„Die Avenues“ ist der Debütroman des simbabwischen Journalisten Farai Mudzingwa. Anhand des Protagonisten Gerald „Gerry“ Hara, genannt Jedza, den er vom Dorf bis in die Hauptstadt Harare begleitet, zeichnet Mudzingwa ein umfassendes Porträt der simbabwischen Gesellschaft.
Inhalt
Zu Beginn steht Jedzas Kindheit im Mittelpunkt. Es geht um Familie, um Freundschaften, später um eine erste Liebe und um ein prägendes Erlebnis: den Tod eines Freundes, an dem er mitschuldig war.
Gleichzeitig wird deutlich, wie stark traditionelle Vorstellungen und auch magisches Denken den Alltag prägen. So wird erzählt, dass Menschen von Wasserwesen (Njuzu) geholt werden – etwas, das für die Figuren nicht ungewöhnlich wirkt.
Im weiteren Verlauf entwickelt sich die Geschichte mit Gerrys Leben weiter. Sein Traum ist es, in den „Avenues“ zu leben, einem Stadtviertel in Harare. Als er dort ankommt, findet er zwar durch die Hilfe einer Freundin aus seiner Jugend eine recht gute Stelle, er lernt aber auch, dass die Avenues keineswegs ein Paradies sind. Es herrschen Gewalt, Drogen, Prostitution und Korruption. Inmitten dessen versuchen die Personen, irgendwie zu überleben. Jedoch gibt es viele Verlierer und nur wenige Gewinner – sofern man eine Madame, die das Prostitutionsgeschäft beherrscht und mit einem hohen Beamten schläft, als Gewinnerin bezeichnen möchte. Aber auch die Verlierer lassen sich nicht unterkriegen.
Die Avenues stehen exemplarisch für die Widersprüche der postkolonialen Gesellschaft – zwischen Modernität und Verfall, Hoffnung und Perspektivlosigkeit. Hier verdichtet sich das gesellschaftliche Panorama des Romans. Neben der eigentlichen Handlung fließen regelmäßig größere Zusammenhänge ein: historische Rückblicke, Reflexionen über den Kolonialismus und seine langfristigen Folgen sowie Kommentare zur aktuellen politischen und gesellschaftlichen Situation Simbabwes.
Erzählt wird auch die Geschichte von seiner Schwester. Sie beginnt als hoffnungsvolle junge Journalistin, bis sie ein Ereignis aus der Bahn wirft und in den Bann einer Njuzu gerät.
Bewertung
Vorab: „Die Avenues“ ist ein typischer Erstlingsroman – im besten Sinne. Das Buch ist überaus ambitioniert und versucht, sehr viel auf einmal zu leisten: persönliche Geschichte, Gesellschaftsroman und politische Analyse. Stilistisch ist es äußerst vielfältig: Manchmal ist es geradezu klassische Literatur mit metaphernreicher Sprache, dann wieder karikierend, dann mystisch oder einfach nah am Leben.
Dieses überbordende Konglomerat schätze ich sehr: Der Autor geht Risiken ein – sowohl inhaltlich als auch stilistisch. Nicht alles gelingt, aber gerade dieser Mut macht das Buch interessant.
Besonders gelungen ist die Verbindung von Alltag und magischem Denken. Dass übernatürliche Elemente wie die Njuzu ganz selbstverständlich Teil der Wirklichkeit sind, verleiht dem Roman eine eigene Atmosphäre und spiegelt kulturelle Vorstellungen überzeugend wider. Ebenso gelingt es dem Autor, zentrale gesellschaftliche Themen wie Korruption, staatliche Strukturen und die Nachwirkungen des Kolonialismus einzubinden. Auch die Avenues als Schauplatz sind stark gewählt. Sie bündeln die zentralen Themen des Romans und stehen sinnbildlich für die Widersprüche der Gesellschaft.
Gleichzeitig zeigen sich auch klare Schwächen:
- Der Roman will teilweise zu viel. Die Vielzahl an Themen und Perspektiven führt dazu, dass nicht alles gleich stark ausgearbeitet ist.
- Die nicht-chronologische Struktur kann verwirrend sein, auch wenn die Zeitebenen gekennzeichnet sind.
- Manchmal wirkt ein bestimmter Stilbruch störend: Besonders bei der Darstellung von Kolonialisten oder einzelnen Figuren kippt die Erzählung ins Klischeehafte. Die Figuren wirken dann eher wie Typen als wie echte Menschen.
- Der Protagonist bleibt zudem auf Distanz: Man interessiert sich für das, was Gerry erlebt, ohne dass er zur Identifikation oder Projektion taugt. Er ist ein normaler Mensch mit allen Schwächen und kein echter Sympathieträger. Aber eventuell ist der distanzierte Blick auf die Hauptperson auch eine Stärke. Helden hätten das ‚realistische‘ Gesellschaftsbild nur gestört.
Was bleibt?
„Die Avenues“ ist ein kraftvolles und ambitioniertes Debüt. Nicht alles ist ausgereift, und an manchen Stellen hätte weniger mehr sein können. Es ist aber ein Roman, der bewusst etwas wagt und nicht mit Perfektion langweilen möchte. Ein mutiger Roman mit Ecken und Kanten. Farai Mudzingwa ist ein Autor, von dem man hoffentlich noch viel lesen wird.
Ingo Barlovic
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Farai Mudzingwa - Die Avenues. 304, 2024, Unionsverlag
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Vielen Dank an den Unionsverlag für die Zusendung eines Rezensionsexemplars
