Sammlungsbearbeitung in Burgdorf - Zorniges Vorwort - BU-2009AS-3a

 

BU-2009AS-3a

Objekt aus dem Museums-Magazin. Bildbearbeitung: reLater, Berlin, www.ghsvs.de

"Gebt dem Museum Raum!"

Die ausgewählten Stücke für die auf den nächsten Seiten folgende Online-Präsentation haben eines gemeinsam.

Nicht ausgestellt!

Nicht veröffentlicht!

Seltenheit und Wert wurden in der 100-jährigen Museumsgeschichte nicht erkannt und daher nicht gewürdigt. Dies ist nicht ungewöhnlich. Fast jedes ethnografische Museum hat solche verborgenen Schätze und die Zahl der Personen, die nach diesen suchen, ist sehr gering.

Es ist eine Schatzsuche der besonderen Art: die Schätze gehören dem Suchenden nicht und der Lohn für den erfolgreichen Fund besteht ausschließlich in der stillen Befriedigung ein interessantes und seltenes Stück der Anonymität entrissen zu haben.

Die Arbeit im Burgdorfer Museumsdepot ist dreckig, staubig, heiß und kalt.

Die Sammlung ist auf einem nicht isolierten Dachboden untergebracht: im Sommer zu heiß, im Winter zu kalt.

Im Winter ist es kalt im Fundus des Musée. Ohne wärmenden Schal und Mantel geht da gar nix.
Foto: Die Museums-Co-Leiterinnen Alexandra Küffer und Erika Bürki warm eingepackt im Magazin

Eine alte Holztür führt in die afrikanische Abteilung, eher ein Abstellraum..
Foto: Tür im Magazin, Raum I, Afrika

Fast alle Schränke und die dunkelsten Ecken habe ich durchsucht. Das hieß: rauf auf die Leiter und runter, umstapeln, um die hintersten Stücke zu erreichen, bei einem Mal schwitzen, beim andern Mal frieren. Am Ende die Hände so dreckig, wie damals im Kohlenkeller meiner Oma, Haare und Kleider staubig und der dringende Wunsch nach einer Dusche. Wissenschaft findet nicht nur am Schreibtisch statt.

Unwürdige Zustände für Weltkulturerbe so vieler Länder. Das reiche Land Schweiz, der Kanton Bern und die Burgergemeinde Burgdorf leisten sich seit dem Jahr 2000 Zustände wie sie in keinem völkerkundlichen Museum im nordwestlichen Teil Europas mehr aufzufinden sind.

Mich macht das wütend, wird doch die eigene, europäische Kunst in Burgdorf und in der Schweiz mit Abermillionen Franken unterstützt, während die außereuropäischen Kulturen förmlich ‚verhungern‘. Immer wieder formte sich mir bei der Arbeit in Burgdorf der folgende Satz:

Kolonialismus war Ver-Achtung des Fremden,

Post-Kolonialismus ist Miss-Achtung des Anderen.

Man kann sagen:

Nach 100 Jahren Museumsgeschichte ist der Tiefpunkt erreicht.

Eine Entscheidung ist überfällig.

Aufhören oder RICHTIG weiter machen.

Etliche Stücke sind bereits nicht mehr auffindbar. Einiges ist wegen der schlechten Lagerung beschädigt. Und über die Jahre sind Informationen zu den Stücken verloren gegangen, da die zugehörigen Sammlungsnummern abgefallen sind. Nur wenige Stücke sind genau genug beschrieben oder/und wurden fotografiert. Ohne diese Informationen sind die Stücke wie Menschen ohne Namen - anonym. Eine einfache, zeiteffiziente Zuordnung ist so nicht mehr möglich.

Trotzdem ist es mir in vielen Fällen gelungen z. B. aus den Schuljahresberichten die Museumsnummer, den Sammler und den Sammlungseingang zu rekonstruieren.

Nimmt man die gesamte Burgdorfer Sammlung, so lagert auf diesem schäbigen Dachgeschoss ein Wert im mittleren zweifachen Millionen Franken-Bereich. Im Brandfall in wenigen Minuten vernichtet!

Aber: auch wenn die Stücke im Falle der Veräußerung fünf- und sechsstellige Frankenbeträge erzielen würden, so ist doch ihr künstlerischer und kulturhistorischer Wert um ein Vielfaches höher. Mit dieser Sammlung ist die Lebensgeschichte der Sammler und die Geschichte der Stadt Burgdorf mit den vielen Kulturen der Welt verbunden. Durch die Zusammenarbeit von Schweizer Bürgern in aller Welt, Wissenschaftlern, Museumskuratoren und Ethnologen - ein nationaler Schatz der Schweiz.

Dieses Wissen ist in den letzten Jahren fast verschwunden.

Die Menschen, die diese Sammlungen anlegten, wussten, dass Wir uns nicht genügen können und nie genügt haben. Dass wir immer das Andere benötigten und auch in Zukunft benötigen, um Neues zu denken und Neues zu tun. „Können sie uns nicht zum Beispiel in Schönheitssinn und Kunstfertigkeit, vielleicht aber auch in manchem andern Vorbild sein?“ (Dr. Arnold KORDT, ZZ-BUJG1934,S.40)

Aus einem Jahrebericht 1959. "An die Behörden: Gebt dem Museum Raum!"

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