeit vorliegen.

Vielversprechender ist die in der Archäologie anerkannte Radiocarbonmethode (C14), die neuerdings anscheinend auch für Stücke aus dem letzten Jahrhundert verlässlich und recht genau anwendbar ist, z. B. von dem Teilchenphysiker Georges Bonani von der ETH Zürich oder von Robert Neunteufel (Antiques Analytics). Jedoch ist die Analyse mittels 14C recht teuer (600 bis 800 Euro).

Bleibt als dritte Methode die Infrarot-Spektroskopie.

Die IR-Spektroskopie ist eine in der Wissenschaft bewährte Methode, um Hölzer und Holzkomponenten zu untersuchen, indem durch elektromagnetische Strahlung im infraroten Bereich Moleküle zu Schwingungen angeregt werden. Zur Altersbestimmung von Holz wird diese Analyse dieser Spektren einzig vom Mailänder Museum/Institut Museo d'Arte e Scienza eingesetzt (1992 Patent vom Museumsgründer Gottfried Matthaes) [1].

Die IR-Spetroskopie erscheint für Sammler nahezu als ein Königsweg zur Alterbestimmung.

Sie ist laut den Aussagen des Mailänder Instituts ...

  • sehr genau, kann Holz auf im Schnitt +/- 10 Jahre exakt datieren
  • einfach zu handhaben, auch für den Sammler: Man benötigt nur eine Holzprobe von ca. 3-4 mm Tiefe mit einem 3 mm Bohrkopf (wovon die ersten 1-2 mm nicht verwendet werden, weil sie das Ergebnis verfälschen)
  • gültig auch für außereuropäische, vor allem afrikanische Kunst
  • in der Lage, durch eine Messung im Inneren und an der Oberfläche des Holzes zu erkennen, ob es sich aus altem Holz geschnitzte neue Werke handelt (üblicherweise werden afrikanische Schnitzwerke aus frischem Holz hergestellt)
  • und vor allem äußerst günstig: Pro Messung 75 Euro, und damit auch für Kunstwerke im niedrigen 4-stelligen Bereich lohnend – oder auch für Museen mit ihrem geringen Budget.

Jedoch fehlt es an ernst zu nehmenden wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die ihre Eignung belegen würden. Und es gibt auch kein anderes Labor, das die Methode bisher erfolgreich angewandt hätte, was auch daran liegt, dass die Mailänder sehr zugeknöpft bei der Weitergabe ihres Knowhows sind.

Für und Wider IR-Spetroskopie zur Altersbestimung

Die wohl einzige Veröffentlichung, die das Verfahren kritisiert, stammt von den Holzbiologen Klein, Petersen und Faix und wurde 1998 in der Zeitschrift Restauro veröffentlicht [2].

In diesem Artikel berichteten die Wissenschaftler von eigenen Messungen mittels der IR-Spektroskopie, bei denen sich ergab, dass

  • sich bei unterschiedlich alten Fichteholzproben keine charakteristischen Veränderungen der Spektren zeigte
  • sich bei zwei 1995 gefällten Bäumen keine identische Absorptionsintensität ergab
  • beim Vergleich der Spektren keine dem Alter proportionalen Veränderungen abzulesen waren
  • und es schließlich auch Unterschiede zwischen dem Splint- und dem Kernholz zeigte, d.h. zum Teil chemische Veränderungen bereits im lebenden Baum vorkamen.

