Wie schrittweise die Wiedereröffnung der ethnolog. Sammlung im Lübecker Zeughaus erreicht werden kann. Ein Ansatz und Konzept, das auch an die Pflichten der Träger appeliert.

Zum Autor Dr. Andreas Schlothauer

  • 1978-84 Studium der Betriebswirtschaftslehre, Politikwissenschaft und Ethnologie in München
  • 1984-87 Trainee und Arbeit bei der Siemens AG in München im Bereich Datentechnik
  • 1988-91Promotion in Wirtschaftsinformatik in Bremen (davon ein Jahr mit Siemens-Stipendium)
  • seit 1992 Selbstständiger Unternehmer in Berlin (Neubau und Altbausanierung in Prenzlauer-Berg, Mitte und Friedrichshain)
  • seit 1988 Sammler von Afrikanischen und Ozeanischen Masken und Figuren
  • seit 1995 Sammler von Südamerikanischem Federschmuck
  • hat im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit bei Prof. Mark Münzel (Universität Marburg) seit 2002 den Federschmuck in fast 40 deutschsprachigen, französischen, niederländischen und skandinavischen Museen (ca. 20.000 Stücke) digital fotografiert und die Sammlungsangaben so eingegeben, dass eine datenbank-ähnliche Suche nach Begriffen möglich ist. Die Sammlungen wurden jeweils je Museum schriftlich ausgewertet und kommentiert, siehe federschmuck.about-amazonas.de
  • seit 2002 im Vorstand der Vereinigung der Freunde Afrikanischer Kultur e.V., seit Herbst 2005 erster Vorsitzender.

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Die organisatorische und wissenschaftliche Situation der deutschen (und vieler europäischer) Völkerkundemuseen ist mir durch meine Besuche sehr gut bekannt. An den größeren deutschen Museen habe ich mindestens jeweils 2-3 Mal mehrere Tage gearbeitet.

A. Der künstlerische und wissenschaftliche Wert der Sammlung

Die meisten Stücke der Lübecker Sammlung wurden in der Zeit zwischen 1885 bis 1910 gesammelt. Qualitätvolle Figuren, Masken und figürlich verzierte Gegenstände dieses Sammlungszeitraumes erzielen heute auf dem Kunstmarkt mindestens fünfstellige, häufig sechsstellige und manchmal auch siebenstellige Euro-Beträge. Dies sei an dieser Stelle nur deshalb erwähnt, um die Seltenheit und die Wertschätzung durch Fachleute zu betonen. Wichtiger erscheint mir, dass in der Sammlung viele (auch religiöse) Kunstwerke fremder Völker und Kulturen sind, deren historisches Erbe wir verwalten. Das sei uns Auftrag und Verpflichtung, diese Stücke zu bewahren, angemessen zu würdigen, wissenschaftlich zu bearbeiten und diese - wenigstens virtuell - den heute lebenden Nachkommen der herstellenden Künstler zugänglich zu machen.

B. Die Sammlungen sind wesentlicher Teil der Lübecker Geschichte

Als weltoffene Handels- und Hafenstadt hatten Lübecker Bürger seit Jahrhunderten Kontakt mit anderen Völkern. Die Sammlung entstand zu einem großen Teil durch Schenkungen und Stiftungen von mehr als 500 Bürgern der Stadt; darunter viele jüdische Mitbürger.

Die Anfänge der völkerkundlichen Sammlung liegen im 18. Jahrhundert, das Völkerkundermuseum am Dom wurde 1893 eröffnet.

"Die Sammeltätigkeit materieller Kulturgüter fremder Völker lässt sich in Lübeck bis in das 17. Jahrhundert zurückverfolgen. Die urkundliche Erwähnung der aufgrund ihres reichen Amulettschmuckes berühmt gewordenen altägyptischem Mumie nennt das Jahr 1696. 1864 entsteht aus dem einstigen Kunst- und Naturalienkabinett die "Kulturhistorische Sammlung" unter der Obhut der Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Tätigkeit. 1893 eröffnet das Museum für Völkerkunde im neu errichteten Museum am Dom. Der Lübecker Arzt Dr. Richard Karutz verschafft dem Museum eine weit über die Grenzen der Stadt reichende Anerkennung." (zitiert aus der Internet-Seite des Freundeskreises der Völkerkundesammlung der Hansestadt Lübeck http://www.vkhl.de/hist1.htm)

Über die Schenker und Stifter der Völkerkundesammlung der Hansestadt Lübeck wird auf der Internet-Seite des Freundeskreises der Völkerkundesammlung wenig gesagt. Viele von ihnen sind namentlich bekannt, viele Nachfahren von diesen Spendern leben wahrscheinlich heute noch in Lübeck. Auch dies ein Thema für alle Lübecker, eine mögliche persönliche Verbindung zum Museum.

