ECHT ODER FALSCH?

Frühjahrstagung 2010 im Historischen und Völkerkundemuseum Sankt Gallen

Daniel Studer, der Direktor des Museums, hatte sich Anfang des Jahres 2009 entschieden die gemeinsame Tagung als Anlaß zu nutzen, um die Afrika-Bestände in Depot und Ausstellung aufzuarbeiten. Der Sammlungsleiter Achim Schäfer und die, eigens eingestellte, Projektmitarbeiterin Clarissa Höhener waren das Jahr vor der Tagung mit der Bestandsaufnahme beschäftigt und wir entwickelten gemeinsam das Tagungsprogramm. Die Zusammenarbeit in kleinen Teams und Diskussion sollten im Vordergrund stehen. Die Inhalte der Arbeitsformulare wurden von mir vorgeschlagen.

Die Ethnologiestudentin der Universität Zürich Anja Soldat hielt während der Tagung einen Vortrag und war beobachtend anwesend. Ihre Magisterarbeit über den Sammler Leslie Edgar Unwin hat sie im Jahr 2010 fertiggestellt und auf vier Seiten die Tagung thematisiert. Zitate der Arbeit finden sich auf den folgenden Seiten. Die Tagung wurde von mir nie als "Treffen von Experten" angekündigt, verwendet habe ich die Worte "Sammler, Wissenschaftler, Museumsmitarbeiter".

Ziele der Tagung

Das Museum wollte mehr zur Bedeutung der eigenen Afrika-Sammlung erfahren:

Welche Stücke sind selten oder gar einmalig? Welche Stücke sind zweifelhaft? Welche falsch? Es ging, einerseits um das Entdecken und die Diskussion wichtiger Stücke in der St. Galler Sammlung, aber auch um die Begründung, warum bestimmte Stücke als falsch oder weniger qualitätvoll erachtet werden. Das Herausarbeiten dieser Stücke unterstützt die Wichtigkeit des Museums gegenüber den öffentlichen Trägern und der Öffentlichkeit; ist also eine gemeinnützige Aufgabe.

Da die Diskussion über Stücke notwendig ist, um das eigene Urteil zu entwickeln, diese jedoch an eigenen Stücken schwierig sein kann, konnten die Teilnehmer dies mit den Museumsbeständen tun. Ein großer Vorteil dieser Stücke ist, daß fast immer ein Eingangsjahr bekannt ist, teilweise sind auch Sammlungsangaben bekannt. Eine Möglichkeit der objektiven Prüfung eigener Kenntnisse und eine wichtige Möglichkeit der Weiterbildung.

Deutschsprachige Wissenschaftler aus Universität und Museum, sowie drei Züricher Galeristen waren eingeladen, kamen jedoch nicht. Daß Einzelne nicht können, ist verständlich, daß Keiner kommt erklärungsbedürftig, aber das ist ein anderes Thema.

Freitag 28. Mai 2010 – Stücke aus dem Depot

Eine Auswahl (die sich an der Spezialisierung der Teilnehmer orientierte) von mehr als hundert Stücken aus dem Magazin (Figuren, Masken, Waffen, Schmuck), wurden am Freitag in einem großen Arbeitsraum ausgelegt. Gearbeitet wurde in selbstgewählten Teams von zwei bis sechs Personen, diese bestimmten die Auswahl der Stücke und kommentierten anschliessend ihre gemeinsamen Ergebnisse. Hierfür waren Formulare vorbereitet mit den folgenden Kriterien:

  • Seltenheit und Vergleichsstücke
  • Ästhetik und Qualität (welche Kriterien?)
  • Erhaltungszustand (sollte restauriert werden?)
  • ethnologisches Hintergrundwissen.

Erwünscht war eine schriftliche Begründung der Auswahl. Weiterhin sollten Kriterien genannt werden, wie die Echt-/Falschheit oder Qualität eines Stückes beurteilt wurde.

"Am ersten Tag der Tagung wurden Stücke aus dem Depot beurteilt, welche in einem Raum für Sonderausstellungen ausgelegt worden waren. Dazu bildeten sich Arbeitsgruppen von zwei bis sechs Leuten, die sich zusammen ein Interessensgebiet suchten. Eine Gruppe spezialisierte sich zum Beispiel auf "afrikanisches Kunsthandwerk" und setzten es sich zum Ziel unter den unzähligen Stücken diejenigen ausfindig zu machen, welche zwar wohl aus Afrika stammten, aber nicht für den Kult, sondern für den Markt in Europa produziert worden waren. Eine andere Gruppe suchte sich die kuriosesten und zweifelhaftesten Stücke im Raum aus, andere Sammler beschäftigten sich einfach mit ihrem Fachgebiet wie zum Beispiel Waffen oder Musikinstrumenten." (Anja Soldat 2010:43)

"Was sofort auffiel, waren die eindeutigen Hierarchien, die unter den Sammlern und Experten herrschten. So wurden einige Sammlern abrupt unterbrochen, wenn sie sich zu einem Stück äusserten, während anderen besonders gut zugehört wurde. Vornehmlich waren es die Galeristen* in der Vereinigung, deren Aussagen viel Aufmerksamkeit geschenkt wurde, wobei die Einigkeit in der Gruppe grundsätzlich nicht sehr hoch war und sich auch die Experten oft gegenseitig widersprachen." (Anja Soldat 2010: 44)

(* Anmerkung AS: Das ist falsch, denn anwesend waren keine Galeristen, nur ein Auktionator.)