Zusätzlich argumentierten sie, dass folgende Voraussetzungen erfüllt sein müssten, die aber (alle) nicht gegeben wären:

  • Exakt gleiche Zusammensetzung des Holzes
  • Messung unabhängig von der Probenbeschaffenheit
  • Beschreibung von Alterungsprozessen durch mathematische Funktionen
  • Veränderungen des Holzes bereits nach wenigen Jahren

Ihre Schussfolgerung: "Folglich ist keine der naturwissenschaftlichen Voraussetzungen erfüllt und eine IR-spektroskopische Altersbestimmung von Holz nach bisherigen Erkenntnissen nicht möglich. Von dem Einsatz dieser Methode ist abzuraten." [3]

Diese Untersuchung wurde von dem Mailänder Institut u. a. verurteilt, weil Klein et. al. einige Holzmuster datieren ließen, die von demselben Baum stammten, jedoch von unterschiedlichen Jahresringen entnommen worden waren. Bei der Methode gehe es jedoch um Veränderungen im ‚toten', und nicht im lebenden Baum. [4]

Tatsächlich bleiben bei dieser Veröffentlichung einige Fragezeichen: So beruht die Analyse der Spektren auf Plausibilität, nicht auf dem im Detail unbekannten Analyseschema der Mailänder selbst.

Und es findet sich der missverständliche Satz: "Die in Abbildung 6 dargestellten Spektren wurde an mehreren Stellen von Holzquerschnitten aufgenommen" [5], der im Unklaren lässt, ob es wirklich um zu unterschiedlichen Zeiten geschlagenes Holz oder um verschiedene Jahresringe des gleichen Baumes geht.

Die Belege, die für das Verfahren sprechen, sind ebenfalls eher dünn gesät: Es finden sich nur Veröffentlichungen des Mailänder Instituts selber, die auf ihrer Website behaupten, sie hätten in den 90er Jahren Stücke aus dem Deutschen Museum in München und dem J. Paul Getty Museum, Los Angeles, korrekt datiert (siehe Folien 1 und 2).

Folie 1 - Angaben des MUSEO D'ARTE E SCIENZA

I - Deutsches Museum, München

41 Messungen an vier Mustersendungen (August 1994, März 1995) bis zur Erschöpfung aller für eine Altersfestlegung gewünschten Objekte.

Quelle: www.spectroscopyforart.com/index-de.htm
ObjektVom Deutschen Museum geschätztes AlterSPEKTROSKOPISCHE DATIERUNG UND ERKENNUNG DER HOLZART
Aufrechter Flügel 1750/70 1750 +/- 20 Nadelholz
Orgelpositiv nach 1750 1730 +/- 20 Nadelholz
Aufrechter Flügel 1750/70 1775 +/- 20 Nadelholz
Amboss ? 1970 +/- 20 Eiche
Bohrmaschine ? 1900 +/- 20 Ahorn
Thalkircher Orgel 1630 1630 +/- 20 Eiche
Cembalo von Patavini 1561 1514 +/- 20 Nadelholz
Bläser (Skulptur) 15. Jh. 1550 +/- 20 Eiche (etwa 100 Jahre jünger)
Kastenmühle 1702 1700 +/- 50 Ahorn
Drechselbank 1886 1880 +/- 20 Ahorn
Drechselbank 1741 1730 +/- 20 Eiche

Folie 2 - Angaben des MUSEO D'ARTE E SCIENZA

II – J. Paul Getty Museum, Los Angeles.
Quelle: www.spectroscopyforart.com/index-de.htm
ObjektVOM GETTY'S MUSEUM GESCHÄTZTES ALTERSPEKTROSKOPISCHE DATIERUNG UND ERKENNUNG DER HOLZART
Leleu table – sample A 1760 1740 +/- 15 Eiche
Leleu table – sample B 1760 1750 +/- 15 Eiche
Joubert Comode – sample B 1769 1750 +/- 12 Eiche
Benneman cabinet – sample B 1788 1765 +/- 15 Eiche
Marquetry donkey – sample A 1983 Nach 1960. Holz unter 40 Jahren ist nicht datierbar.
Marquetry donkey – sample B 1983

Nach meiner Recherche ergab sich:

Friedrich Heilbronner, der beim Deutschen Museum Mitinitiator der Messungen war, äußerte sich am 24.10.2008, es sei nichts Negatives an den Messungen aufgefallen, auch wenn sie nicht immer sehr genau gewesen wären. Damit bestätigt er die Veröffentlichung von Mailand. Diese berichten von insgesamt neun Messungen, bei denen es Abweichungen in einem wohl in einem tolerierbaren Rahmen gibt.

Zu den Proben des Getty Museum schickte mir Arlen Heginbotham, der Associate Conservator des J. Paul Getty Museums, am 21.10.2008 eine Email: "…Some of these samples we believe were dated correctly (the oak samples cited on their website), some we believe were not (samples of beech from one eighteenth and one nineteenth century chair). …"

Es gab demnach erfolgreiche Messungen bei Eiche und Fehldatierungen bei Buche. Anscheinend waren von acht Datierungen sechs richtig und zwei falsch.

Als weiterer Beleg für die Methode gibt es die persönliche Mitteilung des Züricher Galeristen Jean David (Galerie Walu) vom 11.10.2008.

David hat demnach 15 Yoruba-Stücke, die von dem 1938 verstorbenen Schnitzer Olowe von Ise stammen könnten, mittels IR-Spektroskopie und 14C (EHT Zürich) datieren lassen. Das Ergebnis:

  • Bei 12 Objekten gab es eine Übereinstimmung zwischen 14C und der IR-Spektroskopie.
  • Bei 3 Objekten ergab sich nach 14C eine Entstehung nach dem Tod, laut der IR-Spektroskopie eine während der Lebenszeit von Olowe
  • 2 dieser 3 Stücke wurden laut Jean David von dem Olowe-Experten John Pemberton III als authentisch Olowe angesehen – was für die IR-Spektroskopie sprechen würde.

Eigene empirische Versuche, Licht ins Dunkel zu bringen

Um die Mailänder Methode genauer zu hinterfragen, wurden zwei Ansätze gewählt:

  • Der Vergleich der Mailänder Datierungen mit Experten-Schätzungen
  • Der Vergleich mit dem bekannten Alter von Stücken

Dabei erhielten die Mailänder immer nur eine Holzprobe mit einer wenig aussagekräftigen Angabe wie ‚Figur aus Togo'. Sie mussten das Alter also ‚blind' datieren, ohne Zugriff auf das Stück oder auf Fotos davon.

Insgesamt neun Teilnehmer der im Oktober 2008 stattgefundenden Göttinger Herbsttagung der Vereinigung der Freunde afrikanischer Kultur, eines Zusammenschlusses von Sammlern, Galeristen und Wissenschaftlern, schätzten das Alter von Stücken, von denen Altersmessungen des Mailänder Instituts vorlagen.

1. Eine Figur der Baule wurde von etwa der Hälfte der Teilnehmern auf eine Zeit vor Ende des 2. Weltkrieges datiert, die andere Hälfte glaubte an eine Entstehung in den 1960er oder 1970er Jahren. Mailand datierte die Figur auf 1929-1953 (siehe Folie 3).

Folie 3 - BAULE – Vergleich der Datierung von Mailand mit 9 Schätzungen von Teilnehmern der Tagung

Messung Mailand: 1929-1953

Eine Holzfigur der afrikanischen Ethnie Baule und Diagramm der Messung sowie Schätzungen

2. Eine Figur der Dan wurde von etwa der Hälfte auf ein Datum vor 1960, von der anderen Hälfte nach 1960 geschätzt. Die Mailänder Messungen ergab ein Alter von 1949 bis 1965. Dabei ist von Interesse, dass die Figur zu Beginn der 1960er Jahre in einer Galerie gekauft und daher vor 1960 geschnitzt wurde (siehe Folie 4).

Folie 4 - DAN - Vergleich der Datierung von Mailand mit 9 Schätzungen von Teilnehmern der Tagung

Messung Mailand: 1949-1965

Figur der afrikanischen Ethnie Dan und Diagramm der Messung Mailand sowie Schätzungen des Alters

Anmerkung: Anfang der 1960er Jahre von T. Dähler gekauft

3. Bei einer Ritual-Schüssel der Yoruba schließlich zeigt sich erneut eine zweigeteilte Expertengruppe: Für die Hälfte entstand das Stück zwischen 1900 und 1930, die andere nahm eine Entstehungszeit nach 1945 an. Mailand datierte auf 1900 bis 1916 (siehe Folie 5).

Folie 5 - YORUBA - Vergleich der Datierung von Mailand mit 9 Schätzungen von Teilnehmern der Tagung

Messung Mailand: 1900-1916

Gefäß der afrikanischen Ethnie Yoruba und Diagramm der Messung Mailand sowie Schätzungen des Alters

Nicht ausgewiesen sind die Ergebnisse für eine Figur aus Philippinen, da sie aus altem Holz neu geschnitzt sein könnte

Damit wird deutlich

  • Experten tun sich schwer damit, das Alter von afrikanischer Kunst einzuschätzen. Dementsprechend waren die Schätzungen selber zum Teil sehr heterogen.
  • Die Schätzungen der Mailänder schienen plausibel, d. h. ein Teil der Teilnehmer nahm unbeeinflusst das gleiche Alter an
  • Und: Tendenziell schnitten Museumsmitarbeiter etwas besser ab als die Sammler, vorausgesetzt die Mailänder Ergebnisse sind richtig.

Passend zu dem letzen Aspekt schätzte die Münchner Restauratorin Helga Theodhori das Holzalter einer nicht auf der Tagung gezeigten Maske der Sukuma auf Anfang bis Mitte des letzten Jahrhunderts. Das Museo d'Arte e Scienza datierte sie später auf 1938 +/- 12 Jahre (siehe Folie 6).

Folie 6 - Maske der Sukuma

Messung Mailand: 1926-1950

Maske der afrikanischen Sukuma, die vom Mailänder Institut datiert wurde.

Alles in allem bleibt festzuhalten, dass Expertenschätzungen allein aufgrund ihrer Heterogenität kaum als empirischer Beweis für oder gegen das Verfahren taugen.

Aus diesem Grund ließ ich zusätzlich Messungen an Stücken durchführen, deren Alter mehr oder weniger bekannt ist.

1. Eine Truhe aus Deutschland, entstanden 1852, ausgewiesen als Jahreszahl auf der Vorderseite, wurde mittels IR-Spektroskopie auf 1790 bis 1820 datiert. Wenn man davon ausgeht, dass zur Herstellung der Truhe abgelagertes Holz genutzt wurde, scheint die Mailänder Schätzung relativ exakt (siehe Folie 7).

Folie 7 - Truhe aus Deutschland – Entstehung: 1852; Holzalter: Vor 1852

Messung Mailand: 1760-1820

2. Eine Figur des berühmten togolesischen Schnitzers Agbagli Kossi wurde auf 1973 +/- 10 Jahre, d.h. auf 1963 – 1983 datiert. Da Kossi solche Figuren zu Beginn der 1970er Jahre geschnitzt hat, liegt Mailand bei dieser Figur 100%ig richtig (siehe Folie 8).

Folie 8 - Figur von Agbali Kossi – Geschnitzt: Anfang der 70er

Messung Mailand: 1963-1983

3. Für eine ostafrikanische Touristenmaske neueren Datums, also wohl nach 1970 geschnitzt, ergab sich eine Alterschätzung von 1963 bis 1970, sehr nah also an dem tatsächlichen Alter der Maske. [6] (siehe Folie 9)

Folie 9 - Maske aus Ostafrika – Geschnitzt: Wohl 1970er/80er/90er Jahre

Messung Mailand: 1958-1970

Neben diesen drei mehr der weniger korrekte Datierungen gab es eine Fehlmessung:

4. Ein häufig publizierter Pfosten aus Kamerun [7], der sich seit 1906 im München Völkerkundemuseum befindet, wurde auf 1965 +/- 6 Jahre datiert, weist also einen Fehler von ca. 100 Jahren aus (siehe Folie 10).

Folie 10 - Pfosten aus Kamerun - Seit 1906 im Münchener Völkerkundemuseum

Messung Mailand: 1959-1971

Als eine mögliche Begründung für diese falsche Messung gab das Mailänder Museum an, dass "ein Objekt, welches schon vor über 80 Jahren nach Europa eingeführt wurde, eine unterschiedliche Alterung erleidet als wenn es in Afrika geblieben wäre. Dies ist sicherlich eine Sachbegrenzung unserer Methode, über welche wir bereits informiert haben. ... Unsere Datenbank besteht meistens aus Datierungen von Objekten, welche in den letzten Jahrzehnten eingeführt wurde ..." Die Lagerbedingungen des Stückes nähme demnach Einfluss auf die Spektren und damit auf die Datierung [8].

5. Scheinbar falsch lag Mailand auch bei einer Schnitzarbeit, die in den 90er Jahren von einem Touristenschnitzer in Gambia erworben wurde. Mailand datierte das Stück auf 1913 +/- 10 Jahre und gab auf Nachfrage an, es würde sich um Hartholz handeln, wie es z.B. in Mali, einem Nachbarn von Gambia, vorkommt. Damit ergab sich der Verdacht, dass die Figur aus altem Holz geschnitzt wurde, welches in dem eher trockenen Mali häufig vorkommt. Dieser Verdacht wurde durch die nachträgliche Untersuchung der Mailänder einer Oberflächenprobe erhärtet (siehe Folie 11).

Folie 11 - Katze aus Gambia – Gekauft 1995, geschnitzt wohl in den 90ern

Messung Mailand: 1903-1923

Damit erwiesen sich von fünf Messungen drei als (mehr oder weniger) korrekt, eine als falsch und eine muss wohl ‚aus der Wertung fallen'.

Fazit

Um das Alter von Holzarbeiten unter besonderer Berücksichtigung afrikanischer Kunst mit naturwissenschaftlichen Methoden zu datieren, gibt es bisher zwei Verfahren, die mehr oder weniger anerkannt sind, aber ihre Unzulänglichkeiten haben: Die Dendrochronologie, bei der es jedoch bei afrikanischer Kunst zumeist an Vergleichmessungen fehlt und 14C, das wohl in letzter Zeit auch für neuere Stücke an Genauigkeit gewonnen hat, jedoch recht teuer ist.

Ob das Mailänder Museo d'Arte e Scienza in der Lage ist, mittels ihrer kostengünstigen IR-Spekroskopie das Alter von Holz zu datieren, wird von wissenschaftlicher Seite kritisch gesehen.

Andererseits geben Untersuchungen, die das Museo d'Arte e Scienza zusammen mit zwei Museen durchgeführt hat und eine eigene Untersuchung Hinweise, dass das Verfahren funktionieren kann: Von den insgesamt 21 nachvollziehbaren Messungen scheinen 18 richtig und 3 falsch (ein alter Pfosten aus Kamerun, 2 Buchenholz-Stücke aus dem Getty Museum). Das Verfahren scheint Potential zu besitzen. Jedoch stellt sich aufgrund der Fehldatierungen die Frage, woran es bei der IR-Spektroskopie noch hapert:

  • Fehlen zum Teil Vergleichmessungen?
  • Funktioniert das Verfahren nur für bestimmte Holzarten?
  • Ist die Probenentnahme und -analyse fehleranfällig?
  • Spielen etwa klimatische Einflüsse oder die Lagerung eine Rolle?
  • Oder haben manche Naturwissenschaftler recht und die Methode selbst ist nicht valide zur Altersbestimmung einsetzbar, die Treffer also eher zufällig?

Diese Fragen gilt es zu klären, bevor das Verfahren die Anerkennung erhält, die es verdient haben könnte. Damit soll dieser Artikel auch zu einem Erfahrungsaustausch anregen und er ist ein Plädoyer dafür, dass sich Wissenschaftler, gerne auch Restauratoren, oder auch Museen, die ja genügend Stücke mit bekanntem Alter besitzen, des Themas annehmen.

Anmerkungen/Quellen

[1] Zu dem Einsatz der IR-Spetroskopie zur Altersdatierung und zu den Möglichkeiten, Fälschungen zu entlarven, siehe: G. Matthaes: Illustriertes Handbuch des Kunstsammlers zur Echtheitserkennung von Antiquitäten, Mailand 1997

[2] P. Klein, I. Petersen, O. Faix – 'Infrarot-Spektroskopie für die Datierung von Holz, in: Restauro 1/1998

[3] P. Klein, I. Petersen, O. Faix – 'Infrarot-Spektroskopie für die Datierung von Holz, in: Restauro 1/1998, Seite 51

[4] www.spectroscopyforart.com/index-de.htm

[5] P. Klein, I. Petersen, O. Faix – 'Infrarot-Spektroskopie für die Datierung von Holz, in: Restauro 1/1998, Seite 48

[6] Für die Bereitstellung der Maske aus Ostafrika und des Pfostens aus Kamerun und für die Hilfe bei der Probenentnahme danke ich Herrn Stefan Eisenhofer und Frau Regina Stumbaum, Völkerkundemuseum München

[7] Der Pfosten ist u. a publiziert in: L. Homberger (Hg.): Kamerun – Kunst der Könige, Zürich 2008, S. 172

[8] Die Begründung des Mailänder Instituts für die fehlerhafte Datierung stammt aus einer Email vom 30.10.2008

Siehe hierzu auch: Altersbestimmung und Echtheitsbestimmung afrikanischer Objekte aus Elfenbein und Holz - ERB-2007HT-05, G.Matthaes

Download der Folienschau

GO-2008HT18 Ingo Barlovic Zuverlässigkeit wissenschaftlicher Altersbestimmungen von Holz.pdf

Vortrag GO-2008HT-18 Herbsttagung 2008 der Vereinigung der Freunde Afrikanischer Kultur in Göttingen (Institut für Ethnologie und Ethnologische Sammlung der Georg-August-Universität), 24. bis 26. Oktober 2008 - Sammeln, Bewahren, Forschen, Vermitteln - Begegnung von Universität, Museum, Sammler, Händler

Vielen Dank an Ingo Barlovic.

Autor
Ingo Barlovic
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

Zuverlässigkeit wissenschaftlicher Altersbestimmungen von Holz - Erfahrungen eines Sammlers afrikanischer Kunst; Ingo Barlovic; 2008; https://www.about-africa.de/sammeln-bewahren-forschen-vermitteln/156-zuverlaessigkeit-wissenschaftliche-altersbestimmung-holz-sammlererfahrungen

Nutzungsrechte / Urheberrechte

Beachten Sie die Rechte des / der Urheber! Wenn Sie Artikel übernehmen wollen, fragen Sie nach! About Africa leitet Ihre Anfrage dann gerne an die/den Urheber weiter.

Bei korrekter Zitierweise ist die Übernahme von kleineren TEXT-Ausschnitten ohne Rückfrage erlaubt.

Bilder und andere multimediale Inhalte bedürfen immer der Freigabe durch den/die Urheber.

Disclaimer

Viele Autoren, viele Meinungen! about-africa.de ist nicht verantwortlich für Richtigkeit der angezeigten Inhalte. Wir entfernen natürlich Falsches oder kommentieren im Text, wenn etwas zu hinterfragen ist, jedoch nur soweit wir es beurteilen können oder uns widersprüchliche Ansichten bekannt sind. Wir sind keine Fachleute und sind nicht in der Lage, Fachwissen im Detail auf Richtigkeit zu prüfen. Wir sind jederzeit bereit, Gegenreden zu veröffentlichen.