In „Eine afrikanische Geschichte Afrikas“ verfolgt Zeinab Badawi das Ziel, die Geschichte des Kontinents konsequent aus afrikanischer Perspektive darzustellen und sich damit bewusst von klassischen, oft eurozentrischen Darstellungen abzugrenzen. Sie legt dabei Wert darauf, historische Entwicklungen nicht nur chronologisch zu erzählen, sondern sie in ihren jeweiligen regionalen und kulturellen Kontexten zu verorten.
Inhalt
Zu Beginn behandelt das Buch die Frühgeschichte Afrikas. Es setzt mit bekannten Themen ein – Afrika als Wiege der Menschheit sowie die frühen Hochkulturen, insbesondere Ägypten. Diese Abschnitte orientieren sich stark an etablierten Darstellungen – auch wenn Badawi aufzeigt, welche große Rolle schwarze Völker in der Geschichte Ägyptens gespielt haben. So ist etwa beim Reich von Kusch interessant, dass die Eroberung von Teilen Ägyptens aus deren Perspektive erzählt wird. In der klassischen Geschichtsschreibung ist dies meist umgekehrt.
In den folgenden Kapiteln widmet sich die Autorin verschiedenen afrikanischen Reichen und Gesellschaften wie Mali, Ghana und Songhai. Dabei wird deutlich, dass Afrika bereits früh in weitreichende Handelsnetzwerke eingebunden war (Gold, Salz, Wissen) und eigenständige politische sowie kulturelle Entwicklungen durchlief. Der Fokus liegt dabei klar auf afrikanischen Akteuren und Deutungen historischer Prozesse.
Ein zentraler Teil des Buches beschäftigt sich mit dem Kolonialismus und seinen Folgen. Hier wird die europäische Expansion als tiefgreifender Einschnitt dargestellt, der bestehende Strukturen veränderte oder zerstörte. Die Darstellung bleibt dabei konsequent auf afrikanische Perspektiven ausgerichtet.
In den späteren Abschnitten geht es um die Zeit nach der Unabhängigkeit sowie um gegenwärtige Entwicklungen. Die Autorin versucht, Afrika als vielfältigen und dynamischen Kontinent darzustellen, dessen Geschichte nicht auf Kolonialismus und Krisen reduziert werden kann.
Auffällig ist, dass Zeinab Badawi immer wieder darauf eingeht, wo sie sich gerade an geschichtsträchtigen Orten befindet, um zu recherchieren und Geschichte zu erleben. Diese persönliche Einbettung verleiht dem Text stellenweise einen leicht reportageartigen oder reiseführerähnlichen Charakter.
Bewertung
Zunächst einmal ist es natürlich positiv, wenn afrikanische Akteure zur Geschichte „ihres“ Kontinents zu Wort kommen. Diese Verschiebung des Blickwinkels ist ein Gewinn und hilft, eingefahrene Narrative zu hinterfragen. Deutlich wird: Afrika ist nicht nur Objekt, sondern Akteur der Weltgeschichte.
Zudem ist das Buch gut lesbar und bietet Leserinnen und Lesern, die sich noch nicht tiefer mit der Geschichte Afrikas beschäftigt haben, einen soliden Überblick.
Andererseits hat es mich nicht vollständig überzeugt:
- Die Darstellung wirkt stellenweise einseitig. Es kommen fast ausschließlich afrikanische Stimmen, zumeist von Wissenschaftlern und aus entsprechenden Quellen, zu Wort. Zwar wird an einigen Stellen darauf hingewiesen, dass bestimmte Fragen in der Wissenschaft umstritten sind, letztlich folgt die Autorin jedoch häufig einer bestimmten („afrikanischen“) Position, die dann als gegeben erscheint. Dies wird vor allem bei einigen geradezu mythisch wirkenden historischen Persönlichkeiten deutlich. Kurz gesagt: Sie verfährt teilweise ähnlich wie klassische „westliche“ Geschichtsbücher – nur mit umgekehrten Vorzeichen. Eine stärkere Einbindung unterschiedlicher Perspektiven hätte hier für mehr Ausgewogenheit sorgen können.
- In eine ähnliche Richtung geht, dass sie ihre Quellen vergleichsweise wenig kritisch hinterfragt. Teilweise wirkt es so, als würde sie Erzählungen sehr offen aufnehmen und wiedergeben, ohne sie stärker einzuordnen.
- Inhaltlich bleibt der Erkenntnisgewinn begrenzt. Viele Aspekte dürften Leserinnen und Lesern, die sich bereits mit afrikanischer Geschichte beschäftigt haben, bekannt vorkommen. Neue oder überraschende Einsichten sind eher selten. Hier war für mich das wissenschaftlich deutlich differenziertere Buch „Große Königreiche Afrikas“ insgesamt ergiebiger.
- Andererseits ist der Ansatz bewusst niedrigschwellig und damit für Einsteiger sicherlich lohnend.
- Ich fand es zudem schade, dass das Buch strikt chronologisch vorgeht und mit den Ursprüngen der Menschheit und danach Ägypten beginnt. Gerade über diese Themen weiß man vergleichsweise viel, sodass der Einstieg zwar nachvollziehbar, aber auch etwas langweilig wirkt.
- Auch stilistisch ist das Buch nicht durchgehend überzeugend. Besonders im ersten Teil bleibt die Darstellung relativ trocken und wenig anschaulich. Es fehlen erzählerische Elemente oder Anekdoten, die den Text auflockern könnten. Dass die Autorin immer wieder vor Ort ist und persönliche Bezüge herstellt, reicht für mich nicht aus, um den Text wirklich zu emotionalisieren. Erst in den späteren Kapiteln, insbesondere im Zusammenhang mit dem Kolonialismus, gewinnt die Darstellung an Dynamik.
- Die wiederholte Selbstverortung der Autorin ist ein zweischneidiges Element: Einerseits schafft sie Transparenz und Nähe, andererseits wirkt sie stellenweise wie ein Stilmittel aus der Reiseliteratur und kann den Lesefluss unterbrechen.
Was bleibt?
Das Buch ist vor allem als Einführung geeignet. Es bietet einen verständlichen Überblick und einen klaren Perspektivwechsel, ohne dabei jedoch inhaltlich oder stilistisch vollständig zu überzeugen. Für Einsteiger ist es empfehlenswert, für Leserinnen und Leser mit Vorwissen dagegen nur eingeschränkt gewinnbringend.
Insgesamt hinterlässt das Buch jedoch einen soliden Eindruck: Trotz einiger Schwächen liefert es eine gut lesbare Einführung in die afrikanische Geschichte und macht die Bedeutung unterschiedlicher Perspektiven deutlich. Gerade als erster Zugang zum Thema kann es daher durchaus empfohlen werden. Teilweise taugt es sogar als eine Art Reiseführer.
Es fügt sich damit in einen allgemeinen Trend ein, Afrika eine größere Rolle als Akteur der Weltgeschichte einzuräumen. Man denke etwa an Bücher wie „Große Königreiche Afrikas“ oder „Afrika und die Entstehung der Welt“.
Ingo Barlovic
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Zenab Badawi - Eine afrikanische Geschichte Afrikas. Vom Ursprung der Menschheit bis zur Unabhängigkeit 512 Seiten, 2024, Piper, 28 Euro
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Vielen Dank an den Piper Verlag für die Zusendung eines Rezensionsexemplars