C. Was kann und muss jetzt getan werden?

Völkerkundemuseen gibt es seit mehr als 150 Jahren, sie müssen nicht neu erfunden werden. Die Aufgaben des Museumsträgers - der Hansestadt Lübeck - sind klar geregelt, denn die Völkerkundesammlung ist ICOM-Mitglied (INTERNATIONAL COUNCIL OF MUSEUMS) und hat durch die Mitgliedschaft die Satzung und ethischen Richtlinien akzeptiert: Hier heißt es:

"Der Träger ist verpflichtet, für eine sichere Aufbewahrung der Sammlungen zu sorgen und ein entsprechendes Umfeld zu schaffen. Gebäude und Einrichtungen müssen geeignet sein, dem Museum die Erfüllung seiner grundlegenden Aufgaben zu ermöglichen: Sammeln, Forschen, Lagern, Bewahren, Vermitteln und Ausstellen." (zitiert aus ICOM-Ethische Richtlinien für Museen, "Code of Ethics for Museums", www.icom-deutschland.de)

Weltweit ist es Standard, dass mindestens ein(e) Sammlungsverantwortliche(r) mit restauratorischen Kenntnissen die Sammlung erhält und mindestens ein(e) Kurator(in) Kontakte zu Wissenschaftlern bzw. anderen Museen unterhält, Ausstellungen organisiert, die Sammlungen betreut und vervollständigt usw. Ein(e) Direktor(in) ist vor allem der/die politische Vertreter(in) des Museums nach Außen und hat die Zusammenarbeit der Mitarbeiter so zu steuern, dass alle miteinander und nicht gegeneinander arbeiten.

Konkret kann und muss in den nächsten 2-3 Jahren folgendes getan werden:

  • Verbesserung der Lagerungsbedingungen im Magazin
  • Digitalisierung der Bestände (Fotos der Stücke, Sammlungsdokumentation)
  • Veröffentlichung der Bestände im Internet
  • Neuzuordnung, Neubestimmung und Auswahl der "100 wichtigsten Stücke der Sammlung" gemeinsam mit Experten
  • Buch und Ausstellung zur Wiedereröffnung im Jahr 2010

Mit der digital-fotografischen Erfassung der Bestände muss und kann sofort begonnen werden. Warum?

  • Durch die fotografische Dokumentation wird der Diebstahl bzw. die Veräußerung von wertvollen Stücken wesentlich erschwert.
  • Einige Materialien sind empfindlich und dadurch dem natürlichen Verfall und der Veränderung stärker ausgesetzt. Die Stücke sind dann wenigstens durch Fotos dokumentiert.
  • Gute Ausstellungen und Ausstellungskataloge benötigen gründliche wissenschaftliche Vorarbeit. Da es sich um künstlerische Werke vergangener Kulturen handelt, ist weltweit nur eine begrenzte Anzahl von Stücken in den Museen vorhanden. Auch der Kreis der Experten für die jeweiligen Kulturen ist klein. Durch die Digitalisierung der Bestände ist die weltweite Mitarbeit von Experten bei der Einordnung und Bewertung möglich.
  • Wären die völkerkundlichen Bestände in Deutschland bereits - wie damals teilweise geplant - vor dem 2. Weltkrieg fotografiert worden, so wären wertvolle Informationen zu zerstörten bzw. verschollenen Stücken erhalten und viele angeblich verschollene Stücke könnten heute erkannt werden.

Die Veröffentlichung der Sammlung im Internet wäre in Deutschland einmalig und eine Herausforderung für die anderen Museen.

Lübeck könnte die Erste sein !

D. Zur Diskussion - Eine neue Organisationsstruktur der Ethnologischen Sammlungen in Schleswig-Holstein

  • Die völkerkundlichen Sammlungen in Kiel (Eigentümer Universität Kiel?), Schloss Gottorf (Eigentümer Land Schlewsig-Holstein) und Lübeck (Eigentümer Hansestadt Lübeck) werden organisatorisch und wissenschaftlich durch eine volle Stelle betreut.
  • Ein(e) Sammlungsverantwortliche mit restauratorischer Ausbildung ist ebenfalls für alle drei Sammlungen zuständig.
  • Sitz und Arbeitsplatz der beiden Stellen ist in der Lübecker Völkerkundesammlung.
  • Die Gehälter und Bürokosten der Direktorin und Restauratorin (und zeitlich befristete, projektgebundene wissenschaftliche Mitarbeiter) werden vom Land Schleswig-Holstein bezahlt.
  • Die Museumsgebäude in Kiel, Lübeck, Schleswig werden von den bisherigen Trägern erhalten und betrieben; Dauerausstellungen mit Stücken der jeweiligen Sammlungen werden eingerichtet.
  • Regelmäßig alle 3 Jahre werden Sonder-Ausstellungen als Wanderausstellungen für mindestens schleswig-holsteinische Ausstellungsorte konzipiert (Kiel, Lübeck, Schleswig, Husum und Heide).
  • Die ethnologischen Sammlungen in Kiel, Lübeck, Husum und Schloss Gottorf werden digital fotografiert zur Veröffentlichung im Internet veröffentlicht; öffentlich zugängliche Schau-Magazine werden eingerichtet.

Vielen Dank an Dr. Andreas Schlothauer.