Samstag 29. Mai 2010 – Dauerausstellung Afrika

In einem ersten Durchlauf von 1,5 Stunden am Samstag vormittag konnte jeder Teilnehmer in einem Formular jedes ausgestellte Stück beurteilen. Gefragt waren die Einschätzungen zum Alter, zu Echt- Falsch, zur Herkunft (Region, Ethnie). Die schriftlichen Angaben in den Vitrinen waren abgedeckt. Es ging um die subjektive Schätzung und Bewertung der einzelnen Stücke (ca. 200). Die Fragebogen trugen keinen Namen und Noten wurden nicht vergeben, gewünschtes Ergebnis war die statistische Auswertung aller Fragebögen. Im zweiten Durchgang wählte jeder Teilnehmer seine zehn wichtigsten Stücke der Ausstellung. Auf einen Block selbstklebender Zettel wurden die Nummern der ausgewählten Objekte auf je ein Blatt notiert, solange bis alle zehn Stück nummeriert waren. Erst dann klebten alle Teilnehmer gleichzeitig ihre Auswahl an die jeweiligen Vitrinen. Anschliessend war Zeit für Diskussion und Gespräch. Nach dem Mittagessen wurden die Objektlegenden in den Vitrinen aufgedeckt, sodaß in den Pausen jeder für sich oder in Gruppen seine Beurteilungen kontrollieren konnte.

Am Samstag nachmittag hielten dann Mitglieder zu drei selbstgewählten Stücken der Sammlung Kurzreferate. Es ging dabei um die Offenlegung und Vermittlung, mit welchen Kriterien die Stücke beurteilt werden.

WARUM?

Korrigieren möchte ich einen Irrtum, der verschiedentlich nach den Tagungen St. Gallen und St. Augustin geäussert wurde. Durch das genannte Verfahren, einer Art demokratischer Wahl durch Fragebogen, werden nicht die qualitätsvollsten oder ausstellungswürdigsten Stücke einer Sammlung gefunden. Aber schriftliche Arbeit mit Fragebogen macht das eigene Urteil für jeden selbst kontrollierbar. Gesprochene Irrtümer sind schnell vergessen, geschriebene bleiben. Und: Die Mehrheit hat sicher nicht immer recht, trotzdem ist es interessant die Richtung zu erkennen, in welche sie sich bewegt. Außerdem ist der Vortrag einer statistischen Auswertung eine weitere Möglichkeit miteinander ins Gespräch zu kommen.

Die Zahl der Experten, die von sich behauptet, "seit Jahrzehnten habe ich zehntausende von Stücken gesehen, ich weiß was echt bzw. was sehr gut ist", ist groß genug, ich möchte nicht auch noch dazu gehören. Mein Interesse ist systematisch: möglichst viele Stücke eines Types erfassen, die Sammlungsangaben vergleichen, Ähnlichkeiten und Unterschiede feststellen, eine Bewertung zur Diskussion stellen und abweichende Ergebnisse dokumentieren. Meine gefühlsmässige Bewertung ist nur eine Facette.

Viele Sammler und fast alle Experten, die meist Händler sind, urteilen mit einem kurzen Blick und den immergleichen Schlagworten: "Echt - falsch - authentisch - qualitätsvoll - starker Ausdruck - Energie - wichtiges Stück". Kaum jemand ist in der Lage sein Urteil zu begründen, ja die Wenigsten empfinden dies als notwendig. Selten wird der Versuch unternommen nachvollziehbare, vermittelbare Kriterien zu formulieren.

"Am Nachmittag dieses Tages stand dann die Präsentation der Ergebnisse aus dem Afrikasaal an. Dabei sollten einige Experten oder Sammler ihr eigenes Vorgehen bei der Bewertung traditioneller afrikanischer Kunst anhand ausgewählter Stücke aus der Ausstellung erläutern.

Die Referenten waren sich einig, dass die Einschätzung von Objekten über die eigene Erfahrung, das Konsultieren von Literatur und den Austausch mit anderen Sammlern und Experten erfolgt. Als wichtig wurde aber auch das Bauchgefühl betrachtet und als Begründung für Echt- oder Falschheit eines Stückes fiel einige Male der Satz: "Ich seh es einfach." Es wurde aber auch immer wieder eingeräumt, dass die Beurteilung traditioneller afrikanischer Kunst oft sehr schwierig sei. Vor allem das Alter könne kaum exakt bestimmt werden und Vergleiche mit Literatur seien unabdingbar. Auch ein besonders geschätzter Ethnologe und Galerist erkundigte sich zum Beispiel ganz zu Beginn des ersten Tagungstages, wo die Inventarkarten seien, um das Alter der Objekte einschätzen zu können und ob Touristika ausgewiesen seien. Diese Fragen erstaunen im ersten Moment, da es ja gerade das Ziel des HMSG war, ihre schlecht dokumentierten Stücke von Experten und Sammlern besser einschätzen zu lassen. Doch vor dem Hintergrund, dass eine definitive Eingrenzung offensichtlich so schwierig und nur durch jahrelange Erfahrung und Zuhilfenahme von Literatur möglich ist, ist die Unsicherheit der Experten natürlich verständlich. Dennoch sagten viele Experten, ein Gefühl für die Qualität und den Wert des Stückes, habe man einfach oder man habe es nicht.

Auch wenn es gut möglich ist, dass ein derartiges Bauchgefühl existiert, stellt diese Aussage dennoch alles in Frage, was zuvor zur Einschätzung traditioneller afrikanischer Kunst gesagt wurde und lässt einen gewissen Spielraum und Freiheit in der Bewertung zu. Es ist nicht schwer zu glauben, dass gerade angesehene Experten sich die Rechtfertigung einer Einschätzung mittels Bauchgefühl erlauben können, während ein unbedeutender Sammler damit keine Bewertung untermauern könnte. Heikel ist diese Tatsache vor allem darum, weil die Experten immer wieder auch auf Konkurrenzspielchen und Eifersucht unter Sammlern und Galeristen verwiesen. So käme es durchaus oft vor, dass gewisse Stücke von angesehenen Galeristen auf- oder abgewertet werden, je nachdem, wie es dem Verkäufer gerade passt.

Die Tagung war für das HMSG und die VdFaK ein grosser Erfolg. Nicht nur konnten die regionale und ethnische Herkunft vieler Stücke besser eingegrenzt werden, es wurden auch einige bedeutende Stücke, die bisher im Depot verstaubten, entdeckt und andere, die bis dahin als sehr wertvoll galten, in spannende Kontroversen gezogen. Dass einige Kunstwerke als Fälschungen erkannt wurden, muss deshalb kein Nachteil für das HMSG sein, da ein Museum gerade auch aus solchen Geschichten eine spannende Ausstellung machen kann." (Literatur: Anja Soldat: Sammeln - Klassifizieren - Bewerten. Mechanismen der Musealisierung am Beipspiel des Sammlers Leslie Edgar Unwin. Masterarbeit Universität Zürich. 2010)

Neugestaltung der Dauerausstellung Afrika

Auch bei der Neugestaltung der Dauerausstellung Afrika möchten Daniel Studer und Achim Schäfer neue Wege gehen. Das Potential der Sammlung als Teil der Stadtgeschichte steht im Vordergrund. Eine breite Diskussion mit auswärtigen Fachleuten, (Wissenschaftlern, Sammlern, Galeristen) wird, vor allem bei der Auswahl der ausgestellten Stücke, gesucht. Die Eröffnung der neuen Dauerausstellung ist für das Jahr 2014 geplant. In der nächsten Ausgabe werden wir inhaltliche Ergebnisse der Tagung und ein erstes Konzept vorstellen.

"WIE ENTSTEHT EINE AUSSTELLUNG? FALLBEISPIEL EINER JAPAN-AUSSTELLUNG"

Die St. Galler sind bei der Erprobung von Kooperationsprojekten sehr kreativ und gehen neue Wege. Für die geplante Japan- Sonderausstellung im Jahr 2014 wird mit dem Kunsthistorischen Seminar (Abteilung Kunstgeschichte Ostasiens) der Universität Zürich zusammengearbeitet. Eine für das Frühlingssemester 2012 geplante Übung soll "den Studenten die Gelegenheit bieten, die Planung und Realisierung dieser Ausstellung mitzuerleben und hinter die Kulissen eines Schweizer Museums zu blicken." Zwei Exkursionen führen die Studenten nach St. Gallen, um das Museum kennenzulernen, d.h. die Arbeitsbereiche der Mitarbeiter und die Japan-Sammlung im Museums-Depot. In einem Gespräch mit Daniel Studer und den Museumskuratoren werden Fragen zum Museumsalltag und der Ausstellungspraxis besprochen. In Zürich befassen sie sich anschliessend mehrere Monate intensiv mit der St. Galler Japan-Sammlung, thematische Schwerpunkte sind Nô-Masken, Lackwaren und Farbholzschnitte. Jeder Student stellt sich eine Objekt-Gruppe zusammen und versucht ein eigenes Ausstellungskonzept zu erstellen.

 

Folgende Fragen werden berücksichtigt:

  • Welches Zielpublikum soll mit meiner Ausstellung erreicht werden?
  • Welche potentiellen Leihgaben oder Ankäufe könnten meine Sammlung sinnvoll erweitern?

Verfasser: Andreas Schlothauer

Autor
Dr. Andreas Schlothauer
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Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

ECHT ODER FALSCH? Bericht Frühjahrstagung 2010 im Historischen und Völkerkundemuseum St.Gallen; Dr. Andreas Schlothauer; 2011; https://www.about-africa.de/vdfak-tagungen/2010-fruehjahrstagung-st-gallen/292-bericht-ergebnisse-ausstellung-echt-oder-falsch

